Mach
die Augen zu

Mach die Augen zu und stell dir vor, wie du mich
nachts nach Hause bringst. Wie wir vor meiner Haustür stehen
und dieses verlegene Lachen sich zwischen uns ausbreitet und mit
der schwülen Sommerluft vermischt. Wie du nach meiner Hand
greifst und dein Herz dabei so laut pocht, als wollte es deine Abschiedsworte
übertönen, weil es die so viel wahrere Sprache spricht.
Wie du allein die Straße hinunter gehst, während ich
die Treppen zu meiner Wohnung hinauf steige und dir dann aus dem
Fenster nachschaue.
Mach
die Augen zu und stell dir vor, wie du mit deinen Freunden
am Rande der Tanzfläche stehst und irgendjemand dir plötzlich
die Augen von hinten zuhält. Wie deine Freunde lachen und du
ein bisschen Angst vor dem verspürst, was jetzt kommt. Weil
du nicht weißt, ob wir uns verstehen, ich und deine Freunde.
Wie wir dann zusammen tanzen und ich am Ende völlig fertig
bin, weil einer deiner Kumpels
unbedingt selbst erleben wollte, wie abgeschossen
ich nach fünf Tequilas sein kann.
Mach
die Augen zu und stell dir vor, wie du zum ersten Mal nicht
vor Aufregung fast durchdrehst,
während du in der Bahn sitzt, die dich zu mir bringt. Weil
du weißt, was kommen wird und dass du nicht mehr viel falsch
machen kannst. Wie du in die Wohnung kommst und ich noch nicht fertig
gestylt
bin, weil ich mittlerweile anderes zu tun habe, als nur auf dich
zu warten. Wie ich die Arme um dich schlinge, frage wie es deiner
Mutter geht und dir endlos von meinem schrecklichen Tag an der Uni
erzähle.
Mach
die Augen zu und stell dir vor, wie wir den Alltag hinter
uns lassen. Wie wir am Strand liegen und du mich mit Sonnencreme
einkleisterst,
so dass ich danach wie ein paniertes
Schnitzel aussehe. Wie ich dich dann mit deiner Digicam
fast ins Meer schubse, nur um zu verhindern, dass du diesen Anblick
für die Ewigkeit festhältst. Wie wir uns abends den kitschigsten
aller Sonnenuntergänge anschauen und über uns selbst lachen
müssen.
Mach
die Augen zu und stell dir vor, wie wir uns unbedingt missverstehen
wollen. Wie ich dir vorwerfe, du würdest deiner Gitarre mehr
Zuwendung geben als mir. Wie du mich anschreist, ich hätte
ja nur mich selbst im Kopf und ein Alleinrecht auf dich hätte
ich schon gar nicht gepachtet. Wie ich dich aus der Wohnung schmeiße,
nur um dir fünf Minuten hinterher zu rennen. Auf Socken im
Regen. Und wie wir die nächsten drei Tage nicht mehr aus dem
Bett kommen.
Mach
die Augen zu und stell dir vor, dass du mich einfach nicht
sehen willst. Wie du keine Lust hast, zum hundertsten Mal den Sonntagnachmittag
mit mir in deinem Bett zu verbringen. Wie ich dann wie verabredet
vor deiner Tür stehe, stundenlang, du aber nicht da bist. Wie
ich zuerst verwirrt, dann wütend und dann verstört bin.
Wie ich versuche dich anzurufen, aber deine Stimme nur von der Mailbox
kommt.
Mach
die Augen zu und stell dir vor, dass wir beschließen
von nun an ehrlich miteinander zu sein und uns mehr Freiraum geben
werden. Wie alles geregelt zu sein scheint, aber sich trotzdem ein
genervter Unterton in unsere Beziehung geschlichen hat. Wie ich
keine Lust habe, mit dir ins Kino zu gehen, obwohl wir unbedingt
zusammen diesen Film sehen wollten. Wie ich stattdessen meine Freundinnen
mitnehme, ohne dir auch nur Bescheid zu sagen.
Mach
die Augen zu und stell dir vor, wie du anfängst dir
vorzustellen, du wärest mit einer anderen zusammen. Wie wir
uns nur noch einmal die Woche sehen und ich dir begeistert von einem
Freund erzähle, mit dem ich zusammen für die Klausur
lerne. Wie die Eifersucht in dir hochsteigt und du dich weigerst
seinen Namen auszusprechen und ihn nur „er“ nennst.
Wie du nun erst
recht anderen Mädels
hinterher schaust.
Mach
die Augen zu und stell dir vor, wie du allein mit deinen
Kumpels in die Disco gehst. Wie du dieses nette Mädchen mit
den braunen langen Haaren kennen lernst, die so eine rauchige Stimme
hat und ihre Zigaretten selbst dreht. Wie du plötzlich unvermutet
vor mir stehst. Vor mir und IHM. Wie ich mich umdrehe und ihn hinter
mir herziehe.
Mach
die Augen zu und stell dir vor, wie du versuchst mich anzurufen.
Aber diesmal geht bei mir nur die Mailbox ran. Wie du vor meiner
Haustür stehst und ich dir nicht öffne. Wie du stundenlang
im Hauseingang sitzen bleibst und er schließlich aus meiner
Wohnung kommt. Wie du versuchst alles zu verstehen, wie du versuchst
mir zu glauben, wie du versuchst den berühmten Neuanfang zu
wagen.
Mach
die Augen zu und stell dir vor, wie wir wieder glücklich
wären. Wie wir wieder ganze Tage im Bett verbringen und uns
nur von Pizza ernähren. Wie wir lachend die Gemeinsamkeiten
und die Vertrautheit genießen. Wie wir den berühmten
Neuanfang scheinbar so spielend meistern.
Mach
die Augen zu und stell dir vor, wie du das Mädchen
mit den braunen Haaren wieder triffst. Zu einer Zeit, in der ich
nur noch für meine Klausurvorbereitung lebe. Wie du dir vorstellst,
sie zu berühren und wie anders ihre Küsse wohl wären.
Wie du aufhörst, nachzudenken und dir überhaupt noch was
nur vorzustellen.
Mach
die Augen zu und stell dir vor, wie wir uns Monate später
wieder treffen. Wie du wieder vor mir und ihm stehst, aber das braunhaarige
Mädchen ist diesmal nicht an deiner Seite. Wie du ihm am liebsten
eine
reinhauen würdest. Wie ich dich lange ansehe und dann doch
nach seiner Hand greife. Wie du allein zurück bleibst und abends
auf einer Party, auf der du dich eigentlich hemmungslos betrinken
wolltest, dieses eine Mädchen kennen lernst. Stell dir vor,
wie du sie nach Hause bringst und wie sie dir noch lange hinterher
schaut, während du die Straße hinunter gehst.
Mach
die Augen zu und vergiss all das.
Mach die Augen zu und küss mich.
Trotzdem.
Judith Nothelle
(bei
jetzt.de veröffentlicht am 12.06.2006 -
von JETZT Deutsch lernen gekürzt übernommen am
24.07.2007)
Text
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