Abseits des Massengeschmacks – der Kulturkanal ARTE
Mainstream? Nein danke! Seit Sendestart Anfang der 1990er-Jahre hat sich der öffentlich-rechtliche Spartensender ARTE zu einem crossmedialen Vollprogramm entwickelt, das keine kulturellen Grenzen kennt. Sein Alleinstellungsmerkmal: ein multi-nationales Programm in zwei Sprachen. Es ist der 30. Mai 1992, 19 Uhr. Der Kulturkanal ARTE geht erstmals auf Sendung. Fünf Stunden dauert das Programm an diesem Tag. Knapp zwei Jahre zuvor schlossen Deutschland und Frankreich einen Vertrag zum „Europäischen Kulturprogramm ARTE“, eine Geste der Freundschaft und der europäischen Völkerverständigung. Vorausgegangen waren lange Verhandlungen, die alle auf dieselbe Idee zurückgingen: Die Gründungsväter François Mitterrand, Helmut Kohl und Lothar Späth wollten einen gemeinsamen, öffentlich-rechtlichen TV-Sender an den Start bringen, der dazu beitragen sollte, dass sich Deutsche und Franzosen über die Kultur näher kommen.
Treue Fangemeinde für experimentelles Programm
Über Ländergrenzen hinaus sollten kulturelle Strömungen abgebildet werden. ARTE wollte jungen, ambitionierten Regisseuren, Produzenten und Künstlern eine Plattform bieten, die im immer stärker kommerzialisierten und auf Massentauglichkeit angelegten Fernsehmarkt weniger Chancen haben. ARTE (Association Relative à la Télévision Européenne) wurde zum deutsch-französischen Gemeinschaftsunternehmen von ARD und ZDF, den beiden öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in Deutschland, und dem französischen Sender La Sept.ARTE hat bis heute ein Alleinstellungsmerkmal in der globalen TV-Landschaft: Der Sender produziert ein Programm für Zuschauer in zwei Ländern, in zwei Sprachen. Und dieses Programm bietet eine Vielzahl von Themen und Genres, es zeichnet sich durch Experimentierfreude und eine Ästhetik aus, die nicht den Massengeschmack bedient und eine zwar kleine – in Deutschland liegt der Marktanteil bei etwa einem Prozent –, aber dennoch treue Fangemeinde hat.
Von avantgardistisch bis gaga
Einen Schwerpunkt des Programms bilden neben Fernseh- und Spielfilmen, die ein Drittel des Programms ausmachen, Dokumentationen: Sie haben einen stolzen Anteil von 40 Prozent. Die Themen reichen von den Schlösserwelten Europas über den Arabischen Frühling bis zur Rettung von Delfinen in Peru.Musik und Tanz, Konzert- und Theateraufführungen, Übertragung von Festivals – zehn Prozent der Programminhalte befassen sich mit darstellender Kunst. Daneben werden in der Spätvorstellung unabhängige Produktionen aus aller Welt gezeigt. Meist nach Mitternacht erhalten junge Talente eine Plattform. Dann erleben Zuschauer auf ARTE innovatives Fernsehen, von avantgardistisch bis gaga, von experimentell bis selbstreferenziell.
Ein weiteres Markenzeichen und eine mutige TV-Neuerung sind die zweimal pro Woche ausgestrahlten Themenabende mit Beiträgen unterschiedlicher Genres rund um eine Leitidee. Leisten kann sich der Sender all das, weil er zu 95 Prozent über die in Deutschland und Frankreich erhobenen Rundfunkgebühren finanziert wird. 2011 standen ARTE rund 424 Millionen Euro zur Verfügung. Ein Großteil des Geldes, das für das Programm aufgewendet wurde, floss in europäische Projekte.
Koproduktionen mit anderen Ländern
2011 wurden rund 29 Prozent der Programme in Deutschland und 33 Prozent in Frankreich produziert. Ungefähr ein Viertel der Inhalte kaufte ARTE aus anderen europäischen Ländern ein. 15 Prozent der Programminhalte stammten aus Nord- und Südamerika, Asien, Afrika und Australien. Programmaustausch, Kooperationen, Partnerschaften – ARTE hat mit vielen öffentlich-rechtlichen Sendern Europas Verträge für Koproduktionen geschlossen. So gehören zu den europäischen Partnern neben Österreich (mit dem Sender ORF), Belgien (RTBF) und Polen (TVP), auch Griechenland (ERT), die Schweiz (SRG, SSR), Schweden (SVT) und Finnland (YLE). Dabei sind Dreiviertel der ausgestrahlten Serien, Reportagen oder Dokumentationen Erstausstrahlungen und laufen erst im Anschluss bei anderen europäischen Sendern.Auch mit dem öffentlich-rechtlichen Danmarks Radio (DR) verbindet den Sender eine Partnerschaft. Eine aufsehenerregende Koproduktion mit DR ist The Act Of Killing von Joshua Oppenheimer, ein Film über die paramilitärischen Massenmorde in Indonesien in den 1960er-Jahren. Die Dokumentation sorgte bei der Berlinale 2013 für viel Diskussionsstoff. The Pirate Bay away from Keyboard, ein Dokumentarfilm von Simon Klose, zeigt die zahlreichen Prozesse gegen die Gründer des illegalen Filesharing-Portals aus Schweden. Das Besondere: Dieser Film feierte Premiere im Internet und konnte gratis heruntergeladen werden. Unter den Begriff der „gelegentlichen Partnerschaften“ fallen außerdem Einkäufe von TV-Formaten. So strahlte ARTE das dänische Politdrama Borgen – Gefährliche Seilschaften aus. Die Serie, eine DR-Produktion, erzählt vom Aufstieg der Politikerin Brigitte Nyborg zur Premierministerin. Mit der Geschichte um Macht und Intrigen sorgte Borgen in Dänemark für Rekordquoten und wurde bereits mit mehreren europäischen Fernsehpreisen ausgezeichnet. Im Gegensatz zu den erfolgreichen Politdramen aus den USA kommen deutschen und französischen Zuschauern viele der verhandelten Problematiken wohl recht bekannt vor: Renten- und Zuwanderungspolitik, Koalitionsstreitigkeiten, Frauenquote – Themen, über die Europa diskutiert.
ARTE online
ARTE kann auf dem ganzen europäischen Kontinent empfangen werden. Seit Januar 2012 findet man den Sender auch als Livestream im Internet. Auch dort will sich ARTE progressiv zeigen und weiteren Raum für kreatives Schaffen öffnen. Jeder kann, jeder soll Inhalte beisteuern, ob Video- und Medienkunst, Fotografie oder Architektur. ARTE Creative versteht sich als Netzwerk, als künstlerische Plattform und kreativer Thinktank junger, experimentierfreudiger Künstler. Das Angebot wird gut angenommen: 3.500 Kreative sind bereits Mitglied der Community. Der Slogan dieses virtuellen Labors ist für ARTE aber nicht nur online Programm: „Kunst bringt Chaos in die Ordnung!“. Damit hat ARTE den Sprung ins Internet geschafft, wie ihn sich andere öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland wünschen. Das Ziel, online eine schöpferische Gemeinschaft aufzubauen, mit der der Sender neue redaktionelle Formen entwickeln kann, ist ehrgeizig. Die rege Beteiligung über sämtliche Social-Media-Tools zeigt aber, dass die Idee aufgeht.Angelika Luderschmidt
ist freie Kultur- und Medienjournalistin und lebt in München.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
März 2013
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de
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