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Schulgeschichten

[die ersten stunden]

 

8.jpg

dichtstunde

Descere
eine schülerallee hochaufgereckt an weißen wänden
klebend fix fixierend, stierend an die tafeln
offensichtlich richtig wichtig, was aus lehrerhänden
angeschrieben.

trauerweidenblicke angeödet, langgeweilt, stehn
stumm stunden leer auf weitem boden -
los beäugt, befragt, jemand hier, der noch
was sagt?

zurechtgestutzte baumschulbonsais oberflächlich instruiert.
angepasst, partei ergriffen, rumgeheuchelt, notengeil:
schwafelsichtlich offenrichtig ziemlich wichtig und doch
nichtig.

außen angstaggressionen ausgelassen, weggedacht.
pausengong passend wie passierend, fenster aufgemacht.
gedankenmüll frei fliegend fallend fort. weggeschmissen
neues wissen, wie in kissen eingebettet,
eingebeetet, eingegossen, eingeprägt und weggeschlossen.

Jan Drees, 20, Wuppertal

ekel

7.55 Uhr. Erdkunde. Wir besprechen die Alpen. Das Thema nehmen wir jetzt schon seit Anfang des Jahres durch. Ich werde noch ein Trauma davontragen. Meine Klasse ist ziemlich gestört. Aber irgendwie ist es lustig, eben weil alle so gestört sind. Wenn sich unter der Stunde jemand meldet und etwas Richtiges sagt, dann machen alle diese komischen Schleimgeräusche, indem sie die Spucke zwischen Gaumen und Zunge einsaugen. Wenn sich jemand meldet und etwas Falsches sagt, dann stöhnen und grunzen alle und rufen "Oh Gott, oh Gott". Wenn jemand aufgerufen wird und nichts weiß, dann sagen alle "bisschen wenig" und "Komm doch gleich mal raus". Na ja, lauter solche Sachen. Auf jeden Fall ist es ziemlich lustig.
Wir haben uns "Ekel"-Schilder gebastelt, aus dieser Werbung, in der in einem großen, grünen Kreis "Ekel" steht. Unser Erdkundelehrer, Herr Ganser, geht mir extrem auf die Nerven. Ich halte mein "Ekel"-Schild hoch. Das beruhigt mich ziemlich.

Kathi Höhendinger, 17, Rosenheim

knutscht er?

So. Jetzt ist es passiert. Ich sitze in Mathe, dem Fach, in dem ich sowieso nur fünf Punkte mündlich habe und werde drangenommen. Es bringt also tatsächlich nichts, sich jede Woche in diesen Unterricht zu schleppen, guten Willen zu zeigen und interessiert zu wirken. Es bringt nichts, sich den Platz hinter dem riesenhaften Thorsten zu erkämpfen und erdfarbene Sachen anzuziehen. Es hilft nicht mal, dass ich den Sohn des Lehrers auf sechs Parties stundenlang vollgequatscht habe. Ich werde drangenommen. Manchmal würde ich mich gerne mit einem großen Schild vor den Eingang meiner Schule stellen, auf dem steht: "Wacht auf! Findet einen Weg heraus aus dem Sumpf! Hebt euch ab von der Masse!" Jetzt ist es dafür natürlich zu spät. Jetzt, wo ich die Mathe-Verliererin des Jahrgangs bin, würde man mir Trotz als Motiv andichten. Gut, dass wieder einmal alles falsch läuft.
Ach was, jetzt darf ich auch noch an die Tafel.
Die Helden in der ersten Reihe melden sich schon, obwohl ich noch nicht mal die Kreide in der Hand habe. Ich möchte, dass sie sich darüber klar werden, dass es wichtigere menschliche Werte gibt als naturwissenschaftliches Genie. Man diktiert mir die Aufgabenstellung. Eine Zeichnung werde ich nicht machen können. Knutscht mein Lehrer noch mit seiner Frau? Bin ich ihm gegenüber hier im Vorteil? Sind ihm diese Momente, in denen man gemeinsam im Dunkeln unter der Decke sitzt und flüstert und sich gut fühlt, noch präsent? Er brüllt ein bisschen rum, der hässliche und alte Mensch und schickt mich zurück zum Platz, um andere Schüler zu knechten.

Katharina Litten, 17, Hannover

teufels roulette

Herr Teufel nahm die Ruhe wohlgefällig zur Kenntnis und setzte sich. Dann geschah, was viele Schüler nachts in ihren Alpträumen aus den Betten quälte und morgens das Fieberthermometer an die Glühbirne halten oder an der Bettdecke reiben ließ. Er blickte in die Klasse, wie ein Radar oder eine Sonde nach einem Zeichen der Unsicherheit in den Gesichtern forschend. Wie ein Radar, besser, wie zwei. Seine Augen versahen ihren Dienst nämlich nicht, wie gewöhnlich, gleichmäßig. Das linke - er trug ein Glasauge - verharrte unbewegt in seiner Höhle. Was uns wünschen machte, auch in der sicheren Höhle des eigenen Bettes verweilt zu haben. Das andere verhielt sich motorisch korrekt. Ja, es schien sogar die Regungslosigkeit des anderen wettmachen zu wollen, indem es hellwach und wieselflink hin und her sauste, umso jedem Schüler die unmittelbare Bedrohung zu vermitteln. Sein Blick würde wie die Kugel beim Roulette langsamer werden, stetiger eine gewisse Gruppe Schüler im Raum fixieren, um irgendwann auf dem fälligen Opfer hängenzubleiben. Dies waren auf Grund seiner anatomischen Eigenart immer zwei Personen. Dann hatte man entweder Glück und war nur vom Glasauge erfasst, oder Pech, wenn einen die Zieloptik des gesunden anderen Auges ausgemacht hatte. Darauf folgte der Moment, der mehr quälte, als er half. Der Augenblick, in dem das designierte Opfer noch an einen Ausweg glaubte. Ein kurzes Zwiegespräch setzte ein, meistens begann es mit: "Na, ich hoffe, du bist vorbereitet!" Anschließend folgte das Verhör.

Matthias Kastenbauer, Gräfelfing

good old gong

Ich weiß nicht, wie oft ich ihn schon gehört habe, aber jedes Mal, wenn er kam, war ich unheimlich erleichtert. Er läutet das Ende ein, das Ende jeder Stunde. Die Rede ist vom Gong. Unser schöner Schulgong, der in einer dissonanten Folge von drei blechernen Tönen erklingt, macht uns auf seine bescheidene technische Art darauf aufmerksam, dass das Leiden eine Stunde älter, das Ende aber eine näher gekommen ist. Bald hat es sich ausgegongt. Mit heißer Stirn sehe ich auf die Uhr. Die erste Stunde will mal wieder überhaupt nicht verstreichen. 8.00 Uhr ist es, 35 Minuten bis zum nächsten Gong. Das Warten wird zur Qual. Es ist wie eine Strafe, die ich absitzen muss, dreizehn Jahre lang. Er versüßt mir jede Stunde meiner letzten sechzig Tage, die ich noch auf dieser Arche sein werde. Die Stunden werden gezählt und der Gong erinnert mich daran, dass sie wirklich verstreichen, auch wenn das oft nicht den Anschein hat. Leider höre ich den Gong erst seit neun Jahren, seitdem ich die Anstalt wechseln musste. Langsam beginne ich ihn zu schätzen, denn der Gong ist das einzige, das sich nicht verändert hat. Alles andere um ihn herum ist Moden unterlegen. Der Gong sah einige Persönlichkeiten untergehen und andere neu auftauchen, ohne dass er sich auch nur um einen Ton geändert hätte. Nur lauter ist er geworden. Der Gong ist nur der Zeit untertan, denn die lässt sich von ihm nicht bestimmen. Dich werde ich wohl auch als einzigen vermissen, Gong. Von außen sieht man diesem orangefarbenen Betonklotz gar nicht an, dass in seinem Innern ein so lieblicher Gong ertönt. Rund zehnmal am Tag kann ich ihm lauschen. Das sind circa 55 Mal in der Woche (inklusive Nachmittagsunterricht), 220 im Monat und rund 2200 Mal in einem Schuljahr. Rechnet man diesen Wert auf ein Gymnasiastendasein um, kommt man auf 21800 Gönge, das sind 65400 Schläge in einem Schuljahr. Ich kann kaum noch 500 hören, denn dann ist es vorbei und unsere Wege trennen sich.

Frank von Walter, Osnabrück



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