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„Ein vielfältiges Talkshow-Angebot ist wünschenswert.“ – Harald Keller im Gespräch

Cover detail of ‘Die Geschichte der Talkshow in Deutschland’; © Fischer Taschenbuch VerlagCoverdetail von „Die Geschichte der Talkshow in Deutschland“; © Fischer Taschenbuch VerlagGute Fernseh-Talkshows sollten der Meinungsbildung des Betrachters dienen. Und sie sollten spontan, frech und respektlos sein. Das sagt Harald Keller, der ein Buch über die Geschichte der deutschen Talkshow geschrieben hat.

„Heute ist der Sinn des Lebens, Geschwätzwettbewerbe zu veranstalten, gigantische Krachmaschinen, Heulmaschinen, Geschwätzverstärkungsmaschinen Tag und Nacht in Betrieb zu erhalten“ Das hat der Dadaist Hans Arp gesagt. Ist die deutsche Talkshow eine solche Geschwätzigkeitsmaschinerie?

Das ist eine Frage der Betrachtung und Definition. Ich persönlich fasse die Talkshow in sinngetreuer Übersetzung ganz allgemein als Gesprächssendung auf. Und da bietet das deutsche Fernsehen für jeden Geschmack und jedes Interessensgebiet etwas, auch aus dem gehobenen Bereich – etwa Das Philosophische Quartett (ZDF) oder Bilderstreit (3sat).

Die Talkshow gilt gemeinhin als US-amerikanische Erfindung. Stimmt das überhaupt?

Nein. Nur der Begriff stammt aus dem englischsprachigen Bereich. Schon in der Weimarer Republik gab es beispielsweise öffentliche Gesprächsrunden vor Saalpublikum – noch ohne Beteiligung des Rundfunks, der diese Form später aufgegriffen hat. Parallel entwickelte sich in den Anfangsjahren des deutschen Hörfunks das didaktische Gespräch, das Bildung vermitteln und anregend wirken sollte. In seiner Anfangszeit übernahm das Fernsehen diese Sendeformen.

Der Talk der Medien nach der Talkshow

Cover von „Die Geschichte der Talkshow in Deutschland“; © Fischer Taschenbuch VerlagViele der ersten Talkshows waren politische Runden. Spielt die Talkshow in der politischen Meinungsbildung (heute noch) eine Rolle?

Ob beim einzelnen fernsehenden Bürger Wirkung erzielt wird, vermag ich als Programmhistoriker nicht zu sagen. In jedem Fall erreichen die Politiker durch ihre Talkshow-Auftritte die Multiplikatoren. Die sogenannten „Polit-Talkshows“ werden regelmäßig in Medienberichten detailliert nacherzählt. Nicht zuletzt durch das Internet haben sich diese wertenden Nacherzählungen vermehrt. Auch sind sie rascher verfügbar als früher, wodurch häufig eine Art Schneeballeffekt auftritt und folglich eine größere Öffentlichkeit erreicht wird.

Nischendasein in der DDR

In der Talkshow herrscht die freie Rede – sollte man meinen. Gab es auch eine Talkshow-Kultur in der DDR?

Wie im Westen gab es in der DDR von Sendebeginn an eine Tradition des fernsehöffentlichen Gesprächs über kulturelle Themen. Dieses konnte, wie die Reihe Jugendfilmclub zeigt, über den kulturellen Gegenstand auch besondere gesellschaftliche Probleme einbeziehen. Dies funktionierte aber nur in programmlichen Nischen. Daneben gab es, wiederum wie im Westen, Sendungen, die Personen des öffentlichen Lebens im Gespräch zu porträtieren suchten, darunter auch die anders als sonst üblich live ausgestrahlte Reihe Porträt per Telefon, zu der die Zuschauer via Telefon eigene Fragen beitragen konnten.

Auch auf die Gesten kommt es an

Die Talkshow ist als Redeveranstaltung ja eigentlich ein eher hörfunkadäquates Genre ...

Diese Annahme wurde schon in den fünfziger Jahren von Praktikern wie Theoretikern überzeugend widerlegt. Damals erkannte man, welchen Reiz es haben kann, jemanden nicht nur zu hören, sondern auch Mimik und Gestik des Sprechenden wie seiner Zuhörer wahrnehmen zu können. An dieser Faszination hat sich bis heute nichts geändert.

Ideal ist nur ein buntes Angebot

Talkshow „3 nach 9“; © Radio Bremen/Frank PuschHeute hat man manchmal den Eindruck, dass Prominente nur noch in Talkshows kommen, um ihre neue CD oder ihr neues Buch in die Kamera zu halten. Ist da nicht inzwischen mehr Show als Talk?

Die Redaktionen suchen natürlich nach konkreten Anlässen, um jemanden einzuladen. Das ist weder neu und noch per se verwerflich. Dann allerdings muss sich zeigen: Bleibt es bei der reinen Warenpräsentation, oder entspinnt sich über diesen Anlass hinaus ein interessantes und unterhaltsames Gespräch, bestenfalls auch zwischen den geladenen Gästen?

Wie sähe für Sie heute die ideale Talkshow aus?

Ich wünsche mir gar nicht die einzelne Talkshow, die ausgerechnet meinem Geschmack entspricht, sondern weiterhin ein vielfältiges Angebot. Allgemein wäre anzumahnen, dass sich ein Talkmaster, anders als der Showmaster, nicht in den Mittelpunkt zu stellen hat. Ferner sollte er sich nicht mit seinen Gästen gemein machen oder deren Sache vertreten, sondern selbige mit gebührender Skepsis hinterfragen.

Das „unterschätzte Programmereignis“

Die Talkshow ist ja ihrem Wesen nach ein flüchtiges Phänomen. Was hat Sie daran gereizt, eine „Geschichte der deutschen Talkshow“ zu verfassen?

Jede Genregeschichte liefert kulturhistorische Einblicke und fördert bisweilen überraschende, hochspannende Erscheinungen zutage, die auch anderen Fachrichtungen zu erweiterten Erkenntnissen verhelfen können.

So lässt sich gerade am Beispiel der politischen Gesprächssendungen in Hörfunk und Fernsehen sehr schön belegen, dass es immer wieder Versuche der Parteien gab, Einfluss auf die Programme und deren inhaltliche Ausgestaltung zu nehmen. Da gibt es beispielsweise einen thematischen Zusammenhang mit dem aktuellen Versuch politischer Protagonisten, den ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender ablösen zu lassen. Und die Archive bergen natürlich eine Fülle an Gesprächen mit Schriftstellern, bildenden Künstlern, Film-, Fernseh- und Theaterschaffenden.

Insofern gilt es, der Flüchtigkeit entgegenzuwirken und relevante, gerade auch vergessene oder unterschätzte Programmereignisse zumindest deskriptiv zu sichern.

Haben Sie eine Lieblingstalkshow?

Wie damals viele Jugendliche, habe ich in den siebziger Jahren 3 :nach :9 sehr geschätzt. Und beim Wiedersehen im Rahmen meiner Forschung zeigte sich: Die Sendungen vermögen immer noch zu fesseln. Hier waren Spontaneität, Frechheit und Kratzbürstigkeit zugelassen, hier durfte in gewissem Rahmen gegen Regeln verstoßen werden. Diese Respektlosigkeit und Meinungsfreude war aber nicht Selbstzweck, sondern diente der Ausleuchtung jeweils aktueller kultureller und gesellschaftlicher Themen, mit der erkennbaren Absicht, dass der Zuschauer zu einer eigenen Meinung finden möge.

Harald Keller studierte Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften in Osnabrück, wo er in journalistischen und wissenschaftlichen Bereichen mit den Schwerpunkten Fernsehen, Film und Kultur arbeitet. 2009 erschien sein erster Roman Ein schöner Tag für den Tod. Nordholland-Krimi mit Rezepten.
Thomas Köster
stellte die Fragen. Er ist einer der beiden Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke. Zudem arbeitet er als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2009

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