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Erkenntnis

 

Sie:

Was liebst du an mir?

Er:

Alles.

Sie:

Was ist alles? Unter „alles“ kann ich mir nichts vorstellen - gar nichts. Alles ist nichts! Stell du dir mal „alles“ vor. Was ist dann in deinem Kopf? Meine Haare? Mein Busen? Mein Charakter? Wenn ich an „alles“ denke, sehe ich nichts. Oder vielleicht das Wort „alles“.

Er:

...

Sie:

Weißt du's denn nicht mehr? Erinnerst du dich nicht? Es muss doch etwas gegeben haben, was mich von anderen Mädchen unterscheidet. Was ist anders an mir?

Er:

...

Sie:

Hm?

Er:

... du machst dir mehr Gedanken.

Sie:

 

Mensch, Luke, weißt du nicht mehr, wie du mich gesehen hast, als wir noch nicht zusammen waren? Ich weiß es noch. Soll ich's dir sagen?

Er:

Na gut.

Sie:

Ich fand immer, du hast eine coole Art zu gehen. So eine lockere Art. So schlaksig wie du bist. Du hattest immer solche sandfarbenen Stoffhosen an, die so schön in der Hüfte hängen und einen Teil der Waden zeigen und die Knöchel freilassen. Das sah so luftig aus. Und so relaxed.
Genauso bist du auch immer da gesessen. So verträumt. Den Kopf abgestützt auf einem Arm, mit schrägem Blick aus einem Fenster. So als ob du grade in der Spielecke im Kindergarten sitzt und überlegst, ob du jetzt ein Legohaus oder lieber ein Schloss oder doch eine kleine Hütte baust, weil es in der viel besser ist zu spielen.
Und deine Gestik, wie du deine Arme und Handgelenke einsetzt, das hat so etwas Zuvorkommendes. Ja! Man kommt sich zuvorkommend und charmant behandelt vor von dir, wie du einen mit deinen Armen einlädst den Raum zu betreten.
Und deine Stimme! Du hast eine so gnadenlos schöne Stimme. Sie ist so tief und abgerundet und so voll. Und wenn du redest, dann machst du immer mitten im Satz Pausen und überlegst, wie du weiterreden könntest; wie du den Satz bestmöglich zu Ende bringen könntest. Das merkt man! Und das ist irgendwie schön. Man hat immer Lust dir zuzuhören, weil du dir zwischen den Wörtern Gedanken machst und du die Worte bewusst für einen wählst. Das ist so aufmerksam von dir.

Er:
Das ist mir noch nie aufgefallen. Ist doch seltsam, dass man etwas von einem Menschen weiß, über das man sich nie bewusst Gedanken macht und es ihm auch nie sagt, weil es keinen Grund gibt.
Sie:
Ja.
Er:
...
Sie:
...
Er:
...
Sie:
Und wie bin ich jetzt?
Er:
Weißt du, seit ich dich kenne, ist mein Leben ganz anders. Du hast mich verzaubert.
Sie: Uuh! Wow! „Verzaubert“!
Er:

Davor war es so, wie wenn man weiß, dass man etwas vergessen hat; dieses Gefühl, dass dir irgendetwas fehlt, aber du weißt nicht was. Man überlegt die ganze Zeit, aber es will einem nicht einfallen. So hat es sich angefühlt. Und dann plötzlich hast du's wieder. Und du weißt, genau: das war's! Genau das hab' ich gesucht; vermisst, ohne es zu kennen. Hier ist es. Und seitdem fühle ich mich wieder komplett. Das warst du.

 

 

landratte (jetzt.de-Name)

(bei jetzt.de veröffentlicht am 19.07.2005 -
bei JETZT Deutsch lernen veröffentlicht am 01.02.2007)

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