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"Meine Heimat ist jetzt hier"



Das kleine Dorf Otzenrath liegt auf dem Gebiet des Braunkohlentagebaus Garzweiler II in der Nähe von Köln. Weil dort ab 2006 die Bagger anrücken sollen, wird Otzenrath abgerissen und drei Kilometer weiter wieder aufgebaut. Ein Teil der rund 2000 Einwohner ist inzwischen in den neuen Ort umgezogen – wie zum Beispiel Nadine Reinartz, 15. Bei Nina Könzgen, 20, dauert es noch etwas. Ein Gespräch über Heimat.

jetzt.de: Nadine, das Dorf, in dem du jetzt lebst, ist eine riesige Baustelle. Bist du dennoch froh, dass zumindest der Umzugsstress nun endlich ein Ende hat?
Nadine: Ein bisschen schon. Am Anfang dachte ich, dass es schwieriger sein würde, den alten Ort zu verlassen. Aber jetzt ist es eigentlich ganz okay. Es hat sich gar nicht so viel verändert.


jetzt.de: Was hat sich denn verändert?
Nadine: Ich kann zum Beispiel nicht mehr so laut Musik hören, denn anders als früher, wo rings um unser Haus nur Felder waren, sind wir heute von Nachbarn umstellt. Da muss ich halt Rücksicht nehmen. Aber mein Schulweg ist kürzer geworden.
Na ja, eine Sache nervt mich schon: Meine beste Freundin wohnt noch im alten Ort. Damals konnte ich einfach zu ihr rüber gehen, wenn ich sie sehen wollte. Heute muss ich den Bus nehmen. Wir sehen uns deshalb seltener.


jetzt.de: Bist du noch oft im alten Ort?
Nadine: Nee, nicht mehr so.


jetzt.de: Weil es für dich merkwürdig ist, dort zu sein?
Nadine: Weil es außer meiner Freundin keinen Grund mehr gibt, hinzufahren.


jetzt.de: Du könntest dein altes Zuhause besuchen.
Nadine:
Besser nicht. Einmal war ich noch da, um ein paar Sachen abzuholen, und es war seltsam. Alles stand leer und sah irgendwie anders aus als sonst, nicht mehr so wie mein Zuhause. Mein Zuhause ist jetzt hier.


jetzt.de: Nina, du wohnst noch im alten Ort. Warum dauert die Übersiedlung bei euch länger?
Nina:
Es gab Probleme mit der Baugenehmigung. Aber im nächsten Frühjahr ist es mit dem Umzug dann soweit.


jetzt.de: Freust du dich darauf?
Nina: Inzwischen schon. Obwohl ich immer noch ein bisschen Angst habe, dass mein Kater ins alte Dorf zurück läuft. Kater machen so was ja manchmal. Und ich glaube, dass es nicht so einfach ist, einen ganzen Haushalt samt Oma von A nach B zu verpflanzen. Mir graust es schon vor den vielen Umzugskartons.


jetzt.de: Eine gute Möglichkeit, mal auszumisten.
Nina: Sehr lustig. Das habe ich bereits dreimal getan. Aber es gibt eben Dinge, von denen kann ich mich nicht trennen, und wenn es nur ein Zettel ist, auf dem „Hallo“ steht. Richtig Sorge bereitet mir aber der Zeitpunkt. Ich mache im nächsten Jahr Abitur, und da brauche ich einen klaren Kopf, kein Umzugschaos. Deshalb wäre es mir lieber, dass es dann schnell vonstatten geht, wenn es schon sein muss.


jetzt.de: Hört sich an, als ob du gar nicht weg willst.
Nina: Das war früher so. Ich hatte Hass auf jeden, der gesagt hat, Otzenrath muss weg. Ich habe mich gewehrt und wollte nicht in dieses neue Dorf. Ich finde, man kann ein Dorf nicht einfach aus dem Boden stampfen, es muss wachsen. Im alten Dorf, da kenne ich jede Straße und jeden Schleichweg, doch Schleichwege wird es im neuen Dorf nicht geben. Das ist komplett durchgeplant. Nicht mal eine katholische Kirche bauen sie, und woran, wenn nicht am Kirchturm, erkennt man bitteschön ein Dorf? Außerdem bin ich Messdienerin und habe wenig Lust, die Konfession zu wechseln, nur weil es keine Kirche gibt.

jetzt.de: Warum bist du jetzt nicht mehr dagegen, umzusiedeln?
Nina: Sieh dir doch mal unsere Straße an. Die ist inzwischen leer. Die Nachbarn sind weg, seit dem letzten Straßenfest im Sommer sind zehn Familien weggezogen, und überall sind die Rollläden dicht. Was soll ich noch hier, wenn alle weg sind?
Nadine: Am Ende war es fürchterlich. Manche der Häuser sind schon abgerissen, und in die, die leer stehen, kommen Vandalen und plündern, was sie kriegen können: Türen, Fenster, was man halt so findet. Bei uns nebenan haben nachts welche die Fenster eingeschlagen und sind eingestiegen. Das macht schon ein bisschen Angst, vor allem, wenn man allein zuhause ist.
Nina: Sie könnten denken, dass auch bei uns schon keiner mehr wohnt. Deshalb schließen wir abends dreimal ab.
Nadine: Es war auch sonst ein wenig gespenstisch. Es gibt fast keine Geschäfte mehr, nur eine Pizzeria noch, das war's.
Nina: Und in die beiden Kneipen kann man auch nicht gehen. Da hängen nur alte Leute rum.

jetzt.de: Wird sich an der Situation was ändern im neuen Ort?
Nina: Soweit ich weiß, nicht. Es wäre ja schön, wenn es wenigstens ein Eiscafé geben würde, wo man auch mal mit jemandem von außerhalb hingehen könnte. Ich habe gehört, es soll wohl eins geben, aber sicher bin ich mir da nicht.
Nadine: Dafür werden sie irgendwann wieder einen Sportplatz und eine Turnhalle bauen ...
Nina: ... und dann aber das Problem haben, dass es niemanden gibt, der die Sportgruppen betreut. Ich leite im
Kolping-Verband eine Kindergruppe. Wir basteln und spielen zusammen, doch weil das Haus, das wir im alten Ort nutzen dürfen, nicht uns gehört, wissen wir nach der Umsiedlung nicht, wohin.

jetzt.de: Sprecht ihr im Freundeskreis über die Umsiedlung?
Nadine: Nö, eigentlich nicht.

jetzt.de: Und in der Familie?
Nadine: Seit ich denken kann, ist das bei uns Thema. Mein Vater ist Vorsitzender im Bürgerbeirat. Bei ihm dreht sich fast alles um die Umsiedlung.
Nina: Es fing schon vor 15 Jahren an. Damals hieß es immer: der Tagebau kommt, der Tagebau kommt nicht. Bis es dann endgültig feststand, war zumindest Zeit genug, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass man einmal fort muss.

jetzt.de: Haben eure Eltern euch gefragt, ob ihr überhaupt weg wollt?
Nina:
Nicht wirklich. Was hätten sie uns auch fragen sollen? In meiner Wut habe ich manchmal mit dem Gedanken gespielt, einen Brief zu schreiben. Aber an wen? Und was hätte das gebracht?

jetzt.de: Aber es gab doch Proteste?
Nadine: Ja. Es laufen sogar immer noch Klagen. Noch ist gar nicht endgültig raus, ob der Tagebau nun kommt oder nicht. Aber selbst wenn nicht, es sind schon so viele umgesiedelt, das ist nicht mehr rückgängig zu machen. Ich finde, sie sollten sich eher bemühen, den Leuten keine Steine in den Weg zu legen, so wie mit Ninas Baugenehmigung.

jetzt.de: Aber immerhin nehmen sie euch eure Heimat?
Nina:
Was ist das für eine Heimat, wo meine Freunde nicht mehr sind? Im alten Dorf kann ich keine Heimat mehr sehen. Und irgendwann nach der Schule oder der Ausbildung, werde ich wohl erstmal für eine Zeit lang weggehen.

jetzt.de: Also stimmt es, was in der Umsiedlerfibel, die jeder Umsiedler vom Land bekommen hat, steht: dass sich der Verlust der Heimat bloß auf den Verlust des äußeren Heimatbildes beschränkt?
Nina: Vielleicht stimmt das für jemanden wie mich. Die Alten haben es da schwerer. Nimm meine Oma, die will partout nicht weg. Ich kann das verstehen, an 80 Jahren hängt schließlich mehr dran als an 18, die Erinnerungen eines ganzen Lebens.

jetzt.de: Woran wirst du dich später mal erinnern?
Nina: An die Bäume in unserem Garten, den Kletterbaum. An den Blick aus meinem Fenster. Ich kann die Grube mit den Baggern sehen, und nachts, wenn es dunkel ist, dann leuchten darin tausend kleine Lichter. Das werde ich vermissen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich das schon fotografiert habe.

marian-blasberg

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