Lerner

 •  Wörterbücher

 •  Grammatik
 •  Lesestrategien
 .  Glossar


 Texte

 .  
Texte mit Aufgaben
 .  Texte zum Lesen
 .  Thematisch geordnet


 Extras

 .  Diskussionsforum
 .  Chat-Seite
 .  Wettbewerbe


 
  Menü 


Sein Kampf


"Grüß Gott", sagt Victor Schwabs Großvater mit tiefer Stimme. Victor hat ihn im vergangenen Jahr nur zweimal gesehen. Eugen Hausladen verliert keine Zeit. "Wir haben über dieses Thema keine intensiven Gespräche gehabt", sagt er und blickt Victor direkt in die Augen, "und auch keine zufälligen Gespräche. Eigentlich haben wir ja gar keine Gespräche geführt." So ist Victors Opa. Sehr direkt. Bärbeißig. Und so erzählt er auch, ohne Einleitung, ohne Warmwerden. "Wir waren da schon zugänglich, schon gläubig", sagt er und zeichnet mit kurzen Sätzen ein Bild der Zeit, in der er groß geworden ist. Nazi-Zeit. München. Schule, Hitlerjugend, Latein, Wehrertüchtigung, Griechisch, Uniform, "das hat uns gefallen, was die von uns verlangt haben". 1933 war Eugen Hausladen acht. 1942 war ihm klar: "Freiwillig melden. In die Infanterie." Es klingt alles sehr einfach. Logisch. Victor beobachtet seinen Opa. Als er innehält, fragt Victor: "Und ihr habt nichts gewusst, gar nichts?" Eugen Hausladen schweigt. Er schweigt lange. Diese Frage fragt so viel. Nach Verantwortung, nach Schuld. Dann setzt er an: "Also, dass in Dachau ein KZ ist, hat man gewusst. Aber was ein KZ genau ist, hab ich nicht gewusst." Schweigen. "Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich es wahrscheinlich gutgeheißen." Dann brechen plötzlich Sätze aus Eugen Hausladens Mund hervor, so als wären sie Korken, tief unter Wasser losgelassen, die aufwärts schnellen und an die Oberfläche schießen. "Warum erzählen Großväter so wenig? Ja, was hätte ich meinem Enkel denn sagen sollen? Dass der Opa doof war damals? Dass der Opa ein Depp war?"

Alex' Großvater erzählt einen Witz: Welche Fliege kommt in Goebbels Gesicht schneller vom linken zum rechten Mundwinkel - diejenige, die an der oberen Lippe entlang läuft, oder die an der unteren Lippe? "Die Fliege, die hintenrum um den Kopf läuft", sagt der Opa, "weil seine Fresse ja immer so groß war". Dann lacht er. Er lacht sich Mut an. Der Kuchen ist weg, der Kaffee leer, und bisher ist alles gelaufen, wie es Alex geahnt hatte. Der Großvater hat seine Geschichte in unpersönlicher Sprache erzählt: Man ging zum Militär, es war der Wunsch des Vaters. Man sah den Aufstieg der Nazis mit Befremden, weil sie wie Pöbel wirkten, und mit Stolz, weil Deutschland wieder stark wurde. Man erfuhr nichts von Unterdrückung und Terror, und wenn doch jemand etwas flüsterte, wollte man nichts wissen. "Man hat es verdrängt." Alex' Opa erzählt, als blicke er auf die ersten 33 Jahre seines Lebens wie durch das falsche Ende eines Fernrohrs. Doch dann sagt er "ich". Vielleicht, weil Alex heute nicht allein ist. Vielleicht aber auch, weil er noch nie so lange mit seinem Enkel über diese Zeit geredet hat. "Ich muss gestehen, wir haben uns furchtbar wenig für Politik interessiert. Heute muss ich sagen: viel zu wenig." Dieses Verdrängen damals sei die Hauptschuld. "Aber mir ging es ja gut." Und Deutschland sei es auch gut gegangen am Anfang, mit dem Anschluss Österreichs, des Sudetenlandes, mit den Autobahnen. Alex wird unruhig. Vor dem Gespräch hat er gesagt, wenn ihm ein alter Mann erzähle, also Hitler, der habe doch auch Gutes getan, Autobahnen gebaut und so, dann könnte er diesem Mann ins Gesicht schlagen. Jetzt erzählt ihm das ein alter Mann. Sein Opa. Alex schlägt nicht zu. Sein Opa will etwas wissen. Warum, so fragt er, interessiert ihr euch denn noch so für diese Zeit, ihr jungen Menschen, es ist doch vorbei, "langsam müssen wir auch mal Ruhe einkehren lassen". Alex antwortet: "Weil diese Zeit ein einzigartiges Ereignis war. Ein Verbrechen ohne Vergleich." Sein Opa: "Andere Länder haben auch Verbrechen begangen, niemand erinnert daran." Alex: "Nur weil die anderen nicht reflektieren, müssen wir es doch nicht bleiben lassen." Alex Stimme ist scharf. Es ist ein Wortwechsel wie ein Kampf: Verdrängen gegen Erinnern. Er dauert nicht lang, keine Minute. Am Ende ist Alex sehr still und sein Opa auch. "Jetzt wollen wir mal essen gehen", sagt der Großvater, und dann noch etwas: "Ich möchte nicht, dass Sie meinen Namen in Ihren Artikel schreiben." Warum nicht? "Ich schätze das nicht."