Ich hasse
Deutschland. Weil man in Geschäften unfreundlich bedient wird, weil McDonald's
nicht frei Haus liefert und weil hier immer alles geschlossen ist.
Seit
dem 2. November [1996; Anmerkung der Redaktion] hasse ich Deutschland nicht mehr ganz so sehr. Der 2.
November war ein Samstag. Bisher musste ich immer so weit wie möglich
in den Samstag hineinschlafen, möglichst nicht vor 15.45 Uhr aufwachen,
um sofort mit dem Samstagsprogramm beginnen
zu können: "Beverly Hills 90210", "Melrose
Place", "Central Park West". Oder aber ich musste besonders
früh aufstehen, auf jeden Fall vor ein Uhr, um noch einkaufen gehen zu
können. Zwischen 13 Uhr und "Beverly Hills" gab es nichts. Sinnlose ruhige
Samstagsleere, die schon fast an Sonntage erinnerte.
Einmal im Monat gab es den langen Samstag, an dem sich dann die ganze Stadt schlecht gelaunt
in den Läden drängte - nicht gerade das, was ich mir unter Einkaufsspaß
vorstelle und keine wirkliche Alternative zu meinem Bett.
Am 2. November wachte ich spät auf. Obwohl die Uhr nach eins zeigte, spürte
ich durch die dicken Hauswände hindurch, dass sich was tat auf der Straße,
dass da Menschen waren mit Tüten in der Hand, ich hörte die Musik von
klimperndem Wechselgeld in ihren Hosentaschen und fühlte die Hoffnung
von parkplatzsuchenden Autofahrern. Und plötzlich fiel mir ein, dass das
jetzt jeden Samstag so sein würde, nicht mehr nur an jedem Monatsersten
und ich wurde ruhig und glücklich.
Noch schöner war
fast der Montag, an dem ich abends von der Arbeit nach Hause ging und
unverhofft alle Läden offen fand. Bis zu diesem Moment hatte ich nicht
ermessen können, was das neue Ladenschlussgesetz bedeuten würde. Für mich. Für mein Leben.
Für Deutschland. Mit dem Ringelblumen-Orchideen-Gesichtswasser, das ich mir kurz vor 20 Uhr
im Body Shop gekauft hatte, hatte ich mir zugleich 60 ml Freiheit gekauft.
Mir wäre es ja am liebsten, alle Geschäfte hätten die ganze Nacht hindurch
offen. Alleine schon die Möglichkeit, um drei Uhr morgens, sagen wir mal,
Bilderrahmen kaufen zu können oder Pfandflaschen zurückzubringen, würde mich zu einem sehr zufriedenen
Menschen machen. Und wenn ich nachts trotzdem schlafen würde, wäre das
meine freie Entscheidung.
Noch habe ich keine Wahl. Ich schlafe nachts,
weil es nichts anderes zu tun gibt. Genau wie ich mich in Geschäften unfreundlich
behandeln lasse oder zu McDonald's gehe, weil mir die Chicken McNuggets nicht gebracht werden. Solange ich in Deutschland wohne, muss ich das hinnehmen. Und dankbar sein, dass es wenigstens schon
spät am Abend ist, wenn mir die Verkäuferin wortlos mein Gesichtswasser auf den Ladentisch knallt.
Johanna Adorjan