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Furchtsam:
Tausendmal Angst am Tag

Teil 2 von 4:

Am Tresen gegenüber steht ein Junge und fühlt sich unwohl. Wahrscheinlich wartet er. Er guckt auf die Uhr, steckt die Hand in die Tasche, fährt sich durch die Haare, stellt sich von einem Bein auf das andere. Ich bin mir sicher, dass er wartet. Wenn ich irgendwo warte, warte ich ganz genauso. Genauso ängstlich, versetzt zu werden und genauso unangenehm berührt, von anderen beobachtet zu werden. Eigentlich müsste man so tun, als wäre man absichtlich allein da, als würde man nicht die Minuten zählen, bis endlich jemand kommt, der mit einem redet. Es ist ja meistens nicht so wie im Peach Pit oder No Limits, wo du alle Gäste kennst.

An der Kasse im Supermarkt. Die Kassiererin zieht meine Einkäufe über das Band. Hinter mir stehen zwanzig Leute, die drängeln. Zwanzig Leute, die schon genervt waren, als die ältere Dame vor mir mit Kleingeld zahlte. Was, wenn ich nicht alles bezahlen kann? Ich rechne hektisch. Ich brauche etwas mehr als 18 Mark. In meinem Portemonnaie sind höchstens 16 Mark. Ich könnte das Toastbrot stornieren lassen. Oder ich frage die Frau an der Kasse, ob ich ihr das restliche Geld später vorbeibringen darf. Die denkt bestimmt, dass ich ein Schnorrer bin und erwarte, dass sie mir die fehlenden Eins fünfzig schenkt. Ich weiß nicht, wie ich der Kassiererin erklären kann, dass ich nicht genug Geld habe, das Toastbrot trotzdem brauche, nicht absichtlich zu wenig Geld habe und mich schrecklich davor fürchte, das alles sagen zu müssen, ohne von der Menge hinter mir mit genervten Blicken durchbohrt zu werden. "Fünfzehn neunundachtzig", sagt die Frau freundlich, "brauchen Sie eine Tüte?"

Es ist zwanzig nach drei. Mein Vater wollte um zwei anrufen. Was, wenn ihm was passiert ist, wenn er einen Unfall hatte? Ach Quatsch, vielleicht ist mein Telefon ja nur kaputt. Und wenn doch was ist? Wenn meine Eltern tot wären? Einfach weg. Nicht einfach in einem anderen Zimmer oder einer anderen Stadt, sondern weg für immer. Früher haben sie uns immer eine Telefonnummer aufgeschrieben, wenn sie abends ausgegangen sind. Ich war schon groß genug, ohne meine Eltern zu Hause zu bleiben, aber ich wusste, dass sie immer erreichbar sind, einfach immer. Und dass sie an mich denken, so alle fünf Minuten vielleicht, habe ich mir immer vorgestellt. Ein schönes Gefühl: dass jemand alle fünf Minuten an dich denkt. Ohne dass du was dafür tun musst. Ohne nett zu sein.
Plötzlich glaube ich, dass das, was in meinem Kopf rast, die Wahrheit sein könnte. Ist es so, wenn man verrückt wird? Wenn man nur noch in seinem eigenen Kopf lebt? Normalerweise hoffe ich, dass die Welt tatsächlich so ist, wie sie mir vorkommt. Dass ich mich nicht irre. Dass Menschen wirklich nett sind, wenn sie mir so erscheinen. Dass die Welt mir nichts vorlügt, was gar nicht da ist. Im Moment will ich das genaue Gegenteil: dass ich mich irre, dass meine Gefühle mich belügen, dass meine Angst mir eine falsche Wahrheit vorspielt. Das hier soll unbedingt ein Realitätsverlust sein. Ich denke wieder an den Unfall. Das passiert dauernd, warum also nicht auch mal meinem Vater? Auch andere haben keine Eltern mehr. Ich denke daran, dass ich nur noch ganz wenig Zeit mit ihnen verbringe. Ich vermisse da auch nichts. Aber ich würde jemanden vermissen, dem ich jede Frage stellen kann, auch die, die mir sonst peinlich wären. Jemand, in dessen Bett ich mal ein Jahr lang schlafen durfte, weil ich mich nach "Tanz der Teufel" so gefürchtet habe und den ich heute mitten in der Nacht anrufen kann, wenn ich einen Alptraum hatte. Das Telefon klingelt. Mein Vater.

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