Konservativ-modern - Die Berliner Tageszeitung "Die Welt"

"Die Welt" ist eine der ältesten überregionalen Tageszeitungen Deutschlands. Im Internet erwies sie sich als Vorreiter, als sie 1995 als eine der ersten großen überregionalen Tageszeitungen online ging.
Eigentlich ein Widerspruch in sich: Gewinnorientierter Verleger leistet sich chronisch defizitäre Tageszeitung. Ort des Geschehens: Berlin. Titel des Presseorgans: "Die Welt", ein Blatt der Axel Springer AG. Seit 2002 steht an der Spitze des größten Zeitungsverlags der heute 42 jährige Musikwissenschaftler Mathias Döpfner.
Der Konzern
Die 10.700 Mitarbeiter des Medienkonzerns produzieren mehr als 15O Zeitungen und Zeitschriften in 28 Ländern. 2004 erzielte der Springerkonzern einen Umsatz von 2,4 Milliarden Euro. Als besonders profitabel erweist sich "Bild". Mit täglich 3,8 Millionen Exemplaren ist sie Europas größte Boulevardzeitung.Döpfners Relaunch
Für Döpfner ist Journalist "der schönste Beruf der Welt". Am 1.Juli 1998 wurde er zum Chefredakteur der "Welt" berufen. In den folgenden zwei Jahren setzte er alles daran, das angestaubte Blatt in eine konservativ-liberale Tageszeitung mit modernem Erscheinungsbild umzuwandeln. Für Meinung, sprich Leitartikel, Kommentare, Kolumne, Forum, Porträt und Leserbriefe, sind seitdem zwei der 32 Seiten reserviert. Hauptstadt- und Wirtschaftsberichterstattung wurden ausgedehnt und verbessert. In der außenpolitischen Berichterstattung gelten die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes und die Solidarität mit den USA weiterhin als prioritär. Im Internet erwies sich "Die Welt" als Vorreiter, als sie 1995 als eine der ersten großen überregionalen Tageszeitungen online ging.Die Veränderung fiel 1999 sogar der linksliberalen Konkurrenz auf. "Kein Geifer, kaum Vorurteile, keine Parteilichkeit", lobte die "Süddeutsche Zeitung". Für das neue, stark gegliederte und lesefreudige Layout (7spaltig, 27 Zeichen pro Druckzeile, viele Farbfotos) erhielt "Die Welt" den Medienoscar der Society for News Design. Die unweit von New York ansässige SND wählte das Berliner Blatt im Jahr 2000 zur "World´s Best Designed Newspaper". Ende 2001 legte der Verlag die Redaktionen der überregionalen "Welt" mit der regionalen "Berliner Morgenpost" zusammen.
Auch wenn er die verkaufte Tagesauflage - derzeit 236.000 - etwas steigern konnte, eines gelang Döpfner nicht: Die überregionale "Welt" in die schwarzen Zahlen zu holen. Der Springer-Chef , der sich erst kürzlich in einem "Welt"-Leitartikel wieder zu seinem Credo "Gewinn ist fast alles" bekannt hatte, muss das Konzernflaggschiff jährlich mit einem Millionenzuschuss auf Kurs halten. Wie vor ihm Verlagsgründer Axel Springer.
Axel Springer
Der Hamburger Verleger besaß laut "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein die "auflagenempfindlichste Nase" Deutschlands. 1953 erwarb Springer die sieben Jahre zuvor von der britischen Besatzungsmacht lizensierte Tageszeitung "Die Welt", angeblich für 2,7 Millionen Mark. "Welt am Sonntag" und ein Yellow-Press-Organ waren im Preis inbegriffen."Ich bin der Meinung," erklärte Axel Springer 1966, "dass Zeitungen zwar an der Politik teilhaben, aber nicht Politik machen sollen." Zeitungen hätten die Politik lediglich zu begleiten, zu erklären, zu kritisieren und zu fördern. Springer dachte dabei vornehmlich an die politischen und ökonomischen Wertvorstellungen der Adenauer-Ära, die das Wirtschaftswunder ermöglicht hatten. Als er jedoch sah, dass diese von der Protestgeneration der 68er radikal in Frage gestellt wurde, nutzte der Großverleger seine Pressemacht zur Verteidigung des Erreichten: lauthals in "Bild", subtil in der "Welt" . Dadurch wurde Springer, wie Hermann Glaser in seiner "Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland" schreibt, zum "großen Negativsymbol der Protestbewegung".
Die Grünen im Visier
Die Auswirkungen sind bis heute sichtbar. Wer 2005 die "Welt" aufschlägt, kann davon ausgehen, dass auf den Politik-Seiten eine Partei in all ihrem Tun und Lassen besonders kritisch beäugt wird: "Bündnis 90 / Die Grünen", die umweltbewusste Nachfolgeorganisation von 68ern und Außerparlamentarischer Opposition (APO). 25 Jahre nach ihrer Gründung ist sie für die "Welt" eine "seltsam geschichtslose Partei". Die Frankfurter Publizistin Cora Stephan durfte anlässlich des Jubiläums auf den Meinungsseiten die Debatte anstoßen : "Wer braucht die Grünen noch?".Früher hätte es die seit 1993 einzige überregionale Tageszeitung mit Redaktionssitz Berlin dabei belassen. Heute unter Döpfner-Nachfolger Roger Köppel geht es fairer zu. Der ehemalige Chefredakteur der Schweizer "Weltwoche" ließ zusätzlich ein fast ganzseitiges Interview mit Daniel Cohn-Bendit , Grünen-Fraktionschef im Europaparlament, einrücken. Sein Inhalt: "Sternstunden, Fehlschläge und Zukunftsaussichten" der Partei. Und zwei Tage später fand sich über den Leserbriefen ein Zitat des CSU-Oppositionspolitikers Günther Beckstein: "Wir haben uns getäuscht: Die Grünen sind die einzige Partei, die dauerhaft in Deutschland neu entstanden ist, das ist eine Leistung".
|
Literaturempfehlung
Lutz Hachmeister, Friedemann Siering (Hrsg.), Die Herren Journalisten, Die Elite der deutschen Presse nach 1945, 328 S., Verlag C.H.Beck, München 2002, ISBN 3-406-47597-3 (mit ausführlichem Kapitel über Axel Springer, den "Mystiker auf Sylt" ) |
Freier Journalist, Bonn
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Juni 2005














