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Typisch deutsch?

Schule in Deutschland:
Lernen ohne Erfolgsdruck.

 

 


"Im Juli gehe ich zurück nach Russland und dann muss ich in jedem Fall einen Platz an der Universität bekommen. Denn wenn ich das nicht schaffe, stecken sie mich erst mal in die Armee und davor habe ich Angst. In Russland sind wir großem Druck ausgesetzt: Nur wer in der Schule besonders gut ist, viele Einsen hat und dafür Medaillen gewinnt, hat eine Chance, an die Uni zu gehen. Und nur wer studiert hat, bekommt später auch eine Arbeit, mit der er genug Geld verdienen kann, um normal zu leben. Und trotzdem müssen viele auch noch Nebenjobs annehmen, damit es zum Leben reicht. Erfolgreich ist, wer viel weiß und sich ein menschenwürdiges Leben leisten kann. Hier in Deutschland ist das alles ganz anders. Die Leute arbeiten viel, erarbeiten sich aber vor allem Zeit, um zu reisen und ihr Leben zu gestalten. Sie sind frei, selbst zu entscheiden, wer sie sein wollen und wie ihr Leben aussehen soll.
Die Deutschen sollten wissen, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Das fängt schon in der Schule an: Es ist völlig üblich, für ein oder zwei Jahre nach Frankreich oder Amerika zu gehen. Auch wenn darunter vielleicht die Noten leiden, ist es mindestens genauso wichtig, die Welt kennen zu lernen. Vielleicht ist das sogar das einzig Wichtige: gut sein, um mehr Möglichkeiten und mehr Spaß zu haben. In Russland bin ich eine große Ausnahme. Wir haben in den seltensten Fällen die Möglichkeit, unser Land zu verlassen, weil wir das Geld eben zum Leben brauchen und keine Reisen finanzieren können.
Schon mit 16 weiß jeder genau, in welchem Beruf er später einmal arbeiten möchte. In Deutschland machen die Jugendlichen einfach ihr Abitur. Und dann haben sie erst mal Zeit. Manche nehmen sich ja sogar ein ganzes Jahr frei, jobben rum, machen Praktika oder auch gar nichts, bis sie sich dann irgendwann entscheiden, ob und was sie studieren wollen. Beneidenswert.
Erfolg ist hier schon auch sehr wichtig, aber eben nicht, um zu überleben, sondern um schön zu leben. Man leistet halt etwas, um nicht ganz dumm dazustehen und andere Länder kennen zu lernen. So scheinen in deutschen Schulen auch Sprachen sehr viel wichtiger zu sein als Naturwissenschaften. Aber manchmal scheint es mir, als würden die Deutschen ihre Freiheit gar nicht bemerken. Denn trotz ihrer Weltoffenheit beschäftigen sie sich komischerweise mehr mit Gegenständen als mit anderen Menschen. Ich bin nachmittags und am Wochenende oft alleine. Wie gern würde ich mich doch mit den anderen aus der Schule treffen, aber die sitzen meistens mit Stereoanlagen und Computern zu Hause. Schade finde ich auch, dass viele so arrogant werden, sobald sie etwas erreicht haben. Die wollen dann, dass jeder weiß, was sie können und sagen zu allem ihre Meinung, auch wenn die manchmal gar niemand hören will."

Ilja Krylov, 17, aus Yaroslawl, lebt seit September in Weilheim bei München und geht im Juli zurück nach Russland.