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Ermittlungen statt Hausaufgaben: TV-Krimis für Kinder

Szene aus Krimi.de Hamburg: „Finderlohn“; © MDR/NDR/Romano RuhnauSzene aus Krimi.de Hamburg: „Finderlohn“Bereits Kinder hat das „Tatort“-Fieber erwischt. Für die Fernsehreihe „Krimi.de“ ermitteln Nachwuchs-Kommissare in fünf deutschen Städten, seit kurzem auch in Stuttgart. Sie lösen die kniffligsten Fälle: ohne SEK und Dienstwagen und ohne Blutvergießen – dafür mit Mut, Grips und guten Einfällen.

Unglücklicher kann der Start an der neuen Schule fast nicht laufen. Eben erst ans Stuttgarter Gymnasium gewechselt, wird Klara zum Gespött der ganzen Klasse. Fotos, aufgenommen im Spaß bei einem „Fotoshooting“ mit einer Freundin, zeigen sie leicht bekleidet – und tauchen urplötzlich im Internet auf, nachdem Klara auf einer Party ihr Handy verloren hat. Verzweifelt macht sie sich auf die Suche nach demjenigen, der ihr das angetan hat.

Ein wohliges Kribbeln breitet sich in der Magengegend des kleinen Fernsehzuschauers aus. Er kuschelt sich noch ein wenig tiefer in den Sessel. Worauf sich die Erwachsenen in Deutschland traditionell am Sonntagabend freuen, wird seit 2005 samstags auch für Kinder geboten, in der Reihe Krimi.de, ausgestrahlt im Kinderkanal KI.KA, dem Gemeinschaftssender von ARD und ZDF.

Notfalls hilft ein Profi-Cop

Szene aus der „Tatort“-Folge „Kaltes Herz“; © WDR/Uwe StratmannHinter den Kinder-Krimis steckt dasselbe Konzept wie hinter der Erfolgsserie Tatort der ARD: Ermittler-Teams in unterschiedlichen deutschen Städten teilen sich nacheinander den Sendeplatz. Krimi.de spielt abwechselnd in Leipzig, Jena, Erfurt und Hamburg. Und bald gibt es auch Fälle in Süddeutschland zu lösen: Im Oktober 2009 war in Stuttgart Drehstart für die neue Folge Netzangriff.

Allerdings sind die Ermittler bei Krimi.de wesentlich jünger als ihre Tatort-Kollegen. Sie heißen Tom und Mandy, Amelie, Conny und Lukas und sind sechs bis 14 Jahre alt. Wenn die Kids, die noch keine Polizeischule durchlaufen haben, bei ihren Ermittlungen nicht mehr weiterkommen, unterstützt sie ein erwachsener Profi-Cop. In der Stuttgarter Folge schreitet Kommissar Thorsten Lannert alias Richy Müller ein und hilft, den Fall „Cybermobbing“ zu lösen.

Deutschland im „Tatort“-Fieber

Szene aus Krimi.de Hamburg: „Finderlohn“; © MDR/NDR/Romano RuhnauKrimi.de kommt gut an: Das Tatort-Fieber hat offenbar längst auch die kleinen Zuschauer erwischt. Warum sind die Deutschen, ob jung oder alt, eine derart Tatort-begeisterte Nation? Warum lieben sie ihre streitenden, singenden, schwäbelnden Kommissare, immer im Dienst und fast immer erfolgreich? „Die meisten Tatorte stehen für hohe Fernsehqualität“, erklärt der Regisseur des Stuttgarter Kinder-Krimis Netzangriff, Marco Petry. Hinzu komme der etablierte Sendeplatz am Sonntagabend: „Man weiß als Zuschauer, dass man zum Ausklang des Wochenendes Ermittlern zuschauen wird, die einem über die Jahre ans Herz gewachsen sind.“

Darauf setzt auch Krimi.de. Das erste Team waren Louis, Tom und Mandy aus Leipzig. Unterstützt wurden sie von Bruno Ehrlicher alias Peter Sodann, der im „wahren“ Tatort schon pensioniert ist. Sie ermittelten bereits in fünf Folgen. In Jena wurden bislang vier Folgen gedreht, in Hamburg sechs, in Erfurt sieben.

Die Kunst des Krimi-Drehens


Buchcover von „Emil und die Detektive“; © Cecilie Dressler VerlagDie Geschichte der Kinder-Krimis reicht zurück bis ins Jahr 1929. Damals erschien Erich Kästners Roman Emil und die Detektive, der gleich mehrmals erfolgreich verfilmt worden ist. Seitdem haben sich unzählige Kinder-Teams den Kopf über knifflige Fälle zerbrochen. Gegenüber den Drei Fragezeichen und TKKG, die mit der Ermittlungsarbeit erst beginnen, wenn die Hausaufgaben gemacht sind, will sich Krimi.de jedoch abgrenzen: „Die Kinder betreiben das Ermitteln nicht als Hobby, sondern weil die Umstände sie dazu bringen“, sagt Regisseur Marco Petry. „Etwa weil ein Freund von einer Gefahr betroffen ist oder die Kinder selbst in eine unangenehme Sache verwickelt werden.“

Zudem machen die Ermittler von Krimi.de, anders als in den meisten Kinder-Krimis, nicht Jagd auf den großen bösen Unbekannten, den es nur im Film gibt. Wie der Tatort für Erwachsene, so greift auch die Kinderkrimiserie soziale Fragen auf, die in der Realität der Jugendlichen auftauchen könnten. Da geht es um geheimnisvolle Vorgänge beim Babysitten, einen alkoholkranken Vater, um Drogenmissbrauch und Mitschüler aus der Neonazi-Szene.

Der Stuttgarter Krimi behandelt das Thema Cybermobbing. „Virtuelle Freundschaftsportale wie Facebook, SchuelerVZ und MySpace werden immer größer und beliebter“, erklärt Marco Petry die Entscheidung für das Thema. „Viele, vor allem junge Menschen, offenbaren dort ihr Privatleben in einem Ausmaß, das den Missbrauch einfach macht. Wir wollten vor Augen führen, wie schnell ein solcher Eingriff in die Privatsphäre eine Eigendynamik entwickeln kann und wie sehr die betroffenen Personen darunter leiden, wenn sie erst im Internet, dann im echten Leben, zum Beispiel in ihrem schulischen Umfeld, bloßgestellt werden.“

Kein Mord, kein Totschlag

Hörbuchcover von „TKKG“; © Europa VerlagIn den 45-minütigen Krimi.de-Folgen wird niemals blutig gemordet. Die Fälle verlaufen, anders als beim regulären Tatort, weitestgehend gewaltfrei. Auch stehen den jugendlichen Ermittlern, anders als den erwachsenen TV-Kommissaren, nur begrenzte Mittel zur Verfügung: Sie dirigieren kein Sondereinsatzkommando der Kripo, fahren keinen Dienstwagen, haben noch nicht einmal einen Führerschein. Gerade darin jedoch liegt der Reiz für die Autoren, meint Marco Petry: „Wir müssen die Kinder immer neue Möglichkeiten finden und Anstrengungen unternehmen lassen, wenn es etwa um die Überprüfung eines Verdächtigen geht.“ Die Kinder lösen die Fälle ohne Blutvergießen, dafür mit Mut, Grips und guten Einfällen.

Ob Klaras einziger Freund Tim in die Geschichte um die Handy-Fotos verwickelt ist, ob sich einige Klassenkameraden gegen Klara verschworen haben oder ob es einen großen unbekannten Schuldigen gibt, wurde im Februar 2010 im KI.KA aufgelöst. Auch wenn hier nicht mehr verraten werden soll, so ist eines gewiss: Die Gerechtigkeit siegt, und Klaras Geschichte schließt mit einem Happy-End, das die kleinen Krimi-Fans beruhigt schlafen lässt.

Verena Hütter
lebt als freie Autorin und Redakteurin in München.

Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
März 2010

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