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Ladenschluss



© Foto: Claudia Hautumm /  Pixelio


Ich hasse Deutschland. Weil man in Geschäften unfreundlich bedient wird, weil McDonald's nicht frei Haus liefert und weil hier immer alles geschlossen ist.

Seit dem 2. November [1996; Anmerkung der Redaktion] hasse ich Deutschland nicht mehr ganz so sehr. Der 2. November war ein Samstag. Bisher musste ich immer so weit wie möglich in den Samstag hineinschlafen, möglichst nicht vor 15.45 Uhr aufwachen, um sofort mit dem Samstagsprogramm beginnen zu können: "Beverly Hills 90210", "Melrose Place", "Central Park West". Oder aber ich musste besonders früh aufstehen, auf jeden Fall vor ein Uhr, um noch einkaufen gehen zu können. Zwischen 13 Uhr und "Beverly Hills" gab es nichts. Sinnlose ruhige Samstagsleere, die schon fast an Sonntage erinnerte. 

Einmal im Monat gab es den langen Samstag, an dem sich dann die ganze Stadt schlecht gelaunt in den Läden drängte - nicht gerade das, was ich mir unter Einkaufsspaß vorstelle und keine wirkliche Alternative zu meinem Bett. 

Am 2. November wachte ich spät auf. Obwohl die Uhr nach eins zeigte, spürte ich durch die dicken Hauswände hindurch, dass sich was tat auf der Straße, dass da Menschen waren mit Tüten in der Hand, ich hörte die Musik von klimperndem Wechselgeld in ihren Hosentaschen und fühlte die Hoffnung von parkplatzsuchenden Autofahrern. Und plötzlich fiel mir ein, dass das jetzt jeden Samstag so sein würde, nicht mehr nur an jedem Monatsersten und ich wurde ruhig und glücklich. 

Noch schöner war fast der Montag, an dem ich abends von der Arbeit nach Hause ging und unverhofft alle Läden offen fand. Bis zu diesem Moment hatte ich nicht ermessen können, was das neue Ladenschlussgesetz bedeuten würde. Für mich. Für mein Leben. Für Deutschland. Mit dem Ringelblumen-Orchideen-Gesichtswasser, das ich mir kurz vor 20 Uhr im Body Shop gekauft hatte, hatte ich mir zugleich 60 ml Freiheit gekauft. 

Mir wäre es ja am liebsten, alle Geschäfte hätten die ganze Nacht hindurch offen. Alleine schon die Möglichkeit, um drei Uhr morgens, sagen wir mal, Bilderrahmen kaufen zu können oder Pfandflaschen zurückzubringen, würde mich zu einem sehr zufriedenen Menschen machen. Und wenn ich nachts trotzdem schlafen würde, wäre das meine freie Entscheidung. 

Noch habe ich keine Wahl. Ich schlafe nachts, weil es nichts anderes zu tun gibt. Genau wie ich mich in Geschäften unfreundlich behandeln lasse oder zu McDonald's gehe, weil mir die Chicken McNuggets nicht gebracht werden. Solange ich in Deutschland wohne, muss ich das hinnehmen. Und dankbar sein, dass es wenigstens schon spät am Abend ist, wenn mir die Verkäuferin wortlos mein Gesichtswasser auf den Ladentisch knallt


Johanna Adorjan