| DAS
HANDWERK LEGEN

Teil
3
Anke
hat mit 16 die Schule abgebrochen, wollte zum Theater. Sie war
drei, vier Jahre Regieassistentin. An den
Kammerspielen in Hamburg,
an der
Landesbühne Esslingen,
an der
Schaubühne in Berlin.
Als sie vom Theater genervt war, ging sie in die Gastronomie,
am liebsten war es ihr, wenn sie alleine hinter der Theke stand.
Mit 24 kam dieses Gefühl, nichts Richtiges gelernt zu haben, Anke
wollte Sicherheit. Sie machte an der
Abendschule
ihren
Realschulabschluss
und bewarb sich danach bei der Polizei, für den
mittleren
Dienst.
Malte machte einen Highschool-Abschluss in den USA und in Deutschland
sein Abitur. Nach zwei Semestern Englisch- und Geschichtsstudium
wurde ihm langweilig, und er erinnerte sich daran, dass sein Opa
Polizist war. Malte bewarb sich für den
gehobenen
Dienst.
Anke ging zweieinhalb Jahre auf die Polizeischule. Malte studierte
drei Jahre an der Polizeifachhochschule
.
Zu beiden Ausbildungen gehört Unterricht in Kriminalistik, Jura,
Psychologie, Soziologie, Sport und Selbstverteidigung.
Und jetzt sitzen sie im Sozialraum der Wache
in St. Georg
und essen, die Frau Polizeimeisterin und der Herr Polizeikommissar.
Pause machen vom Weltverbessern. Sie haben sie schon, die Ideale
von Recht und Gerechtigkeit, aber wenn du den ganzen Tag nur mit
dem zu tun hast, was scheiße läuft in unserer Gesellschaft, dann
verzweifelst du irgendwann an ihr. Da gibt es zum Beispiel immer
wieder den
Jackenabzieher
aus gutem Hause, dessen Eltern zusammenbrechen, wenn du ihn bei
ihnen ablieferst. Dann kommt aber raus, dass sie seit Monaten
nicht mehr mit ihrem Sohn geredet haben. Oder der Mist mit den
Drogen. Dagegen kann keiner was tun, die Politik nicht und die
Polizei auch nicht. Anke und Malte versuchen es trotzdem immer
wieder. "Ich würde mir wünschen", sagt Malte, "dass
die Leute es respektieren und schätzen, wenn ich jeden Tag auf
die Straße gehe." Statt dessen behandelt man sie, als wären
sie die letzten Trottel,
und halten ihnen auch noch ihr Gehalt vor, das schließlich der
Bürger mit seinen Steuern bezahlt. Ein junger Polizist bekommt
zwischen 1300 und 1600 Euro netto pro Monat. Viele arbeiten neben
dem Schichtdienst noch in anderen Jobs, weil die Kohle
sonst nicht reicht. Schichtdienst. Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht.
Mit das Härteste was es an Arbeit gibt, für Körper und Seele.
Aber jammern ist nicht. Anke und Malte gehen
wieder raus, weitermachen. Malte schlägt vor, zum Hauptbahnhof
zu gehen. "Ich will nur mal schnell Buuhh sagen", sagt
er. Anke nennt es: "spazieren gehen." Rein in die U-Bahn-Station,
nach den
Dealern
schauen. Oben am Treppenabsatz, dort wo es zum Gleis geht, nebeneinander
stehen bleiben, ein kurzer Blick zum anderen, das ist das Startzeichen,
los. Ganz schnell die Treppen runter, das Überraschungsmoment
zählt, die Jungs erkennen die grünen Hosenbeine schneller, als
sie "Scheißdreck" sagen können. Trotzdem sind
die meistens schon in alle Richtungen abgehauen oder stehen unauffällig
rum, wenn die Polizisten unten ankommen.
Aber gebraucht werden sie trotzdem, die beiden Polizisten, besonders
am Hauptbahnhof. Fremdenverkehrsdienste: "Entschuldigung,
wo ist denn hier ein Geldautomat? Am besten die Sparkasse."
"Die S4 nach Rahlstedt, wann fährt die?" "Fräulein,
ich bräuchte mal 'n Taxi."
Extrabreit
hat über Polizisten mal so
gesungen: "Wenn sie von der Nachtschicht kommen, haben ihre
Augen dunkle Ränder. Sie rauchen
Milde
Sorte,
weil das Leben ist doch hart genug."
Text:
Simone Buchholz, Fotos: Ute Schuckmann
|