Skorpione
als Abendessen, Angler mit alten Fischen am Haken, schwedische Burschenschaften
- ein Auslandsstudium zeigt dir, dass die Welt auch anderswo herrlich
verrückt ist. Also los geht's! Sieben Studenten erzählen, was ihnen
die Zeit in der Fremde gebracht hat.
SCHLAFLOS IN SEATTLE
Stephanie Linsinger, 26, studiert in München
Diplom-Journalismus. Sie war ein Jahr in Seattle,
USA.
"Eines meiner schönsten Erlebnisse während des Jahres in Seattle
war das Millenniums-Silvester. Wir waren auf einem Segelboot vor
der amerikanischen Westküste und sind bis nach Kanada gesegelt.
Außerdem habe ich in Seattle meinen jetzigen Freund getroffen. Er
ist Amerikaner. Inzwischen lebt er in München. Die
Uni war sehr gut. Aber ich musste hart arbeiten. Ich habe Communications
studiert, und wir hatten in jedem Kurs mindestens ein Buch pro Woche
zu lesen. Und bluffen
war unmöglich, denn die Klassen waren so klein, dass man
recht wahrscheinlich in der nächsten Stunde drankam. Dafür war man
an der Uni nicht der Bittsteller
in einer Masse anderer Studenten. Die haben sich richtig um uns
gekümmert. Manche sagen ja, die Amerikaner seien oberflächlich.
Stimmt vielleicht. Es ist aber trotzdem schön, in einem Geschäft
freundlich begrüßt zu werden. Und an der Uni hatte ich immer einen
Ansprechpartner. Der Student ist dort eben zahlender Kunde. Ich
hatte zum Glück Stipendien vom Verband
der Deutsch-Amerikanischen Clubs
und von Fullbright
und habe Auslands-Bafög
bekommen."
DIE ETWAS ANDERE BURSCHENSCHAFT
Gunnar Herrmann, 27, studiert in München Geschichte. Er war ein
Jahr lang im schwedischen Lund.
"Einen Austauschplatz in Schweden habe ich
über das Skandinavistik-Institut der Uni München bekommen. Meine
Mutter ist Schwedin, und ich wollte endlich mal ihre Sprache lernen.
Die Uni in Lund ist eine der ältesten und größten im Land. Und das
System ist auch ein ganz anderes als in Deutschland: Viel kleinere
Klassen, alles ist viel persönlicher - manche Professoren habe ich
sogar geduzt. Kontakte zu knüpfen, war gar nicht so schwierig. Ich
war in einer Studentenverbindung.
Das muss man sein, will man in Lund studieren. Allerdings darf man
sich die Verbindungen nicht so vorstellen wie Burschenschaften
in Deutschland. In
Lund schneiden sie sich nicht mit Degen ins Gesicht .
Die Verbindungen organisieren vielmehr das Nachtleben und sind Anlaufpunkt
für alles Mögliche. Meine hieß Kalmar, benannt nach einer Stadt
im Westen Schwedens. Mir hatten die Leute von Kalmar am besten gefallen,
als sich alle Organisationen bei den neuen Studenten vorstellten.
Ich konnte dann dort mitarbeiten, habe bei Partys an der Bar bedient
und so natürlich viele Leute kennen gelernt. Vor allem viele andere
Austauschschüler aus der ganzen Welt, mit denen ich immer noch Kontakt
habe. Als das Jahr vorbei war und wir alle heimfuhren, musste ich
weinen."
BEIJING
BICYCLE
Jörg Sturhan, 25, studiert im achten Semester Angewandte Weltwirtschaftssprachen/Chinesisch
an der FH
Konstanz.
Ein halbes Jahr lang war er in China.
"Ich habe sechs Monate an der Peking-Universität
für Sprache und Kultur studiert.
Gewohnt habe ich im Studentenwohnheim auf dem Campus, in einem Zimmer
zusammen mit einem Koreaner. Wir konnten uns nur auf Chinesisch
unterhalten, und auch fast alle Dozenten und Angestellten der Uni
konnten nur Chinesisch. An der Uni habe ich einen Sprachkurs belegt,
damit war ich genug beschäftigt. Deutsche haben in China ein gutes
Image, und zu den gängigen Klischees wie Fleiß, Qualität und Ordnung
fallen den Chinesen auch immer Bier und Beckenbauer ein. Chinesen
kennen zu lernen ist nicht schwierig, weil man als West-Europäer
natürlich auffällt, in Peking noch mehr als in Shanghai.
Gelernt habe ich außer der Sprache und der chinesischen Lebensweise
vor allem, Deutschland anders wahrzunehmen und lockerer zu werden.
Wenn es in Peking mal kein Wasser gibt, das Telefon nicht geht oder
am Klo die Brille fehlt, ist das eben so. Man darf dann auf keinen
Fall laut werden und einen Chinesen dafür öffentlich verantwortlich
machen - der verliert
sonst sein Gesicht vor den anderen Chinesen und redet
kein Wort mehr mit dir. Und die Klobrille taucht so auch nicht auf.
Das Essen war kein Problem, viel Reis, Fleisch, Gemüse, alles mit
Stäbchen. Natürlich habe ich auch Maden, Grashüpfer oder kleine
Skorpione am Spieß probiert. Die Skorpione waren am besten, die
schmecken wie Chips mit einem Schuss Honig. Insgesamt war die Zeit
in China wahrscheinlich die glücklichste meines Lebens. Und wenn
alles klappt, gehe ich im Herbst für die Diplomarbeit wieder hin."
KEINE
MELDEPFLICHT
Swenja Meurer, 23, studiert Geographie, Französische Romanistik
und Germanistik auf Lehramt in Duisburg.
Im französischen Dunkerque
hat sie ein Semester lang Übersetzung studiert.
"Dunkerque ist eine Kleinstadt nahe der belgischen Grenze mit
einer typischen Pendler-Uni
. Es gibt kein Studentenwohnheim, ich habe mir mit anderen
ausländischen Studierenden ein Privathaus am Hafen gemietet. Die
Hälfte der teuren Miete hat der französische Staat übernommen, den
Rest habe ich durch ein Stipendium des Akademischen
Auslandsamt
finanziert. Kulturell ist in Dunkerque nicht viel los, dafür herrscht
an Karneval mehrere Wochen lang Dauerparty: Die Männer laufen als
Frauen verkleidet durch die Straßen und schleudern Angelruten mit
altem Fisch in die Luft. Das ist so Brauch. Das französische Uni-System
ist sehr verschult, in den Seminaren wird Wort für Wort mitgeschrieben,
wer sich meldet, wird komisch angeschaut. In Frankreich bin ich
nicht nur selbstständiger geworden, sondern habe neben einer Menge
Vokabeln auch gelernt, wie man sich im Straßenverkehr durchsetzt,
der ist nämlich unglaublich chaotisch."
SCHOTTEN
DICHT
Philip
Jahn, 23, studiert im achten Semester Politikwissenschaften, Neuere
Geschichte und Englische Philologie an der Westfälischen-Wilhelms-Universität
in Münster.
Zwei Semester verbrachte er in Edinburgh.
"Im Auslandsamt hieß es, Studiengebühren und
600 Mark gäbe es monatlich vom Staat, wenn ich mich selbst an einer
britischen Uni bewerben würde. Irgendwann stand ich also in Edinburgh,
auf der Suche nach einem WG-Zimmer, denn in Studentenwohnheimen
zahlt man auch für Mensa und Putzfrau; wenn man nicht selbst putzt,
kostet das 600 Euro. Eine Dusche im Zimmer ist trotzdem selten,
die Wohnungen sind ziemlich verrottet.
Dafür
gibt es in Edinburgh dauernd Konzerte und Partys, und man kann an
der Uni zwischen allen erdenklichen Sportmöglichkeiten wählen. Die
Seminare sind weniger anspruchsvoll, aber ich habe trotzdem noch
nie so viel für die Uni getan wie in Edinburgh. Zwar hat man wöchentlich
nur acht Stunden Vorlesungen, aber man verbringt sehr viel Zeit
in der Bibliothek: Alle vierzehn Tage müssen Essays eingereicht
werden. Die Ferien sind komplett frei. Während die Briten sich
in den
Pubs voll
laufen ließen , bin ich lieber nach Irland gefahren oder
habe das Radio angemacht. Britpop ist einer der Gründe, warum ich
gerne wieder nach Edinburgh käme. Allerdings nur im Urlaub."
ITALIENISCH
FÜR ANFÄNGER
Renate Mann, 24, studiert Landschaftsplanung an der Technischen
Universität München-Weihenstephan.
Sie verbrachte ein halbes Jahr in Rom.
"Ich hatte das Gefühl, meine Wurzeln kappen zu müssen, weg
von zu Hause. Nach Rom. Dort habe ich etwas ganz anderes studiert:
Geisteswissenschaften. Ein schönes Gefühl, ich unter hunderten von
Geisteswissenschaftlern, an der Sapienza. Die Uni ist so riesig,
dass an den Wegweisern dort eigentlich Kilometerangaben stehen müssten.
Und die Großstadt - der totale Schock. Wegen einer Mensakarte musste
ich bis ins Finanzministerium. Kelheim,
wo ich herkomme, kommt mir im Vergleich vor wie ein Spielzeugland.
In der ersten Vorlesung ,Wittgenstein und Ästhetik' habe ich einen
Spanier kennen gelernt. Eigentlich wollte ich ja in die italienische
Kultur eintauchen - habe dann aber kapiert, dass das nur bis zu
einem bestimmten Punkt geht. Gewohnt habe ich zuerst bei einem Ehepaar,
in einem Sechs-Quadratmeter-Zimmer. Die Frau hat sich schon aufgeregt,
wenn Fingerabdrücke auf dem Kühlschrank waren. Na ja, ich habe mich
mit ihr gezofft
- und hinterher ging's mir besser. Ich habe das gebraucht,
allein zurechtzukommen. Und ich habe mich verliebt. In Juan, den
Spanier aus der ersten Vorlesung."
Heft Nr. 9 - 2002
Illu: lee, ruzi, smal
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