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Sein Kampf


Über das Dritte Reich weiß man alles - von seinen Großeltern weiß man nichts. Es ist Zeit, über die Vergangenheit zu reden. Noch.

Alexander Haneke, 18 Jahre, genannt Alex, schläft unter einem Plakat von The Who, liebt die Musik von Air, liest gerade "Generation Golf" von Florian Illies, und das Dritte Reich, das kennt er gut. Hitler, Himmler, Goebbels, die Machtergreifung, Judenvernichtung und, klar, die Ideologie, "weiß ich alles", sagt er. Was eben so drankommt in der Schule. Alex Haneke hat einen Großvater. Er ist 89 Jahre alt. 1933 war er 21. 1945 war er 33. Viel mehr weiß Alex Haneke nicht. Nur ein paar Anekdoten. Jetzt steht Alex vor der Tür seines Großvaters, um über die Vergangenheit zu reden. Er klingelt.

Victor Schwab ist 20. Er hat noch nie mit seinem Großvater über das Dritte Reich gesprochen. Sein Opa ist 76. Mit 17 Jahren, 1942, hat er sich freiwillig an die Front gemeldet. Das weiß Victor von seiner Mutter. "Er ist ein Mann, so voller Spannungen", sagt er. Victor hat mal den Versuch gemacht, seinen Großvater mit einem Kuss links und rechts auf der Wange zu begrüßen. Da hat sein Opa gleich nach dem ersten Kuss barsch gesagt, Bub, also jetzt ist Schluss mit der Rumküsserei. Seitdem reichen sie sich die Hand, und so ist es auch heute, als Victor vor die Haustür seines Opas tritt: Der Großvater öffnet und gibt ihm die Hand.

Der Großvater von Alex hat Kaffee und Kuchen angerichtet. Ein kleiner Mann, dessen Hände die Zeit verwittert hat, bis sie aussahen wie Landkarten - die Venen Flüsse, die Knöchel Berge und die Haut runzeliges Land. Zuallererst möchte er etwas Grundsätzliches sagen. "Als junger Mensch", sagt er, "kann man sich ja gar nicht richtig vorstellen, wie das damals war." Alex sagt nichts. Diesen Satz kennt er schon. Dann beginnt der Großvater, sein Leben zu erzählen. Zaghaft erst, dann mutiger, er erzählt an vielen kleinen Erinnerungen entlang. Der Vater, der Landarzt war und schon 1920 Auto fuhr; das humanistische Gymnasium und ein Sinnspruch über dem Schreibtisch, den er noch auswendig aufsagen kann: "Ich bin geboren, deutsch zu fühlen/bin ganz auf deutsches Denken eingestellt/erst kommt mein Volk und dann die anderen vielen/erst meine Heimat, dann die Welt." Die Erlaubnis, endlich auf offener Straße rauchen zu dürfen, und das Buch "Mein Kampf", das der Abiturient nach bestandenen Prüfungen vom Pastor geschenkt bekam. Er hat es nach 20 Seiten weggelegt, "das war mir zu staubtrocken." Die knorrigen Medizinprofessoren in Berlin, viele Kneipen und Radtouren, die Olympischen Spiele 1936 und der Eintritt in die Wehrmacht, als angehender Militärarzt. Der Anblick von Bauchschüssen in Russland, "da kann man als Truppenarzt wenig machen, verbinden, Morphium spritzen, ab nach hinten", und das Paket mit Zigaretten an die Ostfront, das ihn nach drei Jahren wieder zum Raucher machte. Er sagt oft: "Das ist alles sehr schwer zu erzählen." So berichtet Alex' Großvater. Es ist wie ein Gang durch einen Tunnel, in dem es so dunkel ist, dass man sich ganz langsam und vorsichtig an den Wänden entlang tasten muss.