Literatur
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JUDITH
HERMANN
"Sommerhaus, später" heißt das erste
Buch der 28-jährigen Schriftstellerin aus Berlin. Die Literaturkritiker
waren davon begeistert. Genauso wie ihr Vater, der ihr wichtigster
Kritiker ist.
Gestern
Abend bei deiner Lesung hast du einfach angefangen,
ohne dein Publikum zu begrüßen...
Ich bin am Anfang immer etwas unsicher, erst während des Lesens
werde ich dann sicherer.
Eine Zuhörerin wollte es später ganz genau
wissen: ,Erzählen Sie mal ein bisschen von sich, wie Sie so aufgewachsen
sind.' Du hast ihr gesagt, sie solle es doch bei Vermutungen belassen.
Warum so schroff?
Ich mag die Fragen nicht, die mich als Autor hinter der Geschichte
vorzerren wollen. Solche Fragen gibt es auf jeder Lesung.
An "Sommerhaus, später" hast du ein Jahr lang gearbeitet.
Wie entstehen deine Erzählungen?
Die fängt im Kopf an. Meistens gibt es irgendwelche Gesprächsfetzen,
Erlebnisse und Situationen, die sich bei mir festhaken und die ich
mir merken muss, weil ich denke, aus denen könntest du mal eine
Geschichte spinnen.
Und dann laufe ich lange mit diesem Bruchstück durch die Gegend.
Dann gibt es den Titel, der kommt noch bevor die Geschichte da ist.
Und dann gibt es den ersten Satz.
"Rote Korallen", der erste Text in deinem Buch, beginnt
zum Beispiel mit dem Satz: "Mein erster und einziger Besuch
bei meinem Therapeuten kostete mich das rote Korallenarmband und
meinen Geliebten."
Bevor ich die ersten drei, vier Sätze nicht im Kopf habe, traue
ich mich nicht mit dem Schreiben anzufangen - das ist auch das Schwierigste.
Dann geht es relativ in einem runter.
Nach dem Schreiben: Wer bekommt deine Erzählungen als Erster
zu lesen?
Mein Vater. Lange Zeit hatte ich ein schwieriges Verhältnis zu ihm,
mittlerweile ist er aber mein bester Kritiker. Wir haben ein relativ
gleiches Verständnis von Literatur und Sprache. Obwohl ich seine
Tochter bin, ist er mir gegenüber erstaunlich objektiv. Er schafft
es, die Distanz zum Text zu kriegen. Subjektiv ist er nur insofern,
als er viel, viel strenger ist als andere. Eigentlich ist er der
schärfste Kritiker meiner Texte.
Kritik vom eigenen Vater - ist die nicht
schwer zu akzeptieren?
Klar ist das am schwersten zu ertragen. Während ich an "Sommerhaus,
später" geschrieben habe, habe ich ihm meine Texte gefaxt und
ihn am Abend angerufen und gefragt, wie er sie findet. Es gab mehrere
Abende, da habe ich einfach aufgelegt, weil er mich so dermaßen
gereizt hat. Er war manchmal richtig roh. Ich war dann tagelang
sauer und auch gehemmt beim Schreiben. Dann hat sich das aber eingependelt,
er hat sich im Ton zurückgenommen, und ich habe versucht, diese
Kritik auch anzunehmen. Letztendlich hat das, was er gesagt hat,
immer gestimmt.
Hast du außer deinem Vater noch jemandem deine Texte gezeigt?
Meine Geschichten ist die Schriftstellerin Katja Lange-Müller Satz
für Satz durchgegangen. Am Anfang hatte ich gar keine Punkte, nur
endlose Kettensätze: Komma, Komma, Komma. Dann hat sie gesagt: "Lies
den Satz mal. Spätestens hier bleibt dir die Puste
weg, und da muss es einen Punkt geben."
Du hast dir wohl die richtigen Ratgeber gesucht. Für dein Buch
interessieren sich junge und alte Leser...
Ich habe wirklich befürchtet, dass für die
Alten manches, wie
etwa Drogen und Massive Attack, unverständlich bleibt. Und bei den
Jungen habe ich gedacht, es funktioniert nicht, weil es so
tantenhaft erzählt ist, nicht
szenig genug.
Mittlerweile steht dein Buch ganz oben auf den Bestsellerlisten
und du bist im
"Literarischen Quartett" besprochen worden.
Macht dieser Erfolg glücklich?
Ich kann das schon gar nicht mehr so genau sagen. Im Zusammenhang
mit dem Buch war ich am glücklichsten, als ich mein erstes Schreibstipendium
bekommen habe. Das war eine ungeheure Bestätigung, das ist so ein
Anfang, man ist frei von allen Ängsten und Zweifeln.
Eine Jury findet zwei deiner Geschichten so großartig und unterstützt
dich für fünf Monate mit je 2000 Mark. Du kannst in einem totalen
Luxus schreiben.
Das war der schönste Moment.
Und dann?
Danach geht es Stück für Stück runter. Man weiß dann schon sehr
viel über seine eigenen Fehler beim Schreiben, was man eigentlich
nie können wird, obwohl alle denken, dass man es irgendwann mal
kann. Die Leute vertrauen einem so - und man selbst hat das Gefühl,
dieses Vertrauen nicht halten zu können.
Und jetzt hast
du den Ruhm am Hals.
Das Quartett habe ich mir erst Wochen später bei Freunden auf Video
angesehen, weil ich keinen eigenen Fernseher habe. Das war schön.
Aber ich musste mir die ganze Zeit vor Augen halten, dass die von
mir sprechen. Es musste wirklich jemand neben mir sitzen, mich kneifen
und mir sagen: "Die meinen dich." Marcel Reich-Ranicki
hat mich schon extrem gerührt, ich war so mädchenmäßig glücklich
und musste lachen. Ich war verlegen, obwohl mir meine Freunde stolz
auf die Schulter geschlagen haben.
Und was kommt jetzt?
Ich möchte in diesem Jahr viel reisen. Reisen für mein zweites Buch.
Ich will Erzählungen schreiben, aber weiß noch nicht welche und
wie. Ich habe das Gefühl, ich kann das nicht wiederholen. Ich kann
nicht noch mal Geschichten über, wie es manche gesagt haben, "den
Abschied von der Jugend" schreiben. Ich brauche das, mal wieder
weggehen von Berlin.
Wohin willst du?
Zur Zeit suche ich ein Haus auf dem Land. Mit ein paar Freunden.
Das ist ein Traum. Im Grunde ist das aber utopisch, weil wir alle
eigentlich dafür kein Geld haben. Wir sagen den Maklern 60000 Mark,
und die Makler sagen, dafür gibt es nur Ruinen.
Wirst du aufhören in einer Berliner Kneipe zu kellnern?
Nein. Ich kellner, weil ich immer schon gekellnert habe, seitdem
ich von der Schule runter bin. Wenn ich aufhören würde, hätte ich
das Gefühl, ich würde auf einen Schlag um zehn Jahre altern, und
ich wäre auf einmal total etabliert. Es ist so ein Hängen am Jungsein.
Außerdem habe ich so Kontakt zum Alltag und die Bodenhaftung, die
einem das gibt. Das ist so ein normaler Job, wo ich zwar ganz viel
sehe und höre und Geschichten erlebe, wo ich aber an sich in Ruhe
gelassen werde. Ich trage einfach acht Stunden meine Biere durch
die Gegend. Und danach kriege ich meinen Lohn und kann nach Hause
gehen.
Stefan Jäger |