Die Situation der Stadtmagazine
Wer vor 20 Jahren etwas unternehmen wollte, griff zum Stadtmagazin. Nirgendwo sonst fand man alles auf einen Blick: Konzerte, Theater, Kino, Partys, Ausstellungen. Jetzt steht alles auch im Internet. Kostenlos. Was bedeutet das für die gedruckten Stadtmagazine?
Bisher haben die Stadtmagazine überlebt. Bis jetzt. In den vergangenen 15 Jahren wurde das Format öfter für veraltet erklärt. Doch es gibt sie in fast jeder deutschen Stadt, am Kiosk oder kostenlos. In größeren Städten erscheinen sogar mehrere. Die ersten Stadtmagazine entstanden Anfang der 1970er-Jahre im Dunstkreis alternativer Szenen, die sich mit Themen beschäftigten, die in den Tageszeitungen nicht vorkamen: kleine Kulturprojekte, rücksichtslose Stadtsanierungen, autofreie Städte. Die Stadtmagazine schrieben darüber und kündigten die dazugehörigen Veranstaltungen im Kalender an. Die Terminkalender waren lange Zeit der Kern der Stadtmagazine. Doch dann kam das Internet und Mitte der 1990er-Jahre begannen die Auflagen zu sinken.
Lokalität als Stärke
„Viel schlimmer als das Internet war für alle Stadtmagazine aber 2007 das Verbot von Tabakwerbung“, sagt Gerhard Fiedler, Herausgeber von Szene Hamburg, einem der ältesten Stadtmagazine Deutschlands. Bis zum Inkrafttreten der europäischen sogenannten Tabakwerbe-Richtlinie hatten die meisten Stadtmagazine von Zigarettenanzeigen gelebt. Und obwohl die Anzeigenerlöse auch weiter zurückgehen und das Internet allgegenwärtig ist, gibt es die gedruckten Hefte immer noch. 15.000 verkauft Szene Hamburg jeden Monat. Mitte der 1990er-Jahre waren es noch 22.000. Herausgeber Fiedler glaubt trotzdem an die Zukunft der Printausgaben. „Medien können auch parallel existieren“, sagt er. „Jedes hat seine Qualität.“ Sicher ist aber: Auf Veranstaltungskalender lassen sich Hefte nicht mehr aufbauen, ein inhaltliches Umdenken ist notwendig. „Stadtmagazine müssen sich wie früher dem Ungewöhnlichen widmen“, sagt Fiedler, der in Szene Hamburg die Reportage als Textform wieder beleben möchte. Dass sich momentan mehr Menschen für ihr lokales Umfeld interessieren, sieht er als Chance, denn „im Lokalen liegt unsere Kompetenz“.
Die Zukunft der Stadtmagazine sieht Gerhard Fiedler nicht im Internet. „Alle Versuche von Verlegern es kostenpflichtig zu machen, sind gescheitert“, sagt er. Für ihn sind Applikationen für Tablet-Computer und Smartphones die Zukunft. „Solche Entwicklungen gehen für uns als kleinen Verlag aber nur schrittweise.“
Auswahl und Einordnung
Momentan sind Termine aus den Heften noch nicht wegzudenken. Die Macher des Leipziger Kreuzer haben sogar festgestellt, dass viele Leute gerade wegen der Veranstaltungstipps zum Heft greifen. „Die Auswahl und Einordnung der Veranstaltungen durch uns sind wichtig“, sagt Chefredakteurin Claudia Euen. Und die gibt es nur im Heft. Genauso wie die ausführlichen und optisch ansprechenden Magazingeschichten, die für Euen zentral sind. 1991 aus der Kulturbeilage einer Tageszeitung entstanden, ist Kreuzer ein vergleichsweise junges Stadtmagazin. Mit rund 10.000 verkauften Heften blieb die Auflage bis heute relativ konstant. Anders als in größeren Städten existiert in Leipzig ein Markt für ein alternatives Medium. Denn es gibt nur eine lokale Tageszeitung. Deren Leser sind 50 bis 60 Jahre alt, die von Kreuzer hingegen Ende 20 bis Ende 30.
In Berlin ist die Konkurrenz am größten, denn in der deutschen Hauptstadt buhlen die zwei großen Stadtmagazine Zitty und Tip, verschiedene Tageszeitungen und viele kostenlose Stadtmagazine um stadtpolitisch und kulturell interessierte Leser. Die traditionell links-alternative Zitty erscheint 14-tägig und verkauft 32.000 Hefte an ein Kernpublikum, das 35 Jahre und älter ist. Chefredakteur Kai Röger nennt Zitty eine Marke, die für „Berlin-Kompetenz“ steht. Als Basis der Marke sieht er das gedruckte Heft, das sich mittlerweile über Magazintexte zu lokalen Themen und vor allem über die Rezensionen und Tagestipps definiert. „Die Leute verlassen sich auf die Marke“, sagt Röger. „Deshalb kaufen sie das Heft noch.“
Neue Nischen finden
Doch bei sinkenden Auflagen und sich teilenden Märkten reicht das nicht mehr aus. In dieser Situation Nischenmärkte zu bedienen, ist eine Methode, die schon andere Zeitschriftenverlage erfolgreich angewendet haben. Aus dem Hause Zitty gibt es mittlerweile so viele Sonderhefte wie von wohl keinem anderen Stadtmagazin: Essen&Trinken, Shopping, Mode, Design, Familie, Brandenburg und ein Berlin-Buch. „Print erwirtschaftet viel mehr als Online“, sagt Chefredakteur Röger, für den beide Medien für unterschiedliche Herangehensweisen stehen: das Heft zur Inspiration für Unentschlossene, das Internet für die gezielte Suche.
Dass die Zitty in absehbarer Zeit im Netz wirklich Geld verdienen wird, bezweifelt er. „Die Glaubwürdigkeit im Netz ist gleich Null“, sagt er. „Die braucht die Marke aber.“ Neue Einnahmequellen sieht er eher im Sponsoring oder als Dienstleister für andere Firmen, wie die Modemesse Bread & Butter, für die die Redaktion eine Broschüre über Berlin angefertigt hat. „Dafür braucht man die Kompetenz der Marke.“ Also das ursprüngliche Stadtmagazin. „Das hat eine Zukunft“, so Röger, „wenn es guten Journalismus bietet, mit Lesegeschichten und glaubwürdigen Meinungstexten“.
ist freie Journalistin in Berlin.
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Juni 2012
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