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Schulgeschichten
[5.Stunde]

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| im zeitloch gefangen
Die Minuten
ziehen sich wie Kaugummi, die Gedanken schweifen vom Wetter zum
Wochenende und zurück, aus lauter Langeweile hast du schon sämtliche
Gesichter in deinem Blickfeld nach Barthaaren und Make-up-Rückständen
untersucht. Trotzdem haben sich die Uhrzeiger so gut wie nicht bewegt.
Scheinen zu streiken, die Schnarchnasen.
Keine Arbeitsmoral. Gerade dreizehn Minuten sind vergangen, seit
der Gong dich von der vorherigen Stunde erlöst hat. Obwohl, die
hatte irgendwie nicht so lange gedauert. Ist etwa auf dem Gang zwischen
Englisch- und Geschichtszimmer eine Grenze im Raum-Zeit-Gefüge?
Nichtsahnend hast du sie überschritten und musst nun einer verlangsamten
Zeitrechnung gehorchen. Scheint so, anders kannst du es dir zumindest
nicht erklären. Das Motivationspotenzial
ist nämlich unverändert, sollte eigentlich sogar gesteigert sein,
da Geschichte nicht dein bestes Fach ist.
Dennoch weigern sich deine Gehirnzellen, den Ausführungen
des Lehrers zu folgen, sie verbeißen sich lieber in seiner ausgefallenen
Krawattenkollektion. Lange hältst du das aber nicht aus. Zum Glück
ist das Fenster in Sichtweite, dahinter ereignen sich interessantere
Dinge. Die Natur lebt, Wolken ziehen vorüber, Blätter werden vom
Wind gescheucht und natürlich nieselt es.
Ähnliche Langeweile wie in diesem Raum würde wohl sogar die Evolution
zum Einschlafen bringen - nicht auszudenken, welche Folgen das hätte.
Der Einzugsbereich der Schule müsste einem Urwald ähneln und
im Unterholz würden sich Dinosaurier tummeln.
Ziemlich abgefahren.
Doch alle Gesetze scheinen in diesem Kursraum dann doch nicht außer
Kraft gesetzt, Murphy
verfolgt dich unerbittlich. Und er sagt: Wenn ein Fach langweilig
ist, sitzt du garantiert zwischen zwei Mitschülern, mit denen du
entweder absolut kein Gesprächsthema gemeinsam hast, oder sie wollen
lieber aufpassen als sich zu unterhalten. Also bleibt nur die Selbstbeschäftigung.
Aber was? In diesem Augenblick, kurz vor dem ewigen Langeweilekoma,
ist dir alles recht und das Stoppen der Ampelphasen draußen vor
dem Fenster immerhin eine kleine Herausforderung für dein Reaktionsvermögen.
Man muss sich seine eigenen unnützen Aktionen nur gut verkaufen.
Das Amüsier-Potenzial ist aber leider begrenzt und noch immer sind
es 21 Minuten, bis man dir eine kleine Pause
zugesteht. Welche Möglichkeiten stehen also noch zur Verfügung?
Naht die Rettung durch ein Tafelbild? Deine Gebete werden erhört,
die Tafel füllt sich im Gleichschritt mit deinem Blatt. Du schreibst
mit links, obwohl du Rechtshänder bist. Aber links dauert es länger.
Eva Mirbeth,
18, Ingolstadt |
| ein
ganz normaler versager
Der schlimmste
Kurs ist aber Informatik. Der Rest der Schüler dort hat Mathe-LK, ich komme mir meistens vor wie der einzige Normale unter lauter
Irren, oder auch umgekehrt. Von Mathe weiß ich eben nicht viel,
ich weiß auch nicht, wie ich das bis zu den Prüfungen nächstes Jahr
ändern kann, aber das ist mir momentan egal. Ich lasse die Mathe-Asse
labern und denke wieder an dieses bestimmte Mädchen. Daran, dass
sie mich nicht bemerkt, dass sie mich nicht einmal mehr kennt. Warum
sollte sie auch? Wir haben uns zwar mal auf Parties getroffen, aber
sie hatte nie ein Interesse, mich wirklich kennenzulernen. Für sie
bin ich eben nur einer aus der grauen Masse, jemand, der es nie
zu etwas bringen wird. Ein ganz normaler Versager, der gar nicht
ihr Stil ist. Ich hätte mich nicht in sie verlieben sollen, aber
trotzdem ist es passiert. Und weil es wohl besser ist, sie zu vergessen,
verwerfe ich jeden Gedanken an sie, ihre schwebenden Bewegungen,
ihre Schönheit und alles, was sie sonst auszeichnet. Und weil ich
ein durchschnittlicher Typ bin, mit durchschnittlichem Aussehen,
durchschnittlicher Intelligenz und überhaupt keiner Besonderheit,
werde ich immer an ihr vorbeigehen, werde mein durchschnittliches
Abi machen, einen langweiligen Beruf ergreifen und in fünfzig Jahren
erzählen, wie es früher in der Schule war, als mir noch alle Türen
offen standen - und ich meine Chancen nicht genutzt habe. Warum
ich meine Traumfrau nicht bekommen habe, nicht
meinen Traumjob - und auch sonst nichts, wovon ich als Jugendlicher
geträumt habe. Aber daran denke ich nicht mehr, wenn ich heute Abend
mit dem leeren Bus nach Hause fahre und die Stille genieße, die
nur vom Heulen des Motors unterbrochen wird. Ich betrachte dann
durch die dreckige Scheibe die untergehende Sonne. Die Gedanken
an die Schule und das Mädchen lasse ich hinter mir. Ich denke nur
darüber nach, was heute geschah. Es war eigentlich ein ganz normaler
Tag.
Tobias Soffner,
18, Moringen |
das leben
"60000 Soldaten mussten in der Schlacht
ihr Leben lassen." Krasser
Satz. Eine so lebendige Wendung in einem rein sachlich-informativen
Geschichtsbuch. Es scheint, als wollte sie nur über diese trockene
Zahl hinwegtäuschen. 60000 Soldaten: Man kann es nicht mit seinem
Gewissen vereinbaren, eine solche Zahl, die ganzen Toten, einfach
nur zu nennen. Die haben mehr verdient, also muss man ihnen auch
mehr geben - eine lebendige Wendung, nicht nur eine Zahl. Aber was
bringt das den Toten jetzt noch? Die haben doch nichts davon. Genauso
wenig wie von den ganzen Denkmälern, Gedenktagen und Blumen. Das
ist doch sowieso alles geheuchelt. 60000. So viele wohnen nicht
mal annähernd in unserem Dorf-Stadt-Kaff. 60000 - eine verdammt
trockene Zahl für ein solches Ereignis. Man nennt diese Zahl, als
hätten alle dasselbe erlitten, als wären sie alle gemeinsam gestorben,
als wären sie in Wirklichkeit Zellen eines Körpers, der in dieser
Schlacht sein Leben lassen musste. Hatte nicht jeder dieser 60000
Soldaten sein eigenes Schicksal? Lag nicht jeder von ihnen in einem
Schützengraben, versteckt hinter einem Auto oder hinter einem Fenster
- sah die Feinde kommen, erschoss vielleicht ein, zwei von ihnen,
um dann selber den Löffel abzugeben? Traf ihn nicht die Kugel und
er schaute auf seinen blutüberströmten Körper, sich auf einmal dessen
bewusst, jetzt sterben zu müssen, ohne etwas dagegen tun zu können?
Und was geschah in diesem Moment mit ihm? Wird er dieses Bild nun
ewig vor Augen haben? Oder sterben nicht vielmehr seine Augen mit
seinem Körper, so dass er gar nichts mehr sehen kann?
Ist nicht einfach alles aus? So müsste es doch sein. Wie schlafen,
nur ohne aufzuwachen. Aber wie ist es, einfach nicht mehr aufzuwachen?
Jeder von uns könnte sterben. Jetzt. Heute. Morgen. Wir alle würden
nicht einmal merken, dass wir gerade verstorben sind. Woher soll
man denn wissen, dass man tot ist, wenn man nicht mehr denken kann?
Und woher soll man wissen, dass man gelebt hat? Ist mein Leben am
Ende nicht einfach nur nichts gewesen? Ich konnte mich vorher an
nichts erinnern und werde mich nachher an nichts erinnern. Ist die
Menschheitsgeschichte nicht wie ein Delfinschwarm, der durchs Meer
zieht und jeder Mensch ist ein Delfin, der kurz auftaucht, glänzt
und schillert, um durch die Natur der Schwerkraft wieder unter Wasser
gezogen zu werden, um bald darauf in Vergessenheit zu geraten. Und
wer schaut diesen Delfinschwarm an? Hat er... es! Das Leben. Hat
es ein Ziel? Oder ist es einfach, weil es ist? Ist es nicht trotz
allem, trotz dieser Begrenztheit, trotz dieses jähen Endes schön?
Sollten wir nicht einfach glücklich sein zu leben. Egal, wie schlimm
es ist, es ist immer noch LEBEN.
Sebastian Schuster |
Text
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