Vor 50 Jahren - BRAVO bringt die Jugendkultur nach Deutschland
Kein anderes Magazin in Deutschland verkörpert den Begriff "Jugendkultur" so wie die BRAVO. Sie berichtete über Jahrzehnte über deutsche Themen und war gleichzeitig der wichtigste Lieferant über die amerikanische Popkultur. Zum Jubiläum im kommenden Jahr wird die Ausstellung "50 Jahre BRAVO" vorbereitet.
Am 26. August 1956 erscheint in München die erste Ausgabe mit einer Startauflage von 30.000 Exemplaren zum Preis von 50 Pfennig. Schon drei Jahre später liegt die Auflage bei über einer halben Million und steigt weiter – bis über eine Million, Woche für Woche. Erst in der Krise des Zeitschriftenmarktes (in den 80er Jahren) sinkt die Auflage wieder und pendelt sich bei heute rund 500.000 ein.
"50 Jahre BRAVO" – zum Jubiläum im kommenden Jahr bereitet gegenwärtig das Wilhelm-Fabry-Museum in Hilden bei Düsseldorf im Rahmen seines Jugendkulturjahrs eine Ausstellung vor. Ergänzt wird sie durch einen über 300 Seiten dicken Katalogband, den das Berliner Archiv der Jugendkulturen zusammenstellt. Michael Krambrock (Hilden) und Klaus Farin (Berlin) wollen "ein einzigartiges Abbild von 50 Jahren Jugendkultur" präsentieren. BRAVO habe alle Trends aufgesogen, seine jugendliche Zielgruppe wie kein anderes Magazin erforscht und getestet, aber nie selbst ein eigenes Programm vertreten, so Klaus Farin. Michael Krambrock: "Wir wollen Jugendlichen heute zeigen, wie ihre Eltern und Großeltern erwachsen geworden sind."
Wanderausstellung im Jubiläumsjahr
Die Macher haben sich vier Schwerpunkte gesetzt. BRAVO als "Spiegelbild des Zeitgeistes" entdeckte in den Wirtschaftswunderjahren (den 1950er Jahren) den "Teenager" und brachte den Rock `n Roll nach Deutschland. Die Beatgeneration und die Hippies dominierten die 60er Jahre, die Studentenrevolte 1968 kam vergleichsweise knapp weg. Nur zwei Ausgaben – so hat Michael Krambrock herausgefunden – hatten explizit politische Titelblätter: Der Schauspieler Heinz Rühmann mit Hitlerbärtchen im Jahre 1957 stand für eine Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. "Wir trauern mit Amerika" titelte das Magazin nach dem 11.September 2001.
"Kommerz und Jugendkultur" ist der zweite Themenkomplex überschrieben. BRAVO führte anfangs noch den Untertitel "Film- und Fernsehzeitschrift" und widmete sich intensiv den Leinwandhelden. Erst 1964 war der Wandel zur Musikzeitschrift vollzogen. Charts und Ranglisten spiegelten den kommerziellen Erfolg der Stars und Sternchen im Musikgeschäft. BRAVO ließ Marktstudien anfertigen und seine Zielgruppe analysieren, beauftragte Meinungsforscher mit Umfragen und setzte mit der "Otto"-Wahl einen eigenen Musikpreis aus. Die Jugendstudien werden heute selbst von etablierten Soziologen ernst genommen.
Neben dem Starkult wurde das Thema "Sexualität" Ende der 1960er Jahre zu einem tragenden Element. "Dr. Sommer" schrieb im Heft 43/1969 seine ersten Kolumne. Der Arzt und Psychologe - mit korrekten Namen Dr. Goldstein - lebt heute noch. Ausstellungsmacher Michael Krambrock hat ihn besucht, und er wird bei der Ausstellungseröffnung in Hilden aus seinen Erfahrungen berichten. Wenn überhaupt, dann habe BRAVO auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet, meint Krambrock. "Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie groß der Nachholbedarf an Wissen war." 1972 wurden zweimal BRAVO- Hefte mit allzu freizügigen Sexualdarstellungen verboten. Krambrock: "Heute würde man darüber lächeln." "Dr. Sommer" hielt 15 Jahre durch, heute schreibt ein Autorenkollektiv unter seinen Namen.
Die eigene BRAVO-Geschichte
Mit dem vierten Themenkreis sollen die Menschen an den Ausstellungsorten selbst einbezogen werden. Regional- und Lokalzeitungen werden ihre Leserinnen und Leser dazu aufrufen, ihre eigene BRAVO-Geschichte zu erzählen. Auch Gegenstände sind gefragt: "Da gibt es die außergewöhnlichsten Dinge", berichtet Krambrock. "Wir haben eine Originalgitarre der Beatles aufgetrieben, die ersten BRAVO-Ottos, seltene Autogramm-Karten, jede Menge Starschnitte in Lebensgröße, einen alten Plattenspieler mit Batteriebetrieb, eine Zündapp (ein Original-Moped aus den 50er Jahren), Lederjacken, Eintrittskarten...".Die BRAVO-Redaktion selbst hat zu dem Ausstellungsprojekt nur verlauten lassen, für sie sei das Jubiläum erst im kommenden Jahr. Klaus Farin: "Wir haben sie angeschrieben, wir haben sie eingeladen, mitzumachen – aber es gab keine Reaktion." Die Ausstellungsmacher betonen, dass ihre Schau keineswegs die BRAVO an den Pranger stellen möchte. "Wir setzen uns mit 50 Jahren Jugendkultur auseinander, und das durchaus kritisch", sagt Krambrock. Er arbeitet mit vielen Ehrenamtlichen zusammen, die Bilder einscannen oder Musik downloaden; der Leiter des Hildener Archivs Wolfgang Antweiler ist dabei, der Stadthistoriker Bernd Morgner und einige Privatsammler unterstützen ihn. "Wir könnten Sponsoren wirklich noch brauchen", meint er. Immerhin ist der Heinrich-Bauer-Verlag, bei dem BRAVO erscheint, der viertgrößte deutsche Medienverlag.
Heute hat BRAVO Ableger gebildet: BRAVO-Girl, BRAVO-Sport, BRAVO-Screenfun (für Computerspiele) und natürlich eine eigene Onlineplattform (BRAVO.de), auf der alles angeboten wird, was Jugendliche interessieren könnte, von Starquiz bis zu Klingeltönen fürs Handy. "BRAVO und Jugendkultur – das konnte man einmal in einem Atemzug nennen", resümiert Michael Krambrock. "Das ist heute nicht mehr möglich."
Die Ausstellung, die am 23. Oktober 2005 in Hilden eröffnet wurde, soll im diesem Jahr in zahlreichen deutschen Städten sowie in Wien und Kopenhagen zu sehen sein. Eine eigene Version für die Schulen ist in Vorbereitung. Der Ausstellungsband erscheint zur Frankfurter Buchmesse.
freier Journalist in Bonn und Berlin, leitet in Berlin eine Agentur für Text und Gestaltung
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Januar 2006














