| die pausenbrot-typologie
Schrill
ertönt die Pausenklingel und nahezu unmittelbar
danach strömen aus jedem Klassenraum Schülermassen und verwandeln
Schulhof, Raucherecke und Rasenflächen
in Spielplatz, Chill-Ecke
oder Treffpunkt für erste scheue Flirts. Mit dabei ist natürlich
immer das Butterbrot. Oft wird dieser unscheinbare Verzehrgegenstand
in ignoranter Weise unterschätzt, da nur wenige Insider in die hohe
Kunst des Pausenbrotlesens eingeweiht sind. Denn was Schüler aus
Pergamentpapier, Alufolie oder Tupperdose
hüllen, ist nicht allein ihr Schulproviant, sondern auch ein Teil
ihres Ichs.
Eine Pausenbrottypologie:
Der Zerstreute: Der Zerstreute hat kein Pausenbrot. Aber
dafür riesigen Hunger. Sein Problem ist seine Unfähigkeit zu planen
und sein daraus resultierender Zeitmangel. Er verschläft jeden Morgen,
so dass er stets zu spät kommt, häufig noch mit Kopfkissenabdrücken
auf dem Gesicht. Selbst wenn er es vor der Schule noch so gerade
eben schafft, sich ein Käsebrot zu schmieren, vergisst er dieses
garantiert auf dem Küchentisch, weil er in aller Hektik zum Bus
muss, der ihm dann meistens vor der Nase wegfährt. Du erkennst den
Zerstreuten an seinen offenen oder abgerissenen Schnürsenkeln und
schief zugeknöpften Hemden, mit denen er in die Pausenhalle platzt
und ruft: "Oh, Leute, hab' ich einen Hunger! Kann mir jemand
was abgeben?" Seine Verplantheit kann ihm jedoch einen unwiderstehlichen
Charme verleihen: Das zerzauste Haar steht ihm/ihr einfach blendend!
Eine Freundschaft mit ihm/ihr kann wunderbar spontan und abwechslungsreich
sein, da der Zerstreute zu den wenigen Menschen gehört, die im Hier
und Jetzt leben. Bloß solltest du dir ein dickes Fell gegen seine
Gedankenlosigkeit und Vergesslichkeit zulegen - er kann es einfach
nicht anders!
Der Konservative: Der Konservative packt, seit du ihn kennst,
jeden Morgen das gleiche Brot mit dem gleichen Belag aus ewig derselben
Tupperdose. Auf die Frage, warum er seine Wurst nicht einmal durch
Nutella ersetzt, könnte der Konservative antworten: "Da weiß
man, was man hat!" Er möchte nichts an der bestehenden Ordnung
ändern und ist wenig experimentierfreudig - schließlich geht es
ihm doch gut, so wie es ist. Wenngleich ihm manchmal vorgeworfen
wird, ein Langweiler zu sein, so ist er kein unangenehmer Mensch
- auch bei ihm weiß man, was man hat: Der Konservative ist genau
der Typ, mit dem man jedes Jahr am dritten Advent die Alf-Weihnachtsfolge
auf Video sieht. Auf diesen treuen Freund kann man sich verlassen!
Der Kreative: Diese Gattung der Pausenbrotverzehrer kennzeichnet
vor allem eines: Das immense Sandwich mit den verschiedensten Belägen
und viel saftigem Gemüse, auf das alle neidisch sind. Dieses Improvisationstalent
ist sehr fantasievoll und kann auch noch aus den letzten Essensresten
ein Pausenbrot zaubern, dessen Anblick oft peinlich speicheltreibend
auf seine Mitschüler wirkt. Der Kreative ist solch ein Liebhaber
des Details, dass er manchmal extra früher aufsteht,
um vor der Schule noch Eier für seinen Lachstoast zu kochen. Seine
Freunde überrascht dieser sinnliche Genießer mit mühe- und liebevoll
gebastelten Geschenken. Allerdings neigt er leicht zu narzistischen
Zügen: Er weiß einfach, dass er das tollste Sandwich hat.
Der Unselbstständige: Obwohl der Unselbstständige auf die
Volljährigkeit zugeht, schmiert ihm immer noch eines seiner Elternteile
das Pausenbrot. Dieser Typus offenbart sich meist durch Ausrufe
wie: "Bah, meine Mutter hat mir schon wieder Kochschinken aufs
Brot getan!" Hinter ihrem Rücken kritisiert er sie, doch zuhause,
wo seine Leine kurz und straff gehalten wird, traut er sich nicht
aufzumucken.
Seinen Fahrradhelm nimmt er einige hundert Meter vor dem Schultor
ab. Außerhalb der heimischen vier Wände versucht er also aus der
familiären Klammer auszureißen, wodurch er sich manchmal überraschend
schnell zu waghalsigen Taten verleiten lässt. Er will zu den coolsten
der Coolen gehören und übersieht dabei manchmal seinen eigenen Wert.
Wenn man diesen sympathisch naiven Charakter etwas gebremst hat,
kann man sehr nahe Stunden mit ihm verleben.
Der Minimalist: Zum Frühstück gibt es für ihn nur eine
Zigarette und ein Mineralwasser. Denn der Minimalist steht diszipliniert
über den Dingen. Er ist sich zu gut für niedere Gelüste wie Hunger,
widmet sich lieber den wesentlichen Dingen. Wenn er doch einmal
seine Zeit mit essen vergeudet, dann nur, um satt zu werden, nicht
um zu genießen. Die Weibchen dieser Gattung sind oft kunstvoll geschminkt.
Minimalisten beiden Geschlechts haben gern einen sehr eigenen Klamottenstil.
So wollen sie ihrer Andersartigkeit Ausdruck verleihen, was sich
leicht in eine gewisse Arroganzhaltung steigern kann. Trotzdem sind
diese stark kopflastigen Sparfrühstücker stets für ein tiefgründiges
Gespräch zu haben. Außerdem: Auch Minimalisten müssen einmal lockerlassen
und dann kann es umso lustiger werden, wenn sie zum Partyrocker
heißlaufen!
Friederike Knüpling, 18, Bonn |