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Schulgeschichten

[große Pause] Teil 2

 

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die pausenbrot-typologie

Schrill ertönt die Pausenklingel und nahezu unmittelbar danach strömen aus jedem Klassenraum Schülermassen und verwandeln Schulhof, Raucherecke und Rasenflächen in Spielplatz, Chill-Ecke oder Treffpunkt für erste scheue Flirts. Mit dabei ist natürlich immer das Butterbrot. Oft wird dieser unscheinbare Verzehrgegenstand in ignoranter Weise unterschätzt, da nur wenige Insider in die hohe Kunst des Pausenbrotlesens eingeweiht sind. Denn was Schüler aus Pergamentpapier, Alufolie oder Tupperdose hüllen, ist nicht allein ihr Schulproviant, sondern auch ein Teil ihres Ichs.

Eine Pausenbrottypologie:

Der Zerstreute: Der Zerstreute hat kein Pausenbrot. Aber dafür riesigen Hunger. Sein Problem ist seine Unfähigkeit zu planen und sein daraus resultierender Zeitmangel. Er verschläft jeden Morgen, so dass er stets zu spät kommt, häufig noch mit Kopfkissenabdrücken auf dem Gesicht. Selbst wenn er es vor der Schule noch so gerade eben schafft, sich ein Käsebrot zu schmieren, vergisst er dieses garantiert auf dem Küchentisch, weil er in aller Hektik zum Bus muss, der ihm dann meistens vor der Nase wegfährt. Du erkennst den Zerstreuten an seinen offenen oder abgerissenen Schnürsenkeln und schief zugeknöpften Hemden, mit denen er in die Pausenhalle platzt und ruft: "Oh, Leute, hab' ich einen Hunger! Kann mir jemand was abgeben?" Seine Verplantheit kann ihm jedoch einen unwiderstehlichen Charme verleihen: Das zerzauste Haar steht ihm/ihr einfach blendend! Eine Freundschaft mit ihm/ihr kann wunderbar spontan und abwechslungsreich sein, da der Zerstreute zu den wenigen Menschen gehört, die im Hier und Jetzt leben. Bloß solltest du dir ein dickes Fell gegen seine Gedankenlosigkeit und Vergesslichkeit zulegen - er kann es einfach nicht anders!
Der Konservative: Der Konservative packt, seit du ihn kennst, jeden Morgen das gleiche Brot mit dem gleichen Belag aus ewig derselben Tupperdose. Auf die Frage, warum er seine Wurst nicht einmal durch Nutella ersetzt, könnte der Konservative antworten: "Da weiß man, was man hat!" Er möchte nichts an der bestehenden Ordnung ändern und ist wenig experimentierfreudig - schließlich geht es ihm doch gut, so wie es ist. Wenngleich ihm manchmal vorgeworfen wird, ein Langweiler zu sein, so ist er kein unangenehmer Mensch - auch bei ihm weiß man, was man hat: Der Konservative ist genau der Typ, mit dem man jedes Jahr am dritten Advent die Alf-Weihnachtsfolge auf Video sieht. Auf diesen treuen Freund kann man sich verlassen!
Der Kreative: Diese Gattung der Pausenbrotverzehrer kennzeichnet vor allem eines: Das immense Sandwich mit den verschiedensten Belägen und viel saftigem Gemüse, auf das alle neidisch sind. Dieses Improvisationstalent ist sehr fantasievoll und kann auch noch aus den letzten Essensresten ein Pausenbrot zaubern, dessen Anblick oft peinlich speicheltreibend auf seine Mitschüler wirkt. Der Kreative ist solch ein Liebhaber des Details, dass er manchmal extra früher aufsteht, um vor der Schule noch Eier für seinen Lachstoast zu kochen. Seine Freunde überrascht dieser sinnliche Genießer mit mühe- und liebevoll gebastelten Geschenken. Allerdings neigt er leicht zu narzistischen Zügen: Er weiß einfach, dass er das tollste Sandwich hat.
Der Unselbstständige: Obwohl der Unselbstständige auf die Volljährigkeit zugeht, schmiert ihm immer noch eines seiner Elternteile das Pausenbrot. Dieser Typus offenbart sich meist durch Ausrufe wie: "Bah, meine Mutter hat mir schon wieder Kochschinken aufs Brot getan!" Hinter ihrem Rücken kritisiert er sie, doch zuhause, wo seine Leine kurz und straff gehalten wird, traut er sich nicht aufzumucken. Seinen Fahrradhelm nimmt er einige hundert Meter vor dem Schultor ab. Außerhalb der heimischen vier Wände versucht er also aus der familiären Klammer auszureißen, wodurch er sich manchmal überraschend schnell zu waghalsigen Taten verleiten lässt. Er will zu den coolsten der Coolen gehören und übersieht dabei manchmal seinen eigenen Wert. Wenn man diesen sympathisch naiven Charakter etwas gebremst hat, kann man sehr nahe Stunden mit ihm verleben.
Der Minimalist: Zum Frühstück gibt es für ihn nur eine Zigarette und ein Mineralwasser. Denn der Minimalist steht diszipliniert über den Dingen. Er ist sich zu gut für niedere Gelüste wie Hunger, widmet sich lieber den wesentlichen Dingen. Wenn er doch einmal seine Zeit mit essen vergeudet, dann nur, um satt zu werden, nicht um zu genießen. Die Weibchen dieser Gattung sind oft kunstvoll geschminkt. Minimalisten beiden Geschlechts haben gern einen sehr eigenen Klamottenstil. So wollen sie ihrer Andersartigkeit Ausdruck verleihen, was sich leicht in eine gewisse Arroganzhaltung steigern kann. Trotzdem sind diese stark kopflastigen Sparfrühstücker stets für ein tiefgründiges Gespräch zu haben. Außerdem: Auch Minimalisten müssen einmal lockerlassen und dann kann es umso lustiger werden, wenn sie zum Partyrocker heißlaufen!

Friederike Knüpling, 18, Bonn



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