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Typisch deutsch?

Deutsches Zeitgefühl:
Immer mit der Ruhe.

 

 


"Die Chinesen leben irrsinnig schnell, versuchen, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel zu schaffen. Meine Eltern sind nie zu Hause, weil sie immer nur arbeiten. Auch bei uns gibt es das Sprichwort, dass Zeit Geld ist - und die meisten Chinesen richten sich danach. Wir haben so gut wie keine Freizeit.
Die Deutschen denken ja immer, sie wären hektisch. In Wirklichkeit aber leben sie sehr langsam, überlegen lange, was sie gerade tun möchten oder müssen. Sie haben viel Zeit für sich und ihre Familie. Die deutsche Zeit rennt nicht, sie bewegt sich in langsamen Kurven. Sie ist nicht durch einen strengen Wettkampf um Arbeit und Platz vorgegeben. Die Deutschen können sich die Zeit einfach nehmen. Vielleicht ist das so, weil hier so wenige Menschen leben und deshalb viel Zeit und Raum für alle da ist. Ich finde das wunderschön. Denn wer sich keine Zeit nimmt, wird krank und schlecht gelaunt.
Manchmal gehen die Deutschen trotzdem penibel mit ihrer Zeit um. Was wirklich seltsam ist, denn sie haben doch so viel davon. Wenn ich zum Beispiel eine Freundin treffen will, kann ich nicht einfach vorbeikommen, das nennen sie dann "Überraschungsbesuch" und so was gehört sich wohl nicht. Ich muss vorher anrufen und mich ordentlich mit ihr verabreden. Gerade wenn es ums Essen geht. Essen hat hier immer mit Zeit zu tun. Deutsche versuchen, gemeinsam zu essen und dabei in Ruhe miteinander zu reden. Sie mögen es nicht, nur schnell mal was reinzuschlingen. Es sieht gemütlich aus, wie sie essen. Sie schneiden mit Messer und Gabel klein, was sie vor sich auf dem Teller haben. In China essen die Leute mit hoher Geschwindigkeit, schon wegen der Stäbchentechnik, und weil sie keine Zeit haben. Aber das Wichtigste, wenn man sich mit Deutschen zum Essen verabredet, ist pünktlich zu sein. Die Zeit der Deutschen ist langsam, aber genau."

Rong Liu, 17, aus Shanghai, lebt seit September in München und geht im Juli zurück nach China.