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Das Fleisch liegt auf sechs Uhr
Wer
im "Restaurant
Blindekuh" in Zürich essen will, der muss verzichten können.
Auf Zigaretten, Feuerzeug, Handy und Uhren mit Leuchtziffernblatt. Eben auf alles, was Licht macht. Denn im "Blindekuh" ist es
stockdunkel - eine Idee des Schweizer Blindenbundes. Deshalb bedienen
dort auch ganz besondere Kellnerinnen. So wie Janka, 25. Sie ist seit
ihrem achten Lebensjahr fast blind. |
Janka, "blinde
Bedienung", das hört sich an wie "einbeiniger Steptänzer"
- so als wäre es nicht möglich.
Normalerweise arbeiten Blinde am Schreibtisch, im Büro, am Telefon, am Computer,
höchstens noch als Klavierstimmer oder Masseur. Jedenfalls
nicht als Bedienung. Aber die Blindekuh ist auch kein normales, sondern
ein Dunkelrestaurant. Wir haben zwanzig Zentimeter dicke Fensterläden und
doppelte, schwarze Vorhänge vor dem Eingang und vor der Küche. Sogar die
Durchreiche für die Teller von der Küche in den Speiseraum ist mit zwei
Türen gesichert. Bei uns ist es so dunkel, da sehen Sehende gar nichts,
nicht mal, wenn sie die Hand direkt vor ihre Augen halten. Also bedienen eben Blinde und stark Sehbehinderte, so wie ich. Die kommen mit der Dunkelheit
ein wenig besser zurecht.
Nur ein wenig besser? Sind Blinde nicht ans Dunkel
gewöhnt?
Sehende denken immer, Blinde würden in ewiger Nacht leben. Das stimmt aber
nicht. Wir spüren Licht und Sonne. Und zwar gerne. Für die wenigsten Blinden
ist die Welt schwarz. Und ich kann ja auch noch ein klein wenig sehen, Kontraste,
hell und dunkel, ich kann sogar Rot und Blau auseinander halten. Deshalb stresst
mich die Dunkelheit beim Bedienen durchaus, ich mag es auch lieber,
wenn es hell ist. Aber dann wäre ja der Sinn weg in der "Blindekuh".
Was ist denn der Sinn des Restaurants?
Sehende sollen sich in die Welt von Blinden einfühlen. Und das kann man
am besten bei einer ganz normalen Alltagstätigkeit im Dunkeln: Essen, zum
Beispiel.
Was ist anders, wenn man blind isst?
Man schmeckt intensiver. Meine Gäste riechen auch
schon von weitem, wenn ich mit dem Kaffee ankomme, alle Sinne sind sensibler.
Unser Koch muss das auch berücksichtigen, er hält sich mit Salz und Gewürzen
sehr zurück - sonst beschweren sich die Gäste und sagen, das Essen sei überwürzt.
Nicht so toll ist, dass man nicht sieht, wie groß das Stück ist, das man
sich abschneidet, und sich dann ein halbes Schnitzel in den Mund stecken
will - und sich dabei bekleckert.
Oder dass man nie weiß, was wo und wie viel auf dem Teller ist.
Gibt es da einen Trick, mit dem Blinde solche Probleme
lösen?
Viele Blinde lassen sich beim Servieren sagen: "Das Fleisch liegt auf
sechs Uhr, die Kartoffeln auf zwölf Uhr, Gemüse auf drei Uhr." Dann
wissen sie: Das Fleisch ist am unteren Tellerrand, das Gemüse rechts außen
und so weiter. Aber ansonsten muss man halt stochern und tasten. Oder hören, wie voll das Glas schon ist. Oder beim
Einschenken den Finger ins Glas reinhalten.
Machen das die Gäste in der "Blindekuh" auch so?
Ich denke schon, ich sehs ja nicht. Viele essen auch einfach mit den Fingern
oder sagen, ich bräuchte ihnen kein Glas bringen - sieht ja keiner, wenn
sie aus der Flasche trinken...
Geht viel zu Bruch?
Scherben gibts immer wieder. Das ist ziemlich schwierig für uns Bedienungen,
denn wir können ja nicht einfach Licht machen und dann alles wegräumen.
Also muss man die Scherben ertasten und vorsichtig wegräumen.
Wie finden Blinde sich zurecht?
Wenn Blinde einen unbekannten Raum betreten, müssen sie sich den erst mal
ertasten, an den Wänden langgehen und so. Der Speisesaal
in der "Blindekuh" ist mir natürlich vertraut, da renne ich in
nichts rein oder stolpere. Außer ein Gast streckt einen Fuß aus, passiert
immer wieder. Ansonsten gibt es noch so ein paar Tricks: Das Fleischgericht
erkennen wir etwa am runden Teller, Fisch ist immer auf eckigen, das vegetarische
auf gerippten. Damit wir Bedienungen nicht ineinander
reinlaufen, binden wir uns Glöckchen um die Fußknöchel. Und durch den
Raum führt eine Schwelle, die man mit den Füßen
ertasten kann, vom Eingang zur Bar. Rechts davon stehen sechs Tische, links
vier. Und dann kenne ich ja auch die Stimmen meiner Gäste. Die lerne ich
im Vorraum kennen und führe sie an den Tisch...
Die Gäste können nicht allein zu den Tischen finden?
Nein, niemals. Wir machen eine Polonaise,
die Gäste legen ihrem Vordermann die Hände auf die Schultern, ich bin die
erste, und dann gehts zum Tisch. Dann helfe ich ihnen noch zu ihren Stühlen
und zeige ihnen, wo das Besteck liegt. Ich führe sie auch
wieder raus, wenn sie aufs Klo müssen - auch wenn das manchen peinlich ist.
Gibt es auf dem Klo auch kein Licht?
Doch, doch. Auch in der Küche oder im Eingangsbereich. Nur der Speiseraum
ist dunkel. Aber vielen Gästen ist es peinlich, mich zu rufen, weil sie mal
müssen. Neulich hat sich, glaube ich, sogar eine ältere Frau in die
Hose gemacht - ganz sicher bin ich mir aber nicht... Ich versuche jedenfalls,
den Gästen Ängste und Hemmungen zu nehmen.
Du bist also nicht nur Kellnerin, sondern auch noch psychologische Betreuerin.
Das ist auch nötig, denn viele Gäste haben erst mal Angst im Dunkeln. Manche
kehren sogar nach ein paar Schritten wieder um oder lassen sich nach ein
paar Minuten wieder rausführen. Die ersten paar Minuten sind die schlimmsten
- bis das Essen da ist. Dann haben die Leute was zu tun, und dann wirds
leichter für sie.
Wie merkst du dir all die Bestellungen? Schreibst du sie auf?
Nein. Manche meiner Kolleginnen benutzen so eine Art Diktiergerät, aber
ich verlasse mich ganz auf mein Gedächtnis. Auf das bin ich richtig stolz,
ich kann mir problemlos Bestellungen von zwölf Leuten merken.
Bestellungen von zwölf Leuten? Wie machst du das?
Ich glaube, dass Blinde ein besseres Gedächtnis haben. Oder sagen wir lieber: Es ist besser trainiert. Wir können ja nicht einfach
noch mal schnell nachschauen, wenn wir eine Telefonnummer vergessen haben.
Also müssen wir uns alles merken. Da haben es Sehende wirklich viel leichter.
Wie immer.
Darum bediene ich ja auch so gerne in der "Blindekuh". Hier drehen sich die Rollen um. Hier kann ich mal Held sein. Na ja, Held
klingt vielleicht blöd. Aber hier übernehme ich die Führung. |
Text:
Claudia Mayer
Heft Nr. 22 - 29.05.00
Fotos: Shirana Shahbazi
Text
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