Urbane Künste Ruhr Brodeln im Pott

Kunst als weicher Standortfaktor, als Motor für die Stadtentwicklung, als Offensive für Bildung und Integration – an Kunstprojekte im öffentlichen Raum werden seit dem letzten Jahrzehnt immer gewichtigere Ansprüche gestellt. Wie kommen Kunst und Planung in der Region Ruhr zusammen?

Eröffnung von Pulse Park, eine interaktive Lichtinstallation von Rafael Lozano-Hemmer, im Westpark Bochum Eröffnung von Pulse Park, eine interaktive Lichtinstallation von Rafael Lozano-Hemmer, im Westpark Bochum | Copyright: © Urbane Künste Ruhr/Ariette Armella Ginge es nach den Verantwortlichen, wolle man „immer Kulturhauptstadt bleiben“, sagt Katja Aßmann und lacht. Die 42-Jährige, gelernte Architektin und bereits während der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park 1999 für die Kultur zuständig, leitet die aus der Ruhr.2010 GmbH erwachsene Nachfolgeinstitution Urbane Künste Ruhr. Der Gründung dieser mit rund drei Millionen Euro ausgestatteten Einrichtung ging die Entscheidung des Landes Nordrhein-Westfalen voraus, dass die im Zuge des Essener Kulturhauptstadtjahrs entfachten Aktivitäten nicht schlagartig verpuffen sollten. Zunächst bis 2014, wenn möglich auch darüber hinaus, wird nun ein Teil davon unter dem neuen Label weitergeführt.

Mit Aßmann, so scheint es, hat man in vieler Hinsicht eine geeignete Besetzung gefunden: Sie ist eine notorische Netzwerkerin, die weiß, dass Kunst Freiraum braucht und dafür auch die Verantwortung übernimmt. Gerade Letzteres erfüllt sowohl aus künstlerischer als auch langfristig aus planerischer Sicht die Voraussetzungen für eine konstruktive Zusammenarbeit. Denn Kunst in die Entwicklung der Region miteinzubeziehen, kann nicht heißen, sie für konkrete Ziele einzusetzen. Dann würden sich die Herangehensweisen letztlich kaum noch unterscheiden.

Verräumlichte Synapsenbildung

Die Struktur von Urbane Künste Ruhr gleicht einem rasant wachsenden Wurzelgeflecht, das den Charakter der aus 53 Städten, zahlreichen Verkehrsachsen und halb-urbanen Zwischenräumen bestehenden Metropol-Region Ruhr spiegelt: Unter dem Dach der Institution tummeln sich die beiden Kunst-im-Park-Projekte „Emscherkunst 2013“ und „Über Wasser Gehen“, das Kunstprojekt „B1A40 – Die Zukunft der Schönheit“ entlang der Autobahn, die „Urban Lights Ruhr“ mit dem Schwerpunkt Lichtkunst-Installationen, von Künstlergruppen und Urbanisten betreute „Mobile Labore“ und vieles mehr. Wenn man bedenkt, dass an jedem Projekt etliche bekannte und weniger bekannte Kunstschaffende sowie zig andere Einrichtungen – Kunstvereine, Museen, Universitäten – beteiligt sind, ahnt man die gewaltigen Dimensionen der 2011 gegründeten Initiative. Um die Verwirrung komplett zu machen: Bei Urbane Künste Ruhr handelt es sich lediglich um die Kunst-Sparte der Kultur Ruhr GmbH, zu der ansonsten auch das renommierte Theaterfestival Ruhrtriennale und vergleichbare Veranstaltungen im Bereich Tanz und Musik gehören.

Utopische Sondernutzungszonen

B1|A40: Honig von der Pumpstation B1|A40: Honig von der Pumpstation | Foto: © Markus Ambach Anders als beispielsweise bei einer Biennale, wo alles auf einen finalen Tusch zusteuert, resultiert aus der langfristig angelegten Projektstruktur eine dezentrale und azyklische Ausrichtung: Die Region brodelt förmlich. Trotzdem dienen die Aktivitäten der Kultur Ruhr GmbH nicht allein dem hehren Ziel der Kulturförderung. „Kultur durch Wandel – Wandel durch Kultur“ lautet ihr Slogan, konkret geht es um einen Imagewandel, um neue Arbeitsplätze in den Bereichen Kulturwirtschaft und Tourismus.

Was den daraus unweigerlich folgenden Ruf nach kulturellen Leuchttürmen angeht, gelingt Aßmann ein erfolgreicher Spagat: Neben Projekten, die diesen Anspruch voll und ganz abdecken, wie Christos Installation Big Air Package im Gasometer Oberhausen oder die Landmarken berühmter Künstler auf der Emscherkunst 2013, gibt es genügend Raum für Experimente und – ganz wichtig – auch für deren Scheitern.

Unter dem Titel Archipel Invest arbeiten beispielsweise verschiedene vom Berliner Künstlerkollekiv KUNSTrePUBLIK eingeladene Kollegen im Kreis Vest, Großraum Recklinghausen, zu den Themenfeldern Identität, Investition, Reproduktion und Implementierung. Ein zentrales Instrument bilden dabei sogenannte Sondernutzungszonen, die abseits von ökonomischen Vorgaben mit besonderen Befugnissen ausgestattet sind. Eine Gastronomie, in der „Gesprächsreste“ weiterverarbeitet werden, von Senioren betriebene, stromerzeugende Spinningbikes, mit denen man vermutlich gerade mal eine Glühlampe zum glimmen bringt, eine Soap-Opera-Produktion, die die ganze Stadt zur Bühne erklärt – hier geht es darum, neue gesellschaftliche Modelle zu erforschen, die statt der Wirtschaftlichkeitsmaxime die Bedürfnisse der Anwohner in den Vordergrund rücken.

Gekreuzte Autobahnen

Der U-Bahnhof Eichbaum bildete den Schauplatz zum Auftakt des Projekts „B1|A40 Die Schönheit der Großen Straße“ Der U-Bahnhof Eichbaum bildete den Schauplatz zum Auftakt des Projekts „B1|A40 Die Schönheit der Großen Straße“ | © Urbane Künste Ruhr Auf die Frage, wie Kunst die planerische Entwicklung der Region beeinflussen kann, gibt auch das Autobahnprojekt von Markus Ambach eine gute Antwort: Als Sensibilisierungsschule für urbane Zusammenhänge, die in den üblichen Analyserastern zu wenig Berücksichtigung finden. Sein Ausstellungsformat, eine Weiterführung von B1A40 – Die Schönheit der großen Straße aus dem Jahr 2010, ist exakt auf die Bedingungen der Region zugeschnitten. Der dicht besiedelte Autobahnabschnitt zwischen Duisburg und Dortmund dient als konkreter Ort, um sich mit den vielen Verkehrsadern zu beschäftigen, die das Ruhrgebiet gleichermaßen verbinden wie trennen. Allein 100.000 Menschen leben hier in der sogenannten Anbauverbotszone vierzig Meter rechts und links der Autobahn.

Gemeinsam mit den beteiligten Künstlern möchte Ambach die „Diversität der Umgebung sichtbar machen“. Die Geschichte der vom Autobahnkreuz Kaiserberg eingeschlossene Dorfgemeinde Wertacker gehört genauso dazu wie eine bei Bochum gewachsene postindustrielle Gemengelage aus Kirche, Puff, Schlachthof und Schrebergärten. Die Qualität und die Bewohner dieser Orte sollen bei dem bis 2020 geplanten Autobahnausbau ernst genommen werden. Und so entstehen durch die Kunst zahlreiche neue Begegnungen und Erfahrungen am Straßenrand – ohne dass sie dafür zu einem Motor für irgendetwas erklärt werden muss.