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Der Schiller, der ist Rock'n'Roll

Friedrich Schiller, 21, sitzt benommen an seinem Schreibtisch in der Dachetage eines Fachwerkhauses. Er zittert heftig. Schiller nimmt noch eine Prise Schnupftabak, trinkt einen großen Schluck Wein. Dann bringt er wieder ein paar Zeilen zu Papier. Die Affäre mit der Schauspielerin Katharina Baumgarten hat er gerade beendet: Er muss unbedingt ein neues Theaterstück schreiben, am besten eines, das noch besser ist als sein Debüterfolg „Die Räuber“.

Matthias Schweighöfer, 24, sitzt in einem Café in der Alten Schönhauser Straße in Berlin-Mitte. Er trägt die Stiefel aufgeschnürt und fährt sich beim Sprechen regelmäßig durch das blonde, lockige Haar. Mal beugt er sich vor und fixiert sein Gegenüber, mal blickt er gedankenversunken ins Leere. Bislang war er den meisten als arroganter Schnösel aus „Soloalbum“ bekannt. Auf arte ist Schweighöfer am 29. April (und am 4. Mai in der ARD) nun in einer ganz anderen Rolle zu sehen: als Schiller.


Bild: arte

So wie du Schiller spielst, stellt man sich den großen Mann der deutschen Klassik eher nicht vor: als einen Rockertypen mit Strokes-Frisur, der ständig schnupft und säuft und Affären mit diversen Schauspielerinnen hat.
Geil, oder?

Überraschend – vor allem weil man Schiller nur aus der Schule kennt.
Ich hätte mir Schiller auch nie so vorgestellt. In der Schule habe ich mir Schiller als alten Knacker vorgestellt und dachte: Ey, Schiller, Alter, schieb’ dir mal ’ne Zigarette in den Mund, trink’ mal ’nen Liter Wodka und mach’ dich locker. Aber bei der Vorbereitung zum Film wusste ich dann schon, wie es aussieht: Der Schiller, der ist Rock’n’Roll.

Dabei war Schiller ja gerade mal 21 Jahre alt, als die Räuber uraufgeführt wurden.
Und er war 19, als er das geschrieben hat. Und der hat das ja mal eben hingeklatscht, neben dem Alltag in der Militärakademie. Hammer!

So kommt Schiller im Deutschunterricht eher selten rüber. War dein Unterricht denn so viel besser?
Nee. Ich habe es echt gehasst. Ich war nie ein großer Freund von Schulwissen. Da ging es immer nur um Schillers Moral und Wertvorstellungen. Ich konnte mich in der Schule halt nicht hinstellen und das sagen: Schiller war ein Rocker. Das war er aber. Diese vorgegebenen Interpretationen der Schule helfen gar nichts.

Welchen Schiller-Werken sollte man denn unbedingt eine zweite Chance geben?
"Resignation“ – bombastisch, echt Wahnsinn. Bei den Stücken vor allem "Maria Stuart“ und "Don Carlos“. Man muss schon eine gewisse Art von Sprache und Pathos mögen, damit man mit Schiller was anfangen kann. Bei Schiller liebe ich ja gar nicht so sehr, was er geschrieben hat. Aber ich liebe den als Menschen, weil der so bedingungslos gelebt hat. Weil der seinen Geist über alles gestellt hat und gegen die Schwäche seines Körpers gekämpft – und gewonnen – hat. Aber mein absoluter Favorit unter den Schriftstellern ist Max Frisch. Max Frisch ist Gott. Von dem habe ich alles gelesen.

Und dir hat alles gefallen?
Nehmen wir mal „Homo Faber“ aus, das ist das einzige Max-Frisch-Buch, das ich nicht so mag. Da habe ich keinen Bezug zu. Aber bei allem anderen, was Frisch geschrieben hat, finde ich einfach verdammt viel Lebensweisheit für mich. Ich habe vorher nie bei einem Buch geheult, aber bei "Stiller“ schon. Da waren so viel Parallelen zu meiner Ex-Beziehung, das war echt der Hammer. Ich habe gerade wieder "Montauk“ angefangen, das ist wahnsinnig schön. Mein Lieblingswerk ist aber definitiv "Stiller“, das spiegelt mein ganzes Leben.

Was ist mit den anderen Klassikern des Deutschunterrichtes? Kafka, Brecht?
Ich hatte auch mal eine richtige Kafka-Phase, da habe ich echt alles von Kafka gelesen. Aber das ist mir jetzt zu depri. Von Brecht kenne ich auch fast alles, da habe ich viel am Theater gespielt, die "Dreigroschenoper" und so. Auch toll.

Schade, dass der Spaß an den Stücken in der Schule so kurz kommt.
Aber man kann auch nicht jeden dafür gewinnen. Es gibt einfach Leute, die kann man nicht für Theater und Literatur begeistern. Die können dann eben Computer zusammenbasteln oder irgendwas anderes. Muss man akzeptieren. Es kann halt nicht jeder mit dem Satz "Ich bin nicht Stiller“ was anfangen – und für andere ist der Satz das Leben.

Interview: daniel-erk

Ausgesuchte Kommentare der jetzt.de-Leser/-innen im Original:

SilverPrincessGun 29.4.2005 13:05
hübscher junge.
und aus dem "Ey, Schiller, Alter, schieb’ dir mal ’ne Zigarette in den Mund, trink’ mal ’nen Liter Wodka und mach’ dich locker. " wird er auch noch rauswachsen.

blue_haze 29.4.2005 14:01
Schiller war ein Rocker, hmm, Max Frisch ist Gott, aha. Wäre vielleicht mal interessant, wie diese Leute aussehen würden, wenn man keine Schublade für sie aufzieht. Hier wird doch nur umsortiert: Aus der staubigen Klassikerschublade in die klebrige Rock-n-Roll-Schublade.


danana 29.4.2005 16:23
Was für ein Depp. Furchtbar.
Aber seinen Ruhrpottslang finde ich anziehend.

ninja 29.4.2005 18:20
also cih finde den Ruhrpottslang total nervig.
Nach dem Interview in der Neon dacht ich: na, intelligenter kerl, das. aber jetzt.
vielleicht hat er sich gedacht: oh ein internet-forum, da muss ich cool sein.
vor allem der satz: "da habe ich echt alles von Kafka gelesen. Aber das ist mir jetzt zu depri" depri?????? welcher erwachsene mensch benutzt denn solche worte? vor allem: welcher erwachsene mensch, der meint, schiller darstellen zu können.
ich bin sichtlich enttäuscht.

jossi 30.4.2005 07:25
film war doof. echt nicht so toll. obwohl schweighöfer schon gut aussieht. und schiller kann man sehr wohl aus dem unterricht toll finden, wenn man den richtigen lehrer hatte.


himmelswache 1.5.2005 18:59
[...] der herr schweighoefer ist mir eigentlich recht sypathisch. hier in diesem interview hoere ich allerdings lieber nicht so gerne hin, den wie er sagt, was er sagt ist mir zu srassenmaessig. pseudpopulaere sprache. [...]


runawayandrecover 4.5.2005 15:52
Bin ich hier um Himmels Willen der Einzige, der den liebt [...]
Im übrigen ist das kein Ruhrpottslang.
Der kommt aus'm Osten.

mondsichelfee 4.5.2005 22:38
Beeindruckend.
Ich finde es gut zu wissen, dass Schiller "gerockt" hat!
Also mal ehrlich:
diese braven Bildchen auf den Biograpieen im Buchladen,
mit der geordneten Lockenperrücke und im Herrenrock sind
doch genauso wenig ansprechend wie der öde Schiller
ausm Deutschunterricht.
Ich finde so ein bisschen verruchter, rebellischer Schiller (der
er ja nunmal auch war) ist für die Popularität seiner großartigen
Werke doch nur förderlich.

daniel0178 5.5.2005 10:34
Jetzt fängt der auch noch mit der Rock`n-Roll-Schiene an! Ich finde ihn zwar ganz interessant und mutig in seinen Rollen (wie er sich ihnen annähert), aber Schiller hat mich etwas enttäuscht. Soloalbum war nicht gut. Mal schauen, ist auch eine Typenfrage, ihn gut oder schlecht zu finden.
Kafka gibt für mich mehr her als Frisch.


gullilaura 5.5.2005 13:04
den film fand ich grandios....toll gemacht, und dann eben die wunderbare schauspielleistung vom schweighöfer-wow.

out_of_season 6.5.2005 10:29
also ick wees nüscht. ich scheine zu der minderheit zu gehören, die sich nicht ganz so sehr für diesen film hat begeistern können. holen wir schiller mal her zu uns und überlegen, wie der wohl so drauf war. immer ein bisschen riskant, vergangene menschen, von denen man meint, aufgrund ihrer schriftstücke alles über sie zu wissen, zu ikonen zu machen und sie dann einer breiten masse nahe zu bringen. - die ikone schiller sollte für uns "nachfolger" doch eher in seiner schrift-sprache (wovon im film ziemlich wenig rübergekommen ist, finde ich), in seinen werken und ideen stecken und nicht im rocker-typ; nach dem motto "schiller ist rock und goethe ist pop".
was gutes am film: hat die zeit an der militärischen karlsschule und die gschichten am mannheimer hof ganz schön dargestellt, mal so rein biographisch gesehn.

(Text veröffentlicht bei jetzt.de im April 2005; übernommen und gekürzt von JETZT Deutsch lernen im September 2005)

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