Nina,
was hast du gedacht, als Kim Frank von
Echt in der
Harald-Schmidt-Show sagte: "Taliban? Ich weiß gar
nicht, wo das liegt."
Das kann ich dem Kim gar nicht übel nehmen. Afghanistan war bis
zum 11. September ein blinder
Fleck auf der Landkarte. Afghanen waren als Hunderasse bekannt
oder als Haschsorte, aber nicht als
Volk. Um so wichtiger ist es, auch bei Leuten in seiner Altersklasse
ein Bewusstsein zu schaffen.
Ging es dir darum, als du letztens in Hamburg ein HipHop-Jam
für die Flüchtlinge in Afghanistan organisiert hast?
Genau. Die Idee ist familienintern entstanden. Mein Vater stammt
aus Afghanistan. Er hat Lebensmittel und Medikamente für die Flüchtlinge
gesammelt. Und auch ich versuche zu helfen - indem ich mit einem
Benefiz-Konzert den Transport der
Hilfsgüter finanziere.
Dein Vater will selbst nach Afghanistan reisen, um die Verteilung
der Hilfsgüter zu überwachen. Hast du Angst um ihn?
Angst? Nö. Ich bin sehr stolz auf meinen Vater und gehe davon aus,
dass Gott ihn beschützt. Er hat diese Arbeit auch schon in den Achtzigern
geleistet, und da war er offizieller Staatsfeind.
Wann hat dein Vater Afghanistan verlassen, um nach Deutschland
zu kommen?
1964. Meine Großmutter war eine ganz fortschrittliche Frau. Sie
hat ihre sechs Kinder alleine groß gezogen, als Hebamme. Es gab
nie viel zu essen, aber eine vernünftige Ausbildung für die Kinder.
Mein Vater ging in Kabul auf die deutsche
Schule. So bekam er ein Stipendium für die
Hamburger Uni. Mathe. Leider konnte er mir nichts davon vermitteln.
Bist du religiös erzogen worden?
Eigentlich nicht. Mein Vater erzählt, dass er schon als Kind seine
erste Glaubenskrise hatte. In Kabul hat er, wenn es warm war, manchmal
auf dem Dach geschlafen. Da lag er dann, guckte in die Sterne und
fragte Allah, wie es denn sein kann, dass er den netten Juden an
der Ecke, der ihm immer einen Groschen zusteckt, nicht genauso lieb
hat und in seinen Himmel lässt wie den Moslem. Aber gläubig ist
er nach wie vor. Und ich bin es auch.
Du bist eine Frau, die sich öffentlich äußert und obendrein
in der Unterhaltungskultur tätig ist. Ist das mit dem Islam vereinbar?
Aber unbedingt. Für die Taliban und andere Fundamentalisten bin
ich natürlich das Feindbild.
Verstärkt das deine Wut auf die Taliban?
Es ist ja inzwischen weltweit bekannt, wofür die Taliban stehen,
was sie den Frauen antun. Das ist unfassbar.
Nina Hagen hat neulich angerufen. Sie plant am
23. Dezember in Berlin ein Konzert zugunsten der
Frauenrechtsgruppe RAWA. Das ist so eine Möglichkeit,
von hier aus gegen derartigen Fundamentalismus vorzugehen.
Wie erklärst du dir das Weltbild der Taliban und der mit ihnen
sympathisierenden Fundamentalisten?
Unsere Schulen bringen uns bei, Dinge von verschiedenen Seiten her
zu beleuchten. In den Koranschulen besteht der Unterricht größtenteils
darin, Litaneien auswendig zu lernen. Und da ist sehr viel einfach
eine Anleitung zum gesellschaftlichen Leben im siebten Jahrhundert.
Dann sitzen die da und wiegen sich die ganze Zeit im Rhythmus; das
ist eine Art von Brainwash. Ich glaube, das sind wirklich ganz stumpfe
Leute. Omar, der Taliban-Führer, ist Mitte vierzig; der hat, seit
er zwanzig ist, nichts als Krieg erfahren. Das macht etwas aus Menschen,
was wir uns gar nicht vorstellen können. Wenn dann noch das Bildungsbürgertum
fehlt, weil es während der Sowjet-Invasion das Land verlassen hat,
ist kein Gegengewicht mehr da.
Hast du in so einer Situation Verständnis dafür, dass die USA
Afghanistan bombardieren?
Ich habe in meiner Erziehung ein Weltbild
vermittelt bekommen, das Krieg ausschließt
als Frieden schaffende Maßnahme. Aber ich kann gerade auch keine
Alternativlösung anbieten.
Curse hat nach dem 11. September geschrieben:
"Wer jetzt noch rappt ohne Sinn, ist genauso schlimm wie die
Nazis." Kann HipHop nicht weitermachen wie zuvor?
Man darf jetzt nicht aufhören, Spaß zu haben. Man kann auch nur
ambitionierte Rap-Texte schreiben,
wenn es einem ein echtes Bedürfnis ist. Sonst wird das automatisch
moralapostelig.
Texte, die total verkopft
daher kommen und keinen Funken Emotion mehr in sich tragen, auf
die kann ich gut verzichten. Da höre ich lieber einen guten Battle-Text,
der nichts beinhaltet außer: Ich bin geil
und battle
alle weg.
Text:
Felix Bayers
Heft Nr. 48 - 26.11.01
Foto: Christian Kerber
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