Deutscher Architekturbiennale-Pavillon 2012 Architektur als Ressource

Die Bevölkerungszahl in Deutschland nimmt ab, die Metropolregionen wachsen, die Mehrzahl der Städte aber schrumpft, Ränder und Randregionen entvölkern sich. „Es gibt ein Zuviel an Architektur!“, konstatiert Muck Petzet, der Generalkommissar des deutschen Pavillons auf der 13. Architekturbiennale in Venedig. Umverteilung, Umwertung und Verkleinerung sind vordringliche Planungsaufgaben der Architektur.

Deutscher Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig Deutscher Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig | Foto: Erica Overmeer Mit einem Slogan aus der Umweltbewegung – „Reduce Reuse Recycle“ – widmet sich der deutsche Pavillon dem Thema des nachhaltigen Umgangs mit der baulichen Umwelt. Das Konzept der Ausstellungsmacher besteht im Wesentlichen darin, „den Gebäude- und Infrastrukturbestand als zentrale architektonische Ressource für die Gestaltung unserer Zukunft bewusst zu machen“. Petzet stellt 16 Architekturprojekte aus, deren Qualität sich vor allem in ihrem intelligenten Umgang mit dem Vorhandenen zeigt.

„Weniger ist mehr“

Das Thema ist bekannt. Das Neubauvolumen in Deutschland macht jährlich nur rund ein Prozent des Bauens aus, 80 Prozent der Wohnungsbaubudgets werden im Bestand ausgegeben. Petzet sieht daher die größte vor uns liegende Modernisierungsaufgabe im Umgang mit der Masse der Alltagsarchitektur, auch jener ungeliebten Gebäude- und Siedlungsstrukturen aus den 1950er- bis 1970er-Jahren. In Anbetracht des Klimawandels und daraus abgeleiteter Ziele zur Energieeinsparung wird jeglicher Gebäudebestand als „energetische“ Ressource verstanden. In der Bewertung zur Bestandserhaltung sei nicht nur der Energieverbrauch, sondern vielmehr die energetische Bilanz des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes zu berücksichtigen. Die gängige Praxis der energetischen Nachrüstung mit Dämmstoffen wird kritisch hinterfragt. „Eine solche Betrachtung“, so Petzet, „zeigt deutlich, dass es am sinnvollsten ist, die Lebenszeit vorhandener Gebäude mit möglichst minimalen Mitteln zu verlängern.“ Die in der Bausubstanz gespeicherten Energien, auch die inhaltlichen, ästhetischen, kulturellen, sozialen und historischen, werden als Potenzial zur Interpretation und Weiterentwicklung unserer Lebensräume erkannt und verwertet.

„Reduce, Reuse, Recycle“

Die Ausstellungsgestaltung und der Umgang mit dem deutschen Pavillon folgen der Logik von „Reduce, Reuse, Recycle“. Das Ausstellungsdesign von Konstantin Grcic beeindruckt durch gezielte Zurückhaltung und subtile Auseinandersetzung mit dem Bestand. Die Ausstellung beginnt bereits im Außenraum. Das Portal ist geschlossen, der Eingang mit einem riesigen zugangsweisenden Leuchtpfeil um die Ecke verlegt. Der monumentale Portikus bekommt, mit venezianischen Stadtbänken als Terrasse umgenutzt, eine erstaunliche Leichtigkeit. Im Inneren des Pavillons verwandelt sich die vorgefundene Hierarchie von Haupt- und Nebenräumen in ein erlebnisreiches Gefüge gleichwertiger Räume. Von der Stadt Venedig entliehene Hochwasserstege verbinden die Räume und sind Sitzmöbel, Parcours und Schriftträger zugleich.

Ausstellung im deutschen Pavillon Ausstellung im deutschen Pavillon | Foto: Erica Overmeer Die ausgesuchten Projekte werden über je eine großformatige Fotografie von Erica Overmeer präsentiert. Lebensgroß auf die Wände tapeziert, lösen sie die Schwere der Ausstellungsräume und richten den Blick auf Orte und Ausschnitte der Architekturprojekte. Weder die Komplexität des Themas noch der räumliche und architektonische Wert der Projekte werden aus den Fotografien der handlungsarmen, menschenleeren Stadträume und Architekturen ersichtlich. Die im Pavillon ausliegende Zeitung und das Begleitbuch mit ausführlichen Texten, weiteren Projekten und Interviews erst stellen die Bauten in ihren historischen, sozialen und kulturellen Kontext. Im Katalog von Muck Petzet und Florian Heilmeyer werden die Qualitäten und intelligenten Strategien der formal oft unspektakulären Eingriffe differenziert beschrieben.

Das Spektrum der ausgewählten Projekte reicht weit: von bekannten Berliner Museumsbauten, wie dem Naturkundemuseum von Diener & Diener und dem Neuen Museum von David Chipperfield, zu Sanierungen von Wohnsiedlungen, einem Studentenwohnheim in München oder Plattenbauten in Thüringen bis hin zu kleinen privaten Planungen wie einer Schutzhütte im Erzgebirge oder einer „Antivilla“ in Krampnitz. Auch temporäre Projekte wie die Guerilla Stores – die Besetzung leer stehender Gebäude durch ein japanisches Modelabel – werden als Umnutzungskonzepte vorgestellt. Bei allen Unterschieden in Größe, Umfang und Strategie haben die Projekte eine entscheidende Gemeinsamkeit: die Wertschätzung des Vorhandenen.

Die soziale Verantwortung von Architektur

Ausstellung im deutschen Pavillon Ausstellung im deutschen Pavillon | Foto: Markus Lanz Die mit der Auszeichnung des Goldenen Löwen der 13. Biennale gekürten Projekte aus Japan und Venezuela setzen sich ebenfalls mit der gesellschaftlichen Relevanz von Architektur und dem möglichen Umgang mit Vorhandenem auseinander. Der Wiederaufbau nach der Tsunamikatastrophe in Japan als gemeinsames Projekt von Architekten und Bevölkerung und der Torre David in Caracas – die Aneignung eines 45-stöckigen Hochhausrohbaues durch deren Bewohner – werden vorgestellt. Beide Projekte zeigen trotz schwierigster Ausgangslage einen alltagsnahen und engagierten Zugang. Etwas mehr Vitalität und Vielschichtigkeit in der Darstellung der deutschen Projekte hätte der Ernsthaftigkeit des Themas und der Klarheit des Designs nicht geschadet. Die Ausstellung bereichert die Diskussion über die nachhaltige Entwicklung unserer baulichen Umwelt um wesentliche Aspekte zum richtigen Zeitpunkt.

Common Ground
Architekturbiennale Venedig, 29. August bis 25. November 2012