„Quote ja – aber nicht um jeden Preis.“ ARD-Programmdirektor Volker Herres im Gespräch

Die Hoheit der überwiegend gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten über den Äther in Deutschland ist schon lange passé. Die Zulassung privat-kommerzieller Konkurrenz, die neuen Medien und das Internet haben sie zu erheblichen Umstrukturierungen und Ausweitungen ihrer Sende-, Programm- und Formatangebote gezwungen. Trotzdem steht für Programmverantwortliche wie Volker Herres nach wie vor der Bildungs- und Informationsauftrag im Vordergrund.Herr Herres, haben sich die gesendeten Inhalte von öffentlich-rechtlichen Sendern seit ihrer Einführung Ihrer Ansicht nach verändert?
Nicht nur die Programminhalte haben sich eklatant verändert, auch der Umfang des Programms und die Wettbewerbssituation. An ein tägliches 24-Stunden-Vollprogramm war ja zum Start des Deutschen Fernsehens 1952 noch gar nicht zu denken. Das Fernsehen hat laufend neue Formate entwickelt, seine Genres und Ressorts ausgeweitet. Am Anfang standen vor allem Nachrichten und Spielfilme im Zentrum. Magazine, Serien, Dokumentationen oder Dailys gab es in den Kinderjahren des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ebenso wenig wie Mischformate, die heute als Scripted Reality bei der kommerziellen Konkurrenz die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen.
Einige öffentlich-rechtliche Sender setzen kommerzielle Werbung ein. Gehen Sie davon aus, dass die Rundfunkanstalten ihre Inhalte zugunsten höherer Einschaltquoten anpassen?
Auch ARD und ZDF können werktags bis 20 Uhr werben und zielen gerade im Vorabendprogamm mit speziellen Formaten auf das werberelevante jüngere Publikum. Natürlich ist man dabei stets bemüht, möglichst viele Zuschauer anzusprechen. Denn höhere Zuschauerzahlen ermöglichen größere Werbeerlöse. Alleiniges Programmziel ist die Quote für uns aber nicht. Sie ist der Gradmesser dafür, dass wir unseren Programmauftrag auch tatsächlich erfüllen, statt nur im Anspruch stecken zu bleiben.
Hat sich die Rolle von Filmemachern in Bezug auf Filmprojekt-Vorschläge für öffentlich-rechtliche Sender geändert?
Diese Frage müssten eigentlich Filmemacher beantworten. Aus Sicht der Programmverantwortlichen ist es sicher schon ein großer Unterschied gegenüber früher, dass wir heute Filme immer in Bezug auf bestimmte Genres und Sendeplätze im Programm selbst produzieren, in Auftrag geben oder erwerben. Aber natürlich gibt es für gute Filmprojekte auch heute immer einen geeigneten Platz.
„Kompetenz und Glaubwürdigkeit wahren“
Internet-Streams, Downloads und On-Demand-Watching – Bedrohung oder Chance? Wo sehen sie den Platz für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in diesen Technologien?
Die neuen Übertragungswege eröffnen dem Zuschauer eine größere zeitliche Flexibilität. Das ist die Chance für alle Rundfunkanbieter – auch die Öffentlich-Rechtlichen –, ein noch größeres Publikum zu erreichen. Ich glaube aber nicht, dass Fernsehen on Demand via Internet die lineare Nutzung des Fernsehprogramms in absehbarere Zeit ersetzen kann. Das Fernsehen hat eben auch Event-Charakter.
Was wird die Zukunft bringen? Wagen Sie einen Ausblick über mögliche zukünftige Entwicklungen und Trends im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Ich gehöre nicht zu denen, die die Zukunft voraussagen können. Aber ich sehe Tendenzen. Darunter auch das Bestreben, seine eigenen Marken zu stärken. Das ist gerade im Hinblick auf die wachsende Zahl der Verbreitungswege sinnvoll. Auch wird es ratsam sein, den schon angesprochenen Event-Charakter des Fernsehens auszubauen und gerade bei sportlichen Großereignissen auf zeitgleiche Live-Berichterstattung auf verschiedenen Kanälen zu setzen. In erster Linie aber sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine über Jahrzehnte erworbene Kompetenz und Glaubwürdigkeit im Informationsbereich wahren.
stellte die Fragen. Er arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in München und Landshut.
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Mai 2011
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