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Schulgeschichten

[freistunde] Teil 2

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(32995 Byte)



paul sky und die world invaders

Ich glaube, man kann nicht sagen, dass ich Paul Sky liebe.

***

- Hallo, Maja.
Er sagt das wie eine Feststellung.
- Hi.
- Weißt du, was lustig ist?
- ???
- Meine Boa Constrictor heißt genauso wie du.
- Du hast 'ne Schlange?
- Jep.
- Frisst die denn nicht deine Kaninchen?
- Welche Kaninchen?

***

Der Schulhof leert sich nach und nach. Paul Sky bleibt neben mir sitzen und wir reden über MTV und Hummeln. Vor der Bioklausur habe ich eine Freistunde. Fünfundvierzig kostbare Minuten, mit Hummelbrummeln, Cappuccino und Klatsch vom letzten Wochenende. Ein bisschen Leben zwischendurch tut ganz gut. Hummeln können anatomisch gesehen gar nicht fliegen, sagt eine Studie, aber sie tun's trotzdem. Sie tun's einfach.
Ich kriege langsam Panik. Ich bin ganz alleine mit Paul Sky und gleich geht uns sicher der Gesprächsstoff aus. Aber jetzt noch nicht und irgendwie die ganze Zeit über nicht. Wir reden einfach immer weiter. Weiter und weiter. Wir fliegen ein bisschen zusammen rum und sehen uns die Welt von oben an; und nach zwei Cappuccinos, einem Käsetoast und vielen ausgerupften Kleeblättern kommt es mir vor, als würden wir uns schon sehr viel länger als ein paar flüchtige Vom-Sehen-her-Monate kennen.

***

- Sag mal, warum gehst du eigentlich nicht zur Schule? Was machst du so?
Ich glaube, das hat ihn tatsächlich noch niemand gefragt. Die Pusteblumen um uns herum formen einen Kreis aus Stille und kleine dicke Hummeln lassen das Unmögliche möglich werden.
- Also, also. Ich glaube jetzt einfach mal daran, dass du das verstehen wirst, ja? Life's to be lived, the road shall be long, let's sing our fate, a happy song.
Ich nicke verständnisvoll und lache ihn an, doch er bleibt ganz ernst.
- Nein, du verstehst nicht...
Er rupft Gänseblümchen und sieht fast ein bisschen gequält aus.
- Okay, ich glaube, du kannst es erst verstehen, wenn du es selber tust.
Hm. Ich denke, ich bin ein bisschen irritiert.
- Was tun?
- Damit musst du aber jetzt beginnen, jetzt ist das Zauberwort. Das heißt: Du musst deine Bioklausur schwänzen, fürchte ich.
- So. Kann ich denn nicht morgen damit anfangen?
- Nee. Entweder jetzt oder nie. Pass auf: Ich bringe dir mein Geheimnis bei und wenn du nach drei Tagen nicht überzeugt bist, kehrst du in die Schule zurück und holst brav deine Bioklausur nach. Okay?
Es kribbelt in meinem Bauch, wie in diesem bestimmten Moment, in dem die Achterbahn auf den höchsten Punkt hochgezogen wird und anhält und man weiß, dass man gleich in eine bodenlose Tiefe rasen wird und der Magen in die Speiseröhre rutscht und alle kreischen wie wild. Und Hummeln fliegen ja außerdem.
- Okay.

***

Seltsames Gefühl: Alle bewegen sich in Richtung A 112, zur Bioklausur oder in diverse andere Hörsäle und Klassenräume in totem Neonlicht. Und ich bewege mich mit ihm gegen den Strom. Meine ganze verdammte Welt scheint mir entgegenzukommen. Und alle gucken so irritiert.

***

Wir laufen über das Feld, ein Meer aus Sonnenkorn. Es wogt und rauscht im Wind und ansonsten ist alles ganz mittagsstill. Am Wegrand wachsen tausend Pusteblumen und er pflückt eine und pustet eine Wolke dieser flauschigen Samenkörnchen vor sich her. Er findet, dass das aussieht wie ein Schwarm Fallschirmspringer im Krieg. Ziemlich daneben. Blumen sind die friedlichsten Wesen überhaupt.

***

Sonnenstille.
***

- Warum gehst du also nicht zur Schule?
- Gegenfrage: Warum gehst du zur Schule?
- Weil... Weil es eben zum Leben dazugehört. Weil ich später mal einen Beruf haben will, der mir gefällt und ein bisschen Geld bringt.
- Okay. Warum willst du einen Beruf, der dir gefällt und der dir Geld bringt?
- Na, ist das nicht offensichtlich? Weil... weil ich glücklich werden will.
Er lacht und blinzelt in die Sonne.
- Und? Jetzt gerade bist du nicht glücklich?
- Doch. Jep. Und wie.
- Und? Bist du gerade in der Schule?
- Nein.
Ich lache und möchte gerne in den Himmel springen, obwohl an dieser Argumentation natürlich irgendwas falsch ist. Darauf komme ich aber gerade nicht, will ich auch gar nicht. Wir gucken für einen Moment auf die Stadt runter, können die Schule nicht sehen, aber wissen, dass sie da irgendwo ist. Ich sehe die anderen da sitzen und über Morphologie, relativer Fotosyntheserate und Sättigungskurven brüten und bin so glücklich, dass ich hier bin, dass ich in der Sonne, in einem Feld mit lauter kleinen Lebewesen zusammen bin. Dass ich bin.
- Was ich sagen wollte, ist - man geht zur Schule, um ein mittelmäßiges bis gutes Abi zu machen, um studieren zu können. Man studiert, um einen mittelmäßigen bis guten Abschluss zu machen und um dann einen guten Job grabschen zu können. Vielleicht gründet man dann irgendwann eine Familie, kauft sich einen Hund und ein Reihenhaus und ein Gartenhäuschen für die Kinder. Das ist dann das Glück, auf das man hingearbeitet hat. Ist eben nur ein irgendwie fragwürdiges Glück, lädiert und eingesperrt und gezähmt. Man muss das Glück genießen, das sich ergibt, das einem auf dem Weg geschenkt wird. Diese kleinen, puren Glücksmomente, wie jetzt gerade. Die sind irgendwie das Wichtigste. Sonst wachst du eines Morgens auf, in deinem Reihenhäuschen und merkst, dass du nie wirklich gelebt hast.

***

Allein mit Paul Sky in einem Sommermittagsfeld zu sitzen und um einen rum nur Wände aus raschelnden Halmen, die voller Leben sind und ein bisschen Sonnenlicht durchlassen. Und der ewige, blaue Himmel. Und die Sonne. Und die Hummeln. Und ein bisschen Schiss, dass der Bauer kommt. Paul Sky ist verrückt, aber momentan ist er der einzige Mensch auf der Welt. Deshalb ist verrückt normal und ich bin genauso verrückt. Logisch?
Der Tag flutscht weg mit
Zu-zweit-auf-einem-BMX-fahren, tanzen und anderes im Wald, Eis essen und In-irgendeinen-Zug-ein-und-in-Köln-wieder-aussteigen. In Köln laufen wir ein Stündchen rum und fahren dann wieder nach Hause. Natürlich schwarz, deswegen verstecken wir uns die zwanzig Minuten auf dem Klo. Uh-oh, das ist ziemlich wacklig. Aber lustig. Man kommt sich sozusagen näher. Aber gewaltig.


[ zum Teil 3 ]