Rainer Hascher im Interview Nachhaltig muss früh gedacht sein

Rainer Hascher
Rainer Hascher | Foto (Ausschnitt): Wilfried Dechau, Stuttgart

Es fehlen eine offene Gesprächskultur sowie verantwortliches Denken und Handeln, um nachhaltig bauen zu können. Rainer Hascher, Hochschulprofessor und Architekt, im Gespräch über Politik, Verantwortung, Ethik und die Kultur des Bauens.

Herr Professor Hascher, das Thema nachhaltiges Bauen ist ja heute in aller Munde. Es ist sehr komplex und sicherlich nicht nur unter rein ökologischen Gesichtspunkten zu betrachten. Was verstehen Sie unter Nachhaltigkeit und was verbindet Sie mit diesem Thema?

In der letzten Zeit mache ich mir grundlegende Gedanken darüber, wie sich Nachhaltigkeit beim Bauen realisieren lässt und das angesichts einer immer weiter schwindenden Bereitschaft, über die konkreten Wege hin zu einer qualitätvollen und damit nachhaltigen Architektur in aller Öffentlichkeit zu sprechen. Architektur ist vor allem eine Frage der Kultur, aber das Bauen kostet auch Geld. Darüber muss klar nachgedacht und auch offen gesprochen werden, vonseiten der Politik sowie der staatlichen und der kommunalen Planungsämter.

Wie meinen Sie das? Fehlt uns eine offene und ehrliche Gesprächskultur über die Entscheidung von baulichen Planungsvorhaben?

Ja, genau. Wir brauchen neue Formen der Diskussion über Architektur und wir brauchen mehr verantwortliches Denken und Handeln um zukunftsfähig, sprich nachhaltig zu sein. Jede Architektur birgt ein Versprechen, ist ein Symbol für Neubeginn, Aufbruch und Veränderung. Politiker und Entscheider in den staatlichen, städtischen und kommunalen Behörden sollten heute angesichts immer knapper werdender Ressourcen im Vorfeld über seriöse Kosten von Bauvorhaben sprechen und dann entsprechend planen. Das gibt allen am Bau Beteiligten Planungssicherheit.

Es ist zum Beispiel nicht nachhaltig, wenn bei Bauprojekten noch im Nachgang von ausgearbeiteten Ausführungsplanungen entscheidende Funktionen und wichtige Elemente eines Bauwerks gestrichen werden. Das schadet nicht nur dem Ergebnis, also der Qualität eines Baus, sondern bringt den ganzen Verlauf eines Bauvorhabens durcheinander, führt zu zeitlichen Verzögerungen, mitunter auch zu Ausführungsmängeln.

Nachhaltig ist so etwas nicht. Wir Architekten wollen für unsere Bauherren immer ein maximales Ergebnis. Das bedeutet, die Planung immer wieder zu optimieren, um den Aufwand an Material, Zeit und Kosten zu minimieren. Um das zu gewährleisten, brauchen wir Klarheit im Vorfeld und wir brauchen Partner, die mit uns gemeinsam Verantwortung übernehmen.
 

Fehlt tatsächlich nur eine Gesprächs- oder Streitkultur oder mangelt es an operativen Konzepten für ein nachhaltiges Denken, Planen und Bauen?

LSV Landshut LSV Landshut | Foto: Svenja Bockhop Nachhaltigkeitskonzepte erfordern ein großes Maß an Verantwortungsbewusstsein für die Zukunft. Kurzfristige Entscheidungen und Lösungen helfen da nicht weiter. Es gibt ein Kriterium, das ich für essenziell halte, das ist die Angemessenheit. Ich denke, dass wir einen mentalen Wandel in der Gesellschaft brauchen. Wir müssen uns beim Denken und Handeln mit den Erfordernissen der Realität auseinandersetzen, um bestimmte Ziele formulieren zu können, aber auch neue Methoden zur Erreichung dieser Ziele entwickeln. Wir brauchen mehr Wissenstransfer, um auf die Zukunft vorbereitet zu sein. Für eine nachhaltige Architektur bedeutet das, die technischen, wissenschaftlichen, ökonomischen und sozialen Kompetenzen stärker zu verzahnen. Die Beschleunigung von Bildung, die auch in der Architekturausbildung stattfindet, scheint mir nicht der richtige Ansatz zu sein.

Meinen Sie, dass wir Persönlichkeiten brauchen und nicht nur Absolventen?

Auf jeden Fall! Bei der gegenwärtigen Ausbildung werden angehende Architekten zu wenig darauf vorbereitet, dass schöpferische Tätigkeiten einer gewissen Entfaltung bedürfen und das Formulieren und Lösen von Problemen eine sehr komplexe Aufgabe ist. Dass wir den international anerkannten Titel des Diplom-Ingenieurs als Markenzeichen für Qualität, Innovation und Know-how aufgegeben haben, halte ich für einen großen Verlust. Wir müssen neue Strategien entwickeln, damit uns die bisherige dominierende Leistungsbilanz auf dem Gebiet des Ingenieurwesens nicht abhandenkommt.

Aber Architektur ist doch nicht nur reine Ingenieurleistung?

Nein, aber für eine gute Architektur brauchen wir als Voraussetzung intelligente Ingenieurleistung und eine integrierte Planung. Ingenieure sind wichtige und verlässliche Partner der Architekten. Ich habe es oft bei Wettbewerben erlebt, dass uns diese wichtigen Partner bei der Umsetzung von Bauvorhaben nicht mehr begleiten konnten. Sie wurden nicht mit beauftragt, obwohl sie unsere Pläne mit entwickelt und unterstützt haben. Der Wechsel von gut funktionierenden Entwicklungsteams kann bei hochkomplexen technischen Gebäuden mitunter zu großen Zeitverzögerungen führen. Die Vernetzung von Know-how zwischen allen an der Planung und Ausführung Beteiligten sollte sinnvoll und zielorientierter betrieben werden. Das wäre nachhaltig.

Bei welchem Ihrer zahlreichen Großprojekte hat die Zusammenarbeit der Teams gemeinsam mit dem Bauherrn in puncto Nachhaltigkeit besonders gut funktioniert?

Eines unser ersten großen Projekte, der Bau der dvg (seit 2003 Finanz IT) Hannover war von seinen Voraussetzungen, von der Zusammenarbeit und letztendlich auch im Ergebnis ein nachhaltig wirksames Projekt. Ich meine das gar nicht nur in Bezug auf unsere architektonischen, technischen und städtebaulichen Ideen. Die Brücke zu dem Unternehmen und den Verantwortlichen war für die Planung und Umsetzung durch eine außerordentlich gute Kommunikation geprägt.

Die Ziele des Unternehmens – Flexibilität der Zusammenarbeit, Effizienz der Arbeit und Transparenz der Prozesse – wurden nicht nur auf die Bürowelt von morgen übertragen, sondern kennzeichneten auch unsere Zusammenarbeit. Alle Vorstandsmitglieder der dvg waren durch regelmäßige Zusammenkünfte und der entschieden verantwortlichen sowie engagierten Begleitung des Projekts durch den damaligen Geschäftsführer Klaus-Peter Kubiak immer auf dem aktuellen Stand, um alle Pläne dieser unkonventionellen Architektur und Bürowelt zu unterstützen. Das hat uns als Architekten den Weg erleichtert, nicht nur den Planungs- und Bauprozess nachhaltig mit allen am Bau Beteiligten gestalten zu können, sondern diesen von Offenheit und Transparenz begleiteten Dialog auch direkt in der Architektur sichtbar zu machen.

In dem 380 Meter langen Gebäude wurden für fast 2.000 Mitarbeiter ganz neue Bürolandschaften konzipiert, die sie aus einer isolierten Räumlichkeit entlassen. Stattdessen haben wir die internen Büroarbeitsplätze mit dem Außenraum und der Natur verbunden. In den lichtdurchfluteten Hallen stehen Oliven-, Feigen- und Granatapfelbäume. Unkomplizierte Beweglichkeit, Schnelligkeit und Dynamik, Einfachheit der Arbeitsprozesse, Kommunikation, ein neues Denken und Arbeiten beleben die Architektur und sind gleichsam Ausdruck der Unternehmensphilosophie.

Kommunikation scheint ein Schlüsselbegriff Ihrer Arbeit zu sein. Was müssen Architekten außer einem offenen Dialog mit Ihren Bauherren und den Baubeteiligten noch mitbringen, um qualitätvolle und nachhaltige Architektur zu realisieren?

Architektur ist Kommunikation. Jedes Gebäude teilt dem Betrachter und dem Nutzer etwas mit. Jede Architektur zeigt eine Haltung, sie bewegt Gefühle, verrät uns etwas über ihre gesellschaftlichen Hintergründe und sie ist auch immer Teil einer bewusst gestalteten Zukunft. Also ist ein Gebäude auch nie isoliert zu betrachten, sondern immer im räumlichen Kontext, sei es in der Stadt, dem Quartier, dem Dorf oder der Landschaft. Von daher empfinde ich eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Städtebau als elementare Grundvoraussetzung für jedes architektonische Projekt. Um hier mehr Sensibilität zu schaffen, müssen wir uns – und damit meine ich nicht nur die Architekten – den Wert und die Geschichte unserer Städte als Raum für Bürgerinnen und Bürger wieder stärker bewusst machen.

Sie plädieren also für ganzheitliche Betrachtungs- und Handlungsweisen?

Selbstverständlich, das ist Nachhaltigkeit. Ich denke, dass wir zukünftig in der Nachhaltigkeitsdebatte neben ökologischen, klimatischen, technischen, baukonstruktiven Lösungen für Gebäude neue Strategien entwickeln sollten, um eine Balance zu gesellschaftlichen und ökonomischen Zielsetzungen zu finden. Es darf eben nicht um Extremlösungen, auch nicht um sinnlose Optimierung von Prozessen, Materialien und Produkten bis zur scheinbaren Perfektion gehen. So etwas wirkt sich negativ auf den gesamten natürlichen Lebensraum aus. Wir brauchen für nachhaltiges Planen und Bauen eine ausgewogene und balancierte Einbettung modernster Technologie in das Zieldreieck von soziokulturellem Kontext, Ökologie und Ökonomie.

Rainer Hascher wurde 1950 geboren, studierte in Stuttgart und gründete 1979 sein erstes Büro für Architektur- und Produktgestaltung. Ab 1992 betrieb er zusammen mit Sebastian Jehle das Berliner Büro Hascher Jehle Architektur. Zwei Jahre später übernahm Hascher als Professor das Fachgebiet Konstruktives Entwerfen und Klimagerechtes Bauen an der Technischen Universität Berlin. Im Jahr 2000 folgte die Gründung von Hascher, Jehle und Assoziierte GmbH.

dvg Hannover
Der Bau der dvg (seit 2003 FinanzIT) in Hannover zählt zu den ersten Großprojekten des Büros Hascher + Jehle. Das Projekt entstand in Kooperation mit Heinle Wischer und Partner und wurde 1999 fertiggestellt. Die Verbindung von Natur, Landschaft, nachhaltiger Architektur und einem innovativen Bürokonzept, vor allem aber die konstruktive Zusammenarbeit zwischen den Architekten und Bauherren findet bis heute internationale Anerkennung.

LSV Landshut
Der Neubau der Land- und forstwirtschaftlichen Sozialversicherung in Landshut ist geprägt durch seine filigrane Holzkonstruktion. In dem kammartigen Gebäudekomplex mit seinem markanten Kopfbau finden 600 Mitarbeiter einen Arbeitsplatz zwischen Laptop und Landschaft.

Kunstmuseum Stuttgart und Kleiner Schlossplatz
Entwurfsideen, die mit öffentlichen und halböffentlichen Räumen spielen oder neue Antworten auf urbane Begegnungsräume geben, sind ein wesentliches Element der städtebaulichen Merkmale von Hascher, Jehle und Assoziierte GmbH.