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Die Heiligabend-Gang

Weihnachtseinkäufe am 24. zu machen ist die Hölle. Aber keine Panik: Wer sich mit Freunden verbündet, findet sicher etwas. Und sei es auch nur innere Ruhe.

Wehnachtsgeschenke
Weihnachtsgeschenke unterm Weihnachtsbaum (Foto: Ruth Rudolph / pixelio.de)

Er hasst die vorweihnachtliche Stimmung auf den Straßen. Weihnachtsmärkte sind ihm zuwider. Fußgängerzonen ekeln ihn an. Deshalb versucht er jedes Jahr von neuem, Weihnachten zu verdrängen, was natürlich nicht gelingt. Und wie jedes Jahr wird er sich auch diesmal am Morgen des 24. Dezember mit einer Liste unerledigter, weil bisher verdrängter Besorgungen, auf den Weg machen müssen. Dies ist die Zeit des Jammers, des Herumirrens bis zur physischen Erschöpfung, die Zeit unchristlicher Weihnachts-Verfluchungen. Er muss versuchen, cool zu bleiben, sich auf positive Gedanken konzentrieren. Zum Beispiel diesen: dass sich sicher wieder alle an Heiligabend ohne Verabredung im gleichen Kaufhaus treffen werden. Wie immer. So gegen zwölf. Das ist der Vorteil, wenn man Weihnachten in einer Kleinstadt verbringt. Die gegenseitige Anti-Panik-Suggestion funktioniert schon seit ein paar Jahren perfekt.

Wem wird er wohl in diesem Jahr zuerst begegnen? Olli vielleicht, der ihm schon öfter an Heiligabend um viertel vor zwei mit einem breiten Grinsen entgegenkam und erklärt hat, er habe noch kein einziges Geschenk. Solche Jungs sind Gold wert. Oder Andreas, der letztes Jahr die gute Idee hatte, erst mal in die Kaufhaus-Cafeteria zu gehen. Dort konnte man ja später immer noch Espressotassen für die Eltern kaufen, wenn einem nichts Besseres einfiel. Es fiel einem dann nichts Besseres ein. Oder Richard, der zum Glück jedes Jahr ein norwegisches Klavierwunder empfehlen konnte, das der Vater bestimmt noch nicht im Klassik-Regal hatte. Am wichtigsten aber sind Mädchen wie Elena, die in letzter Minute den entscheidenden Hinweis liefern können, welches Geschenk für die Freundin wohl diesmal ihn retten wird. Der Gedanke an diese vertrauten Gesichter macht ihn wie immer ruhig und optimistisch. Ist es nicht das, was Weihnachten doch wieder erträglich macht? Die Zuverlässigkeit guter Freunde, die gerade in dieser Zeit, die angeblich für die Familie da ist, am wichtigsten sind. Am Vormittag des 24. werden sie sich zielstrebig durch das riesige Kaufhaus bewegen: Let's go to work. Der Blick verengt sich und scannt die Umgebung, teilt alles blitzschnell in zwei Kategorien ein: Geschenk oder kein Geschenk. In der Gruppe fühlt er sich gut aufgehoben. Ein Einzelner ist nichts im Weihnachtstrubel. Die Heiligabend-Gang aber wird niemals von Verkäufern ignoriert, von Hausfrauen umgerannt, von Panik-Käufern am Verpackungsstand weggedrängelt. Sie werden den Job auch in diesem Jahr erledigen wie Profis und um Punkt 14 Uhr seelenruhig das Kaufhaus verlassen, jeder mit einer Einkaufstüte in der Hand. Er muss lächeln bei dem Gedanken. Der angeblich bessere Teil des Heiligabends kommt dann ja erst noch.

Marc Deckert

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