Medienpolitik und -geschichte

„Twelve points“ für ARD und ProSieben – Medienphänomen Lena

Lena beim Eurovision Song Contest; © NDR/Rolf KlattLena beim Eurovision Song Contest; © NDR/Rolf KlattMai 2010: Lena Meyer-Landrut gewinnt den Eurovision Song Contest in Oslo – als erste deutsche Sängerin nach fast 30 Jahren. Ihre Erfolgsgeschichte ist auch die Erfolgsgeschichte einer außergewöhnlichen Kooperation zwischen dem privaten Fernsehsender ProSieben und der öffentlich-rechtlichen ARD.

„Lena! Lena!“-Rufe schallen über das Rollfeld in Hannover, als Lena Meyer-Landrut am 30. Mai 2010 aus dem Flugzeug steigt. Am Abend zuvor hat sie den Eurovision Song Contest (ESC) in Oslo gewonnen und kehrt nun in ihre Heimatstadt zurück. Tausende sind gekommen, um Lena zu feiern. Sie jubeln, schwenken Deutschlandfahnen. Hannover ist stolz, ganz Deutschland ist stolz.

Lena beim Eurovision Song Contest; © NDR/Rolf Klatt„Seid Ihr verrückt? Es regnet, geht doch rein!“, ruft Lena der feiernden Menge zu. Sie kann ihr Glück noch gar nicht fassen, ist überwältigt. Die 19-jährige Schülerin hat Europas größten Musikwettbewerb gewonnen. Fast 30 Jahre lang war das keinem deutschen Teilnehmer mehr gelungen. Lenas Triumph in Oslo ist eine Sensation, ihre Rückkehr nach Deutschland ein mediales Großereignis. Drei große Fernsehsender übertragen live.

„Einen Star wie Lena, den kann man nicht machen, den kann man nur finden“, schwärmt der Chef von Lenas Plattenfirma Universal Music in einem Interview. Und gemeinsam gesucht und gefunden haben diesen Star zwei deutsche Fernsehsender: in einer einzigartigen Kooperation.

Es wächst zusammen, was nicht zusammen gehört

Lena beim Eurovision Song Contest; © NDR/Rolf KlattAls die öffentlich-rechtliche ARD im Juli 2009 verkündet, man werde gemeinsam mit dem Privatsender ProSieben den deutschen Beitrag für den ESC 2010 suchen, sind viele Medienkollegen zunächst skeptisch. Da wächst zusammen, was nicht zusammen gehört, warnen gar einige. Doch viele zollen der Entscheidung auch Respekt, sind neugierig auf das gewagte Fernsehexperiment. ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber ist vom Gelingen von Anfang an überzeugt: „Ich glaube immer an die Kraft einer guten Idee.“

Und er glaubt an die guten Ideen eines Mannes: Stefan Raab. Der Moderator von ProSieben soll den deutschen Vorentscheid zum ESC organisieren. Raab ist ein angesehener Musikproduzent und Formatentwickler. Und er hat ESC-Erfahrung: Raab hat seit 1998 dreimal erfolgreich als Komponist, Sänger und Produzent teilgenommen – jeweils mit einer Platzierung unter den ersten Acht.

Gemeinsam im Rettungsboot

Lena beim Eurovision Song Contest; © NDR/Rolf KlattAuch Raabs Sender glaubt an eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Konkurrenten. „Wenn es um eine so große Sache geht, müssen Grenzen überwunden werden“, sagt ProSiebenSat.1-Vorstand Andreas Bartl. „Eine große Sache“, also die Neubelebung eines in Deutschland immer unpopulärer werdenden Wettbewerbs.

Seit Jahren schneiden die deutschen Teilnehmer beim Eurovision Song Contest schlecht ab, Spott und Häme für peinliche Auftritte bleiben häufig nicht aus. Das Publikumsinteresse sinkt, vor allem junge Zuschauer fehlen. Daher holen ARD und ProSieben auch die Jugendwellen der ARD-Radios mit ins Rettungsboot. Das gemeinsam formulierte Ziel: Das Publikum in Deutschland für den ESC zu begeistern und mit einer möglichst guten Platzierung aus Oslo zurückzukehren.

Im Februar beginnt die Suche nach dem deutschen ESC-Teilnehmer. ARD und ProSieben starten ein Casting. Das besondere: im Gegensatz zu den Vorjahren wählen nun die Fernsehzuschauer ihren Kandidaten selbst aus und bestimmen, welches Lied gesungen werden soll. Das Casting-Format „Unser Star für Oslo“ wird ein Publikumserfolg.

Ein ganzes Land im Lena-Fieber

Moderatoren der deutschen Übertragung des Eurovision Song Contest; © NDR/Rolf KlattARD und ProSieben zeigen die Shows abwechselnd. In acht Sendungen singt und performt sich schließlich Lena zum Sieg. Mit ihrem umwerfenden Charme, ihrer frischen und fröhlichen Art löst sie eine Euphorie aus, die Deutschland schon lange nicht mehr erlebt hat. Sie begeistert das Publikum und reißt alle mit – auch die Medien.

„Lena ist eine Geschichte, die uns viel lehrt über die Möglichkeit, Erfolg mit dem zu haben, was man am liebsten tut“, sagt Imre Grimm, Redakteur bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung aus Lenas Heimatstadt. „Sie steht im Prinzip für Träume, die man mit 18 hat, für Möglichkeiten, die man hat, wenn man jung ist, für die Welt, die einem offen steht. Sie erinnert uns ein bisschen daran, was hätte sein können.“

Erfolgreicher als die Beatles

Lena beim Eurovision Song Contest; © NDR/Rolf KlattLenas Träume sind wahr geworden. Mit ihrer Musik ist sie sehr erfolgreich. Noch vor ihrem Final-Sieg in Oslo bricht sie in Deutschland einen Rekord. Als erste Künstlerin überhaupt platziert sie aus dem Stand drei Hits in den Top Fünf der Charts. Das ist nicht einmal den Beatles oder Michael Jackson gelungen.

Lenas Lied Satellite und ihr erstes Album erreichen Gold- und Platinstatus. Nach ihrem Sieg ist nun ein zweites Album geplant, Lena schreibt an eigenen Songs. Den Sommer über reist sie durch Europa, besucht Radiosender und TV-Shows. Für nächstes Jahr ist eine Tour geplant. Und das gemeinsame Erfolgsprojekt von ARD und ProSieben wird ebenfalls fortgesetzt.

„Never change a winning team“

Lena beim Eurovision Song Contest; © NDR/Rolf Klatt2011 geht es weiter. Das haben die Beteiligten der Sender schon vor dem Finale in Oslo verkündet. Lenas Sieg krönt die erfolgreiche Zusammenarbeit eines Privatsenders mit einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt. ProSieben und ARD schreiben gemeinsam ein Stückchen Fernsehgeschichte. „Never change a winning team“, so die Worte vom ProSiebenSat.1-Vorstand Andreas Bartl.

Doch dieses „winning team“ wird sich noch einem Problem stellen müssen. Wie wiederholt man ein solch quotenträchtiges Fernsehereignis, wie es der Vorentscheid war? Denn eine Neuauflage der Casting-Sendung wird es nicht geben können. Lena soll ihren Titel verteidigen.

Tina Schober
arbeitet für das Medienmagazin ZAPP beim NDR und als freiberufliche Journalistin in Hamburg.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2010

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