NS-Dokumentationszentrum Ein Erinnerungs- und Lernort für München

Lange wurde in München über ein Dokumentationszentrum über die Zeit des Nationalsozialismus diskutiert, nun steht der Rohbau und die Planungen für die Dauerausstellung sind in vollem Gange. Winfried Nerdinger, Hochschulprofessor und Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums erläutert im Gespräch das Konzept des künftigen Hauses.

Baustelle NS-Dokumentationszentrum München Baustelle NS-Dokumentationszentrum München | Foto: NS-Dokumentationszentrum München/Jens Weber Herr Nerdinger, Sie haben sich seit den 1980er-Jahren für ein Münchner NS-Dokumentationszentrum engagiert. Im Verbund mit Bürgerinitiativen, insbesondere mit dem „Initiativkreis für ein NS-Dokumentationszentrum“ ist es Ihnen gelungen, das Projekt auf den Weg zu bringen. Was ist das zentrale Anliegen, was ist die Aufgabe eines NS-Dokumentationszentrums in München?

Dieses NS-Dokumentationszentrum hat ja noch einen Untertitel, der heißt „Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus“. Das bedeutet, es geht um zwei Aufgabenbereiche: zum einen um eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus, der in München entstanden ist. Es soll ein Ort entstehen, an dem Münchner Bürger, Jugendliche und Besucher aus allen Ländern über die Herkunft und Bedeutung des Nationalsozialismus in München informiert werden, denn das gab es bisher nicht. Und es ist zum zweiten ein Lernort, das heißt, dort kann gelernt werden, wie es zur Herrschaft der Nationalsozialisten kommen konnte und welche Konsequenzen jeder Einzelne für sich daraus ziehen sollte.

Winfried Nerdinger, Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrum München Winfried Nerdinger, Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrum München | Foto: NS-Dokumentationszentrum München/Zintel Deswegen steht als Leitfrage über der gesamten Dauerausstellung: „Was geht mich das an?“ Das heißt also, es geht nicht darum, nur einen historischen Ablauf noch einmal in Erinnerung zu rufen, sondern auch zu vermitteln, dass das heute noch von größter Bedeutung ist – durchaus auch im Sinne des „nie wieder!“.

Sie haben über vier Geschosse circa 1.200 Quadratmeter Ausstellungsfläche, die durch eine chronologische Wegeführung von oben nach unten erschlossen wird. Welches sind die wichtigsten Themenbereiche, die dort abgehandelt werden?

Die Dauerausstellung beginnt im vierten Obergeschoss. Dieses Geschoss widmet sich der Frage, warum und wie der Nationalsozialismus in München entstand. Die Ausstellung setzt ein mit der „Urkatastrophe“, mit dem Ersten Weltkrieg, greift aber auch zurück auf ideologische Wurzeln im 19. Jahrhundert und führt dann durch die Weimarer Republik bis hin zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933. Anschließend wird im dritten Obergeschoss die Zeit des Nationalsozialismus in München behandelt – von 1933 bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Krieg in die Stadt kam, also bis 1941/42. Dann gelangt man in das zweite Obergeschoss, hier geht es um München im Krieg von 1942 bis 1945. Direkt daran anschließend folgt die Auseinandersetzung, wie auch die Nicht-Auseinandersetzung Münchens mit dem Nationalsozialismus. Dort wird der Frage nachgegangen, wie sich die Bevölkerung, aber auch die politisch Verantwortlichen mit dem Thema München als „Hauptstadt der Bewegung“ befasst haben. Diese Thematik wird noch im ersten Obergeschoss fortgesetzt und führt bis in die Gegenwart.

Am Ende der Ausstellung erfahren die Besucher zum einen durch eine Art Karte von anderen Orten, die in München und Bayern mit dem Nationalsozialismus in Verbindung standen. Die Geschichte endet also nicht im Dokumentationszentrum. Zum anderen werden an einer großen Wand alle aktuellen Themen bis hin zu den NSU-Prozessen ausgebreitet, sodass die Besucher, nachdem sie durch die Geschichte gegangen sind, mit sich selbst und mit ihrer Gegenwart konfrontiert sind.

Bewusst werden Dokumente und historische Objekte vermieden. Darin unterscheidet sich das Dokumentationszentrum auch von anderen Einrichtungen dieser Art, warum?

Das liegt am Inhalt und am Thema, es handelt sich hier nicht um eine Gedenkstätte. Dort ist es wichtig, in die Biografien und das Umfeld der Opfer einsteigen zu können, sich auch mittels Realia ihrer Lebenswelt anzunähern. Im Dokumentationszentrum geht es um einen sogenannten „Täterort“, das ist der Ort, an dem man sich mit den Personen auseinandersetzt, die Herrschaft und Verbrechen der Nationalsozialisten verursacht haben. Dabei geht es nicht darum, Empathie zu entwickeln, sondern Zusammenhänge zu verstehen. Dazu braucht es keine Gegenstände, auch keine Uniformen und Ehrendolche, sondern dafür müssen Hintergründe, Funktionen, Verhalten und biografische Verbindungen ausgeleuchtet werden.

Das heißt, dieses Haus hat eine ganz andere Aufgabe als eine Gedenkstätte. Die Konzeption des Dokumentationszentrums ist auch ganz bewusst auf diesen Ort als „Täterort“ ausgerichtet. Schon wenn man eintritt, erfährt man, wo man sich befindet: nämlich an der Stelle, wo ursprünglich die Parteizentrale der NSDAP war, im sogenannten „Braunen Haus“; und wenn man dann den Aufzug benutzt, kann man vom fünften Obergeschoss aus das ganze Umfeld des ehemaligen Parteiviertels am Königsplatz sehen, das heißt, man wird mit dem authentischen Ort konfrontiert.

Entwurf Neubau Entwurf Neubau | Bild: Georg Scheel Wetzel Architekten/LH München Das ist ganz bewusst ein Teil der Konzeption, dass man immer an den entsprechenden Stellen in der Ausstellung auf den authentischen Ort sehen kann und deswegen wird auch auf virtuelle Rekonstruktionen und auf elektronische Medien innerhalb der Dauerausstellung weitgehend verzichtet. Denn hier soll nichts in einem virtuellen spielerischen Raum vorgeführt werden, was gerade bei Jugendlichen, oder wahrscheinlich generell bei zukünftigen Generationen zu einer Verwischung von Realem und Virtuellem führen kann. Dieser Ort ist authentisch, deswegen immer wieder die topografischen Bezüge, beispielsweise der Blick auf den „Führerbau“. Hier wurde das „Münchner Abkommen“ unterzeichnet, das ist nichts Virtuelles, sondern da ist es passiert.

Über die ständige Ausstellung hinaus soll das Dokumentationszentrum zu einem lebendigen Lernort zu werden, was ist hier geplant?

Oberirdisch sieht man nur etwas mehr als die Hälfte der Fläche, die dieses Haus bietet. Es gibt noch zwei Untergeschosse, die über die Fläche des Kubus hinausgreifen. Hier befinden sich die Vertiefungsebenen, die Bereiche für die pädagogische und didaktische Auseinandersetzung. Dort wird man über eine Datenbank die Möglichkeit haben, noch einmal alles abzurufen, was man in der Dauerausstellung gesehen hat, und kann darüber hinaus noch weitere Informationen erhalten.

Entwurf Foyer Entwurf Foyer | Bild: Georg Scheel Wetzel Architekten/LH München Die Dauerausstellung ist per se begrenzt, da können wir vielleicht 200 Personen vorstellen. Es gibt natürlich viel mehr Personen, die wichtig sind, sowohl Täter als auch Opfer, über die kann man hier mehr erfahren. In den Datenbanken kann man auch zum Beispiel Deportiertenlisten, Lager- oder Industriestandorte sehen. Dazu werden in einem Kooperations- und Forschungsprojekt mit der Technischen Universität München interaktive Formen der Vermittlung entwickelt. Touchscreen-Tables, an denen man die historischen Orte visualisieren kann. Man kann beispielsweise sehen, wo jüdische Mitbürger gelebt haben, wie sie dann in sogenannte „Judenhäuser“ zusammengedrängt und später deportiert wurden. In diesem Vertiefungsbereich können also einzelne Themen mittels moderner Technologie visualisiert werden.

Diese individuelle Interaktion wurde aus Platzgründen und in Hinblick auf die erwarteten zahlreichen Besucher bewusst aus der Dauerausstellung herausgenommen und in die Vertiefungsebene gelegt. Im zweiten Untergeschoss befindet sich dann noch ein großer Versammlungsraum für 200 Personen für Filme, Vorträge und Symposien. Es gibt eigene Gruppenräume, in die sich Schulklassen oder andere Gruppen zur Vertiefung und Aufbereitung der Themen zurückziehen können. Das Haus ist somit auf diese beiden Richtungen ausgerichtet: Es ist Erinnerungsort und Lernort.

Der Architekturhistoriker Prof. Dr.-Ing. Winfried Nerdinger war bis September 2012 Professor für Architekturgeschichte an der Technischen Universität München sowie Direktor des Architekturmuseums der TU München in der Pinakothek der Moderne. Seit Oktober 2012 ist er der Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums in München, das Ende 2014 eröffnet wird.

Die Architekten des Gebäudes sind Georg Scheel Wetzel aus Berlin. Die Landschaftsarchitektur wird durch Weidinger Landschaftsarchitekten, die Kunst am Bau durch Benjamin und Emanuel Heisenberg gestaltet.