Lerner

 •  Wörterbücher

 •  Grammatik
 •  Lesestrategien

 Texte

 •  
Texte mit Aufgaben
 •  Texte zum Lesen
 •  Thematisch geordnet


 Extras

 •  Chat-Seite
 •  Schreibwerkstatt

 
   Menü      


Willkommen im Club

Der 22-jährige Sebastian Schnitzenbaumer aus München machte mit seiner jungen Firma eine verrückte Karriere. Er gehört zu einem exklusiven Zirkel von Menschen, die an der Zukunft des World Wide Web arbeiten.

Eigentlich müsste es Sebastian Schnitzenbaumer manchmal, wenn er an die letzten Monate denkt, ganz schwindlig werden. So wie es jemandem schwindlig wird, der zu schnell auf einen Gipfel stürmt, irgendwann nach unten schaut und erst dann merkt, wie weit er schon ist. Sebastian ist 1999 weit nach oben gekommen. So weit, dass er jetzt an der Zukunft des Internet mitarbeitet. Zusammen mit Computerfirmen wie Hewlett Packard, IBM und Microsoft, die Zehntausende von Mitarbeitern haben. Sebastian ist erst 22 Jahre alt, seine Firma hat acht Mitarbeiter und steht noch ganz Anfang.

Im September vorigen Jahres gründete er gemeinsam mit dem 24-jährigen Programmierer Malte Wedel in München die Software-Firma Stack Overflow. Beide hatten vorher schon als Web-Designer gearbeitet, Makler und Zeitschriften ins Internet gebracht. Dabei war ihnen aufgefallen, dass die Layout-Sprache HTML, aus der alle Webseiten bestehen, viele Macken hat. "Für manche Aufgaben ist sie wahnsinnig schlecht geeignet", erklärt Sebastian. Jedesmal, wenn etwa der Besucher einer Webseite etwas eintippen muss, ist das für den HTML-Programmierer Schwerstarbeit. Sebastian und Malte dachten sich also eine Erweiterung von HTML aus. Ein kleines Zusatzprogramm, das dem Programmierer viel Arbeit abnimmt, das der Besucher der Seite aber gar nicht bemerkt - und das mit fast allen Webbrowsern läuft. Eine einfache und ziemlich geniale Idee, an der sie fast ein Jahr gearbeitet haben. In Zukunft wird es auch für kleine Firmen leichter, ihre Homepages attraktiv zu gestalten. Sebastian und Malte grinsen, wenn sie an ihre Firma denken. Weil sie gerade dabei sind, eine Geschichte zu erleben, wie sie sie oft in den Internet-Zeitschriften gelesen haben: eine gute Idee haben, eine eigene Firma gründen und reich werden.

Anfang 1999 schickten die beiden ihr Programm "Mozquito" an das World Wide Web Consortium, kurz W3C. "Wir wollten wissen, was die davon halten", sagt Malte. Das W3C ist eines der wichtigsten internationalen Gremien im anarchischen Internet. Hier sitzen 350 Organisationen und Firmen und versuchen die Regeln festzulegen, nach denen das Internet funktioniert. Eine Art Regierung im unregierbaren Internet, die auch über die Zukunft der veralteten HTML entscheidet. Sebastian und Malte glaubten fest, dass ihre Idee dabei eine Rolle spielen könnte. Und die Mitglieder des W3C glaubten es offenbar auch, denn bald ging bei ihnen eine Mail ein - mit der Aufforderung, doch in der Arbeitsgruppe HTML des W3C mitzumachen. Einfach so. Das ist, als würde eine Kreisklasse-Mannschaft eingeladen, doch mal in der Champions League mitzuspielen. Und dazu gleich noch die Fußballregeln neu zu bestimmen. 20 Männer und Frauen sitzen in der HTML-Arbeitsgruppe, die an einer modernen Variante der Sprache arbeitet: XHTML. Weil die Programmierer in den USA, Japan und Kanada und sonstwo leben, läuft die Kommunikation über E-Mail. Jeden Mittwoch um 16 Uhr ist Telefonkonferenz und vier Mal im Jahr treffen sich alle in der Stadt eines Teilnehmers. Damit man auch mal etwas trinken gehen kann. Im April fand die erste Konferenz mit Malte und Sebastian in Amsterdam statt. Ihre Aufregung legte sich aber schnell: "Das sind alles solche Typen wie wir, keine Anzugträger oder so. Eigentlich so wie man sich exzentrische Programmierer vorstellt." Der Mann von Hewlett Packard trägt zu seinen langen Haaren gerne knallbunte Batik-T-Shirts und der Japaner fotografiert ununterbrochen, sogar das Mittagessen. Bei den Arbeitstreffen sitzen dann alle um den Konferenztisch, starren in ihre Laptops und diskutieren über die Zukunft des Internets. Wenn sich einige langweilen, weil das Thema wieder mal sehr trocken ist, lesen sie schnell ihre E-Mails oder schauen online nach, wie es in der Firma läuft. Vor ein paar Wochen haben Sebastian und Malte die anderen nach München zum Oktoberfest eingeladen. Da sind sie mit einem Mann von IBM Kettenkarussell gefahren und haben einem Internetveteranen erklärt, was eine Maß ist. "Ich hätte nicht gedacht, dass wir so einfach in dieses Gremium reinkommen", sagt Malte. Nur Sebastian hat sich nicht darüber gewundert, obwohl die beiden die Jüngsten in der Gruppe sind: "Da geht es nicht um Herkunft, Alter, Sprache oder Kleidung. Es geht nur darum, was du drauf hast." Ab dieser Woche gibt es ihr Programm "Mozquito" zu kaufen und in ein paar Monaten will Sebastian mit Stack Overflow an die Börse gehen. Er hat keine Höhenangst.

Mozquito-Homepage: www.mozquito.org

Text: Fabrice Braun
Heft Nr. 46 - 15.11.99
Foto: Jörg Koopmann

Text als RTF-Datei zum Herunterladen