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Ein kleines gelbes Heft
als ständiger Begleiter:
Reclam bringt Literatur in ihre praktischste Form. Groschenhefte
sind für ein paar Groschen längst nicht mehr zu haben. Was man früher
am Bahnhofskiosk oder in Schreibwarengeschäften für vierzig oder fünfzig
Pfennig erstehen konnte, ist mittlerweile so teuer, dass es seinen Namen
kaum noch verdient. 3,90 Mark kostet "Bianca" und "Tessa"
inzwischen, und selbst Jerry-Cotton-Romane
haben die Zwei-Mark-Grenze längst überschritten. Ganz und gar aussichtslos
ist unter den Klinik- und Krimiserien am Kiosk die Suche nach dem ältesten
aller Groschenhefte. Anfang des Jahrhunderts wurde es noch an diversen
deutschen Bahnhöfen über neu konstruierte Bücherautomaten verkauft; der
Einwurf von zweimal zehn Pfennig genügte, um eines der kleinformatigen
Bände aus der schmiedeeisernen Vorrichtung ziehen zu können. "Gute
und billige Reiselektüre", hieß es damals. Heute stehen die gleichen
Hefte, knallgelb oder dunkelgrün, akribisch sortiert in den Regalen der
Buchhandlungen: "Reclams Universalbibliothek" lautet ihre Aufschrift.
Und jeder kennt sie. In jedem Wohnzimmer, in jeder WG gibt es heute irgendwo
ein Reclam-Heft. Sie liegen bemalt und zerrissen in Schultaschen, stehen
vergessen in Bücherschränken und Kommoden, warten auf Als Groschenheft liest sich Goethe wie Jason Dark und Fontane wie "Der blonde Engel aus der Bronx". Kleine schwarze Quadrate befinden sich auf dem Buchrücken und geben den Preis an: vier Mark kostet so ein Quadrat heute. Dabei ist das beste Format natürlich die besonders schmale Variante mit einer einzigen dieser Signaturen. Ohne Schwierigkeiten lässt sie sich zusammenrollen und in Jacken- oder hinten in Hosentaschen stecken, was bei den dicken Exemplaren mit sechs oder sieben Quadraten schlichtweg undenkbar wäre; diese erinnern ohnehin ein bisschen an zu klein geratene Telefonbücher. Hat man erst mal entdeckt, dass sich die Ränder der dünnen Druckseiten für schnelle Notizen eignen und die Fläche der Umschläge geradezu ideal ist für Adressen und Telefonnummern, kann so ein Heft sehr bald zum ständigen Begleiter werden. Die Firma Reclam landete im neunzehnten Jahrhundert mit ihren Heften den großen Coup. Sie druckte vor allem Klassiker, die bis dahin nur in teuren Ausgaben zu kaufen waren. Goethe, Schiller, Shakespeare und Lessing, kaum jemand hatte sie sich vorher leisten können. Jetzt war das kein Problem mehr, und im Nu wurde Goethes "Faust", erster Band der Bibliothek, zum Bestseller. Natürlich gehörten zu den Massenauflagen des Verlags - damals 10000 Exemplare - auch moderne Werbekonzepte. Sehr bald druckte man Beilagen, die in die Hefte eingelegt wurden: 1895 erstmals ein Werbeblatt für eine Berliner Modezeitschrift. Der Rowohlt-Verlag hat diese Strategie in seinen rororo-Taschenbüchern später etwas abgewandelt und damit die moderne Werbepause fürs Buch erfunden: An der spannendsten Stelle der Bücher wurde ein "Werbeblock" eingeschoben, der allerdings mit mindestens einem Satz an die erzählte Geschichte anknüpfte und den verwirrten Leser so daran hinderte, die Werbung achtlos zu überblättern. Reclam beschränkte sich bis in die dreißiger Jahre hinein immer mehr auf Eigenwerbung. Heute wie damals, so könnte man denken, hat die Universalbibliothek das eigentlich nicht nötig. Jeder kennt die knallgelben Groschenhefte, und jeder hat sie: Reclam braucht keine Reklame.
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