Matthias Böttger im Interview „In einer Stadt stellt sich die Architektur selbst aus“

Die Architektur-Biennale São Paulo 2013 trägt den Titel „Cities – Ways of Making, Ways of Using“. Matthias Böttger kuratiert den deutschen Beitrag als eine Serie von Workshops unter dem Motto „Nos Brasil! We Brazil!“.

Der Architekt Matthias Böttger Der Architekt Matthias Böttger | © Thomas Schweigert Herr Böttger, die Entwicklung der Biennale 2013 von Architektur als gebautem Symbol hin zum partizipatorischen Städtebau könnte als symptomatisch für eine Übersättigung mit den „Starchitects“ gesehen werden. Der Fokus liegt auf der Stadt, die gemeinschaftlich gestaltet wird. Ist der Versuch des Maßstabs- und Perspektivwechsels eine Chance in der ökonomischen Krise?

Matthias Böttger: Der Titel der Biennale in São Paulo Cidades – Modos de Fazer, Modos de Usar, kuratiert von Guilherme Wisnik, trifft die aktuelle Diskussion perfekt und passt genau zu unserem Beitrag Nos Brasil! We Brazil!. Auch das vom Goethe-Institut und dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung initiierte Projekt Weltstadt beschäftigt sich mit den Akteuren des Stadtmachens: Auf der einen Seite stehen Städte in der ganzen Welt oft vor ähnlichen Problemen und Herausforderungen. Andererseits sind diese Städte natürlich singulär und es gibt riesige Unterschiede.

Diese Koexistenz von global und lokal ist eine der Folgen von übernationalen Wirtschaftskrisen – und von der Globalisierung von Kommerz und Kultur. Beide machen es nötig und spannend voneinander zu lernen und den Transfer von Ideen in alle Richtungen zuzulassen. Ich bin allerdings nicht sicher, ob das ein grundsätzlicher Perspektivwechsel ist. Es hat schon vorher beides gegeben, global und lokal, Stars und Alltag, Formalismus und Partizipation, eine eher soziologische und eine architekturhistorische Perspektive. Vielleicht sind wir sogar schon auf dem Höhepunkt der angesprochenen Übersättigung angekommen und die nächsten Stars stehen Schlange. Vorbilder werden weiterhin gefragt sein und auch auf Biennalen ausgestellt werden.

Ansatzpunkte für die öffentliche Diskussion

Workshop in Curitiba Workshop in Curitiba | © Amàlia Machado Gonçalves Wenn eine Architekturausstellung des 21. Jahrhunderts als Workshop genutzt wird, welche Hoffnungen gründen sich auf solch eine Verlagerung weg von der Repräsentation der Architekten als Künstler hin zur kollaborativen Wissensbildung?

Die unmittelbare Repräsentation von Architektur in Ausstellungen funktioniert oft nicht, da man Bauten in der Regel nicht in Galerien ausstellen kann. Man kann durch Installationen räumliche Situationen erzeugen oder Abstraktionen und Repräsentationen zeigen durch Modelle, Fotos, Zeichnungen, Konzepte oder Traktate. Man kann aber auch die Herausforderungen und Fragestellungen, die der gebauten Architektur vorausgehen, zum Ausstellungsobjekt machen und so zur „knowledge production“ beitragen.

Was bedeutet das für die Rolle des Besuchers? Welche Rolle spielt die Öffentlichkeit für die Architekturdebatte heute?

Viele der für die Biennale in São Paulo entwickelten Projekte betreffen die Besucher direkt: Architektur stellt sich selbst aus – zum Beispiel in der Stadt. Die Besucher sind Teil der Stadt, und sie können Teil ihrer zukünftigen Raumproduktion werden. Als Kurator versucht man, Ansatzpunkte für die öffentliche Diskussion zu bieten. In einem abschließenden Workshop in unserer Serie mit dem Architekten und Städtebauer Renato Cymbalista werden wir versuchen, mögliche Ziele für dieses Einmischen zu erarbeiten.

Eine neue Mittelschicht

Was kann Deutschland von Brasilien lernen, wenn es um Fragen des Städtebaus und der Stadtentwicklung geht?

Von der Reintegration informeller Baustruktur in formale Stadtentwicklung kann Deutschland sicher lernen. Aktuell ist besonders der Umgang mit der „new middle class“ in Brasilien für Deutschland spannend. Ist diese neue Mittelschicht wirklich so konsumorientiert? Wie sieht ihr Anspruch auf Sicherheit, Bildung, Gesundheit und öffentlichen Raum aus? Diese Fragen machen wir zum Fokus, vor allem in unserem Workshop in Curitiba mit Sergio Pires. Er ist der neue Leiter des IPPUC, einer lokalen Planungsagentur in Brasilien für die Stadt Curitiba, die als Modell nachhaltiger Stadtentwicklung gilt.

Welche Erfahrungen aus brasilianischen Modellen wie dem IPPUC können auch für die deutsche Architekturpolitik von Interesse sein?

Nach der Diktatur hat sich Brasilien 1988 eine neue demokratische Verfassung gegeben und 2001 darauf basierend den „Estatuto da Cidade“ ergänzt. In dieser Stadtverfassung wird festgehalten, dass der soziale Nutzen von Grundstücken über ihren kommerziellen Wert zu stellen ist. Außerdem verfügt sie, dass sich Bürger an der Stadtplanung demokratisch beteiligen können. Trotz Missbrauchs dieser Gesetze durch die Eliten zu Ungunsten der sozial Schwachen, bieten sie doch eine verbindliche juristische Grundlage, um sich einzumischen. Das in unserem Workshop in Porto Alegre vom lokalen Kurator Marcio D’Avila behandelte „Orçamento Participativo“ (Haushaltsbeschluss mit Bürgerbeteiligung) ist ein Vorläufer dieser Bewegung und regelt seit Ende der 1980er-Jahre die lokale Budgetverteilung, basierend auf Vorschlägen der Gemeindeversammlungen.

Partizipation ist in Brasilien also nichts Neues, ebenso wenig wie in Deutschland. Umso mehr könnte aus den Erfahrungen und dem Austausch neuer Methoden und Abstimmungsprozesse entwickelt werden. So haben wir uns im Rahmen unseres Projektes Nos Brazil! in Salvador de Bahia zusammen mit dem brasilianischen Architekten und lokalen Kurator von Nos Brazil! in Salvador Ícaro Vilaça mit den Möglichkeiten von „urban activism“ auseinandergesetzt und gefragt, wie sich die aktuellen politischen Proteste in Brasilien produktiv in die Stadtgestaltung einbringen lassen.

Lokale Infrastruktur trifft globale Wirtschaft

Was bedeutet der architektonische Austausch im Rahmen der Biennale für Brasilien? Gibt es die Gefahr eines westlichen Architekturimports, der lokale urbane Gegebenheiten ignoriert, wie zum Beispiel im Zusammenhang mit der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 diskutiert wurde, als Stadien von europäischen Architekten zum Abriss von Favelas führten?

Da Brasilien ein souveränes Land ist, wäre es paternalistisch anzunehmen, europäische Länder könnten ohne weiteres Architektur dorthin „exportieren“. Wichtiger scheint mir, Brasilien als Land mit großem Entwicklungspotenzial – und auch Risikien – zu beobachten, und die weltweiten Wechselwirkungen zu untersuchen. Eine der Ausgangsthesen von Nos Brasil! We Brazil! war der Satz „Lokale Infrastruktur trifft globale Wirtschaft“. Genau dieses Verhältnis wird weiterhin herausfordernd sein, auch in Deutschland.

Matthias Böttger, geboren 1974, studierte Architektur und Stadtplanung in Karlsruhe und London. Er leitet das Berliner Büro „raumtaktik – räumliche Aufklärung und Intervention“. 2007/08 hatte er eine Gastprofessur für Kunst und öffentlicher Raum an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg inne. 2008 war er Generalkommissar für den deutschen Beitrag „Updating Germany – Projekte für eine bessere Zukunft“ zur Architekturbiennale in Venedig. Seit Juni 2011 ist Matthias Böttger auch Kurator des Deutschen Architekturzentrums (DAZ) in Berlin.