Lerner

 •  Wörterbücher

 •  Grammatik
 •  Lesestrategien

 Texte

 •  
Texte mit Aufgaben
 •  Texte zum Lesen
 •  Thematisch geordnet


 Extras

 •  Diskussionsforum
 •  Chat-Seite
 •  Schreibwerkstatt


 
   Menü      


Schulgeschichten

[5.Stunde]

12.gif 
(32938 Byte)

im zeitloch gefangen

Die Minuten ziehen sich wie Kaugummi, die Gedanken schweifen vom Wetter zum Wochenende und zurück, aus lauter Langeweile hast du schon sämtliche Gesichter in deinem Blickfeld nach Barthaaren und Make-up-Rückständen untersucht. Trotzdem haben sich die Uhrzeiger so gut wie nicht bewegt. Scheinen zu streiken, die Schnarchnasen. Keine Arbeitsmoral. Gerade dreizehn Minuten sind vergangen, seit der Gong dich von der vorherigen Stunde erlöst hat. Obwohl, die hatte irgendwie nicht so lange gedauert. Ist etwa auf dem Gang zwischen Englisch- und Geschichtszimmer eine Grenze im Raum-Zeit-Gefüge? Nichtsahnend hast du sie überschritten und musst nun einer verlangsamten Zeitrechnung gehorchen. Scheint so, anders kannst du es dir zumindest nicht erklären. Das Motivationspotenzial ist nämlich unverändert, sollte eigentlich sogar gesteigert sein, da Geschichte nicht dein bestes Fach ist. Dennoch weigern sich deine Gehirnzellen, den Ausführungen des Lehrers zu folgen, sie verbeißen sich lieber in seiner ausgefallenen Krawattenkollektion. Lange hältst du das aber nicht aus. Zum Glück ist das Fenster in Sichtweite, dahinter ereignen sich interessantere Dinge. Die Natur lebt, Wolken ziehen vorüber, Blätter werden vom Wind gescheucht und natürlich nieselt es.
Ähnliche Langeweile wie in diesem Raum würde wohl sogar die Evolution zum Einschlafen bringen - nicht auszudenken, welche Folgen das hätte. Der Einzugsbereich der Schule müsste einem Urwald ähneln und im Unterholz würden sich Dinosaurier tummeln. Ziemlich abgefahren.
Doch alle Gesetze scheinen in diesem Kursraum dann doch nicht außer Kraft gesetzt, Murphy verfolgt dich unerbittlich. Und er sagt: Wenn ein Fach langweilig ist, sitzt du garantiert zwischen zwei Mitschülern, mit denen du entweder absolut kein Gesprächsthema gemeinsam hast, oder sie wollen lieber aufpassen als sich zu unterhalten. Also bleibt nur die Selbstbeschäftigung. Aber was? In diesem Augenblick, kurz vor dem ewigen Langeweilekoma, ist dir alles recht und das Stoppen der Ampelphasen draußen vor dem Fenster immerhin eine kleine Herausforderung für dein Reaktionsvermögen. Man muss sich seine eigenen unnützen Aktionen nur gut verkaufen. Das Amüsier-Potenzial ist aber leider begrenzt und noch immer sind es 21 Minuten, bis man dir eine kleine Pause zugesteht. Welche Möglichkeiten stehen also noch zur Verfügung? Naht die Rettung durch ein Tafelbild? Deine Gebete werden erhört, die Tafel füllt sich im Gleichschritt mit deinem Blatt. Du schreibst mit links, obwohl du Rechtshänder bist. Aber links dauert es länger.

Eva Mirbeth, 18, Ingolstadt

ein ganz normaler versager

Der schlimmste Kurs ist aber Informatik. Der Rest der Schüler dort hat Mathe-LK, ich komme mir meistens vor wie der einzige Normale unter lauter Irren, oder auch umgekehrt. Von Mathe weiß ich eben nicht viel, ich weiß auch nicht, wie ich das bis zu den Prüfungen nächstes Jahr ändern kann, aber das ist mir momentan egal. Ich lasse die Mathe-Asse labern und denke wieder an dieses bestimmte Mädchen. Daran, dass sie mich nicht bemerkt, dass sie mich nicht einmal mehr kennt. Warum sollte sie auch? Wir haben uns zwar mal auf Parties getroffen, aber sie hatte nie ein Interesse, mich wirklich kennenzulernen. Für sie bin ich eben nur einer aus der grauen Masse, jemand, der es nie zu etwas bringen wird. Ein ganz normaler Versager, der gar nicht ihr Stil ist. Ich hätte mich nicht in sie verlieben sollen, aber trotzdem ist es passiert. Und weil es wohl besser ist, sie zu vergessen, verwerfe ich jeden Gedanken an sie, ihre schwebenden Bewegungen, ihre Schönheit und alles, was sie sonst auszeichnet. Und weil ich ein durchschnittlicher Typ bin, mit durchschnittlichem Aussehen, durchschnittlicher Intelligenz und überhaupt keiner Besonderheit, werde ich immer an ihr vorbeigehen, werde mein durchschnittliches Abi machen, einen langweiligen Beruf ergreifen und in fünfzig Jahren erzählen, wie es früher in der Schule war, als mir noch alle Türen offen standen - und ich meine Chancen nicht genutzt habe. Warum ich meine Traumfrau nicht bekommen habe, nicht meinen Traumjob - und auch sonst nichts, wovon ich als Jugendlicher geträumt habe. Aber daran denke ich nicht mehr, wenn ich heute Abend mit dem leeren Bus nach Hause fahre und die Stille genieße, die nur vom Heulen des Motors unterbrochen wird. Ich betrachte dann durch die dreckige Scheibe die untergehende Sonne. Die Gedanken an die Schule und das Mädchen lasse ich hinter mir. Ich denke nur darüber nach, was heute geschah. Es war eigentlich ein ganz normaler Tag.

Tobias Soffner, 18, Moringen

das leben

"60000 Soldaten mussten in der Schlacht ihr Leben lassen." Krasser Satz. Eine so lebendige Wendung in einem rein sachlich-informativen Geschichtsbuch. Es scheint, als wollte sie nur über diese trockene Zahl hinwegtäuschen. 60000 Soldaten: Man kann es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, eine solche Zahl, die ganzen Toten, einfach nur zu nennen. Die haben mehr verdient, also muss man ihnen auch mehr geben - eine lebendige Wendung, nicht nur eine Zahl. Aber was bringt das den Toten jetzt noch? Die haben doch nichts davon. Genauso wenig wie von den ganzen Denkmälern, Gedenktagen und Blumen. Das ist doch sowieso alles geheuchelt. 60000. So viele wohnen nicht mal annähernd in unserem Dorf-Stadt-Kaff. 60000 - eine verdammt trockene Zahl für ein solches Ereignis. Man nennt diese Zahl, als hätten alle dasselbe erlitten, als wären sie alle gemeinsam gestorben, als wären sie in Wirklichkeit Zellen eines Körpers, der in dieser Schlacht sein Leben lassen musste. Hatte nicht jeder dieser 60000 Soldaten sein eigenes Schicksal? Lag nicht jeder von ihnen in einem Schützengraben, versteckt hinter einem Auto oder hinter einem Fenster - sah die Feinde kommen, erschoss vielleicht ein, zwei von ihnen, um dann selber den Löffel abzugeben? Traf ihn nicht die Kugel und er schaute auf seinen blutüberströmten Körper, sich auf einmal dessen bewusst, jetzt sterben zu müssen, ohne etwas dagegen tun zu können? Und was geschah in diesem Moment mit ihm? Wird er dieses Bild nun ewig vor Augen haben? Oder sterben nicht vielmehr seine Augen mit seinem Körper, so dass er gar nichts mehr sehen kann?
Ist nicht einfach alles aus? So müsste es doch sein. Wie schlafen, nur ohne aufzuwachen. Aber wie ist es, einfach nicht mehr aufzuwachen? Jeder von uns könnte sterben. Jetzt. Heute. Morgen. Wir alle würden nicht einmal merken, dass wir gerade verstorben sind. Woher soll man denn wissen, dass man tot ist, wenn man nicht mehr denken kann? Und woher soll man wissen, dass man gelebt hat? Ist mein Leben am Ende nicht einfach nur nichts gewesen? Ich konnte mich vorher an nichts erinnern und werde mich nachher an nichts erinnern. Ist die Menschheitsgeschichte nicht wie ein Delfinschwarm, der durchs Meer zieht und jeder Mensch ist ein Delfin, der kurz auftaucht, glänzt und schillert, um durch die Natur der Schwerkraft wieder unter Wasser gezogen zu werden, um bald darauf in Vergessenheit zu geraten. Und wer schaut diesen Delfinschwarm an? Hat er... es! Das Leben. Hat es ein Ziel? Oder ist es einfach, weil es ist? Ist es nicht trotz allem, trotz dieser Begrenztheit, trotz dieses jähen Endes schön? Sollten wir nicht einfach glücklich sein zu leben. Egal, wie schlimm es ist, es ist immer noch LEBEN.

Sebastian Schuster



Text als RTF-Datei zum Herunterladen