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Schulgeschichten
[die ersten stunden]

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| dichtstunde
Descere
eine schülerallee hochaufgereckt an weißen wänden
klebend fix fixierend, stierend an die tafeln
offensichtlich richtig wichtig, was aus lehrerhänden
angeschrieben.
trauerweidenblicke
angeödet, langgeweilt, stehn
stumm stunden leer auf weitem boden -
los beäugt, befragt, jemand hier, der noch
was sagt?
zurechtgestutzte
baumschulbonsais oberflächlich instruiert.
angepasst, partei ergriffen, rumgeheuchelt, notengeil:
schwafelsichtlich offenrichtig ziemlich wichtig und doch
nichtig.
außen
angstaggressionen ausgelassen, weggedacht.
pausengong passend wie passierend, fenster aufgemacht.
gedankenmüll frei fliegend fallend fort. weggeschmissen
neues wissen, wie in kissen eingebettet,
eingebeetet, eingegossen, eingeprägt und weggeschlossen.
Jan Drees, 20, Wuppertal |
| ekel
7.55 Uhr. Erdkunde. Wir besprechen
die Alpen. Das Thema nehmen wir jetzt schon seit Anfang des Jahres
durch. Ich werde noch ein Trauma davontragen. Meine Klasse ist ziemlich
gestört. Aber irgendwie ist es lustig, eben weil alle so gestört
sind. Wenn sich unter der Stunde jemand meldet und etwas Richtiges
sagt, dann machen alle diese komischen Schleimgeräusche, indem sie
die Spucke zwischen Gaumen und Zunge einsaugen. Wenn sich jemand
meldet und etwas Falsches sagt, dann stöhnen und grunzen alle und
rufen "Oh Gott, oh Gott". Wenn jemand aufgerufen wird
und nichts weiß, dann sagen alle "bisschen wenig" und
"Komm doch gleich mal raus". Na ja, lauter solche Sachen.
Auf jeden Fall ist es ziemlich lustig.
Wir haben uns "Ekel"-Schilder gebastelt, aus dieser Werbung,
in der in einem großen, grünen Kreis "Ekel" steht. Unser
Erdkundelehrer, Herr Ganser, geht mir extrem auf die Nerven. Ich
halte mein "Ekel"-Schild hoch. Das beruhigt mich ziemlich.
Kathi Höhendinger, 17,
Rosenheim |
knutscht er?
So. Jetzt ist es passiert. Ich sitze in Mathe, dem Fach, in dem ich sowieso
nur fünf Punkte mündlich habe und werde drangenommen. Es bringt
also tatsächlich nichts,
sich jede Woche in diesen Unterricht zu schleppen, guten Willen
zu zeigen und interessiert zu wirken. Es bringt nichts, sich den
Platz hinter dem riesenhaften Thorsten zu erkämpfen und erdfarbene
Sachen anzuziehen. Es hilft nicht mal, dass ich den Sohn des Lehrers
auf sechs Parties stundenlang vollgequatscht habe. Ich werde drangenommen.
Manchmal würde ich mich gerne mit einem großen Schild vor den Eingang
meiner Schule stellen, auf dem steht: "Wacht auf! Findet einen
Weg heraus aus dem Sumpf! Hebt euch ab von der Masse!" Jetzt
ist es dafür natürlich zu spät. Jetzt, wo ich die Mathe-Verliererin
des Jahrgangs bin, würde man mir Trotz als Motiv andichten. Gut,
dass wieder einmal alles falsch läuft.
Ach was, jetzt darf ich auch noch an die Tafel.
Die Helden in der ersten Reihe melden sich schon,
obwohl ich noch nicht mal die Kreide in der Hand habe. Ich möchte,
dass sie sich darüber klar werden, dass es wichtigere menschliche
Werte gibt als naturwissenschaftliches Genie. Man diktiert mir die
Aufgabenstellung. Eine Zeichnung werde ich nicht machen können.
Knutscht mein Lehrer noch mit seiner Frau? Bin ich ihm gegenüber
hier im Vorteil? Sind ihm diese Momente, in denen man gemeinsam
im Dunkeln unter der Decke sitzt und flüstert und sich gut fühlt,
noch präsent? Er brüllt ein bisschen rum, der hässliche und alte
Mensch und schickt mich zurück zum Platz, um andere Schüler zu
knechten.
Katharina Litten, 17, Hannover |
teufels
roulette
Herr Teufel nahm die Ruhe wohlgefällig
zur Kenntnis und setzte sich. Dann geschah, was viele Schüler nachts
in ihren Alpträumen aus den Betten quälte und morgens das Fieberthermometer
an die Glühbirne halten oder an der Bettdecke reiben ließ. Er blickte
in die Klasse, wie ein Radar oder eine Sonde nach einem Zeichen
der Unsicherheit in den Gesichtern forschend. Wie ein Radar, besser,
wie zwei. Seine Augen versahen ihren Dienst nämlich nicht, wie gewöhnlich,
gleichmäßig. Das linke - er trug ein Glasauge - verharrte unbewegt
in seiner Höhle. Was uns wünschen machte, auch in der sicheren Höhle
des eigenen Bettes verweilt zu haben. Das andere verhielt sich motorisch
korrekt. Ja, es schien sogar die Regungslosigkeit des anderen wettmachen
zu wollen, indem es hellwach und wieselflink hin und her sauste,
umso jedem Schüler die unmittelbare Bedrohung zu vermitteln. Sein
Blick würde wie die Kugel beim Roulette langsamer werden, stetiger
eine gewisse Gruppe Schüler im Raum fixieren, um irgendwann auf
dem fälligen Opfer hängenzubleiben. Dies waren auf Grund seiner
anatomischen Eigenart immer zwei Personen. Dann hatte man entweder
Glück und war nur vom Glasauge erfasst, oder Pech, wenn einen die
Zieloptik des gesunden anderen Auges ausgemacht hatte. Darauf folgte
der Moment, der mehr quälte, als er half. Der Augenblick, in dem
das designierte Opfer noch an einen Ausweg glaubte. Ein kurzes Zwiegespräch
setzte ein, meistens begann es mit: "Na, ich hoffe, du bist
vorbereitet!" Anschließend folgte das Verhör.
Matthias Kastenbauer,
Gräfelfing |
good old gong
Ich
weiß nicht, wie oft ich ihn schon gehört
habe, aber jedes Mal, wenn er kam, war ich unheimlich erleichtert.
Er läutet das Ende ein, das Ende jeder Stunde. Die Rede ist vom
Gong. Unser schöner Schulgong, der in einer dissonanten Folge von
drei blechernen Tönen erklingt, macht uns auf seine bescheidene
technische Art darauf aufmerksam, dass das Leiden eine Stunde älter,
das Ende aber eine näher gekommen ist. Bald hat
es sich ausgegongt. Mit heißer Stirn sehe ich auf die Uhr. Die
erste Stunde will mal wieder überhaupt nicht verstreichen. 8.00
Uhr ist es, 35 Minuten bis zum nächsten Gong. Das Warten wird zur
Qual. Es ist wie eine Strafe, die ich absitzen muss, dreizehn Jahre
lang. Er versüßt mir jede Stunde meiner letzten sechzig Tage, die
ich noch auf dieser Arche sein werde. Die Stunden werden gezählt
und der Gong erinnert mich daran, dass sie wirklich verstreichen,
auch wenn das oft nicht den Anschein hat. Leider höre ich den Gong
erst seit neun Jahren, seitdem ich die Anstalt wechseln musste.
Langsam beginne ich ihn zu schätzen, denn der Gong ist das einzige,
das sich nicht verändert hat. Alles andere um ihn herum ist Moden
unterlegen. Der Gong sah einige Persönlichkeiten untergehen und
andere neu auftauchen, ohne dass er sich auch nur um einen Ton geändert
hätte. Nur lauter ist er geworden. Der Gong ist nur der Zeit untertan,
denn die lässt sich von ihm nicht bestimmen. Dich werde ich wohl
auch als einzigen vermissen, Gong. Von außen sieht man diesem orangefarbenen
Betonklotz gar nicht an, dass in seinem Innern ein so lieblicher
Gong ertönt. Rund zehnmal am Tag kann ich ihm lauschen. Das sind
circa 55 Mal in der Woche (inklusive Nachmittagsunterricht), 220
im Monat und rund 2200 Mal in einem Schuljahr. Rechnet man diesen
Wert auf ein Gymnasiastendasein um, kommt man auf 21800 Gönge, das
sind 65400 Schläge in einem Schuljahr. Ich kann kaum noch 500 hören,
denn dann ist es vorbei und unsere Wege trennen sich.
Frank
von Walter, Osnabrück |
Text
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