Städel-Museum Ein Himmel voller Sonnen

Mit seinem jüngsten Erweiterungsbau geht das Frankfurter Städel-Museum unter die Erde. Die neuen Ausstellungsräume des Museums liegen unter einer Rasenfläche im Hof des bestehenden Gebäudes. Von außen sichtbar wird der Bau durch die vielen runden Oberlichtfenster, die die Rasenfläche durchbrechen.

Außenansicht des Erweiterungsbaus Außenansicht des Erweiterungsbaus | Foto: Norbert Miguletz © Städel Museum, Frankfurt am Main Ein Museum zu bauen, wenn auch nur eine Museumserweiterung, zählt zu den Königsaufgaben für Architekten. Besonders wenn es sich um eines der bedeutendsten Museen einer Stadt handelt. In Frankfurt am Main ist jetzt so ein potenzielles Prestigebauwerk zu sehen – oder eben nicht, denn die ortsansässigen Architekten Till Schneider und Michael Schumacher versteckten den neuen Anbau für das Museum Städel unter der Erde. Die fünfte und größte Erweiterung in der 200-jährigen Geschichte des Städelschen Kunstinstituts umfasst 3.000 Quadratmeter. Bei dieser Verdoppelung der bisherigen Ausstellungsfläche wollten die Architekten ein weiteres Bauvolumen vermeiden.

Bullaugenfenster als signifikantes Bild

Im Hof des klassizistischen Dreiflügelbaus, der nach schweren Kriegszerstörungen bis 1963 nach Plänen von Johannes Krahn wieder aufgebaut wurde, gingen die Architekten mit der neuen Abteilung für die Gegenwartskunst unter die Erde. Somit macht die jüngste Erweiterung sich neben den beiden Erweiterungsbauten von Gustav Peichl (1990) und Jochem Jourdan (1999) unsichtbar. Der Hof bleibt begehbare Rasenfläche, die sich in der Mitte zu einem leichten Hügel wölbt. Zu sehen sind nur 195 Glasaugen, kreisrunde Oberlichtfenster mit einem Durchmesser von 1,5 bis 2,5 Metern, durch die der Saal im Untergrund sein Tageslicht erhält: ein Himmel voller Sonnen. So kommt der Neubau also doch noch zu einem signifikanten Bild, das sich als Icon Building einprägt und wiedererkannt wird.

Treppenskulptur in die Unterwelt

Mit ein paar Tricks ist es den Architekten gelungen, den innerhalb des Museums eigentlich abgelegenen Raum trotzdem eng an die bestehenden Ausstellungsräume anzubinden. Besucher erreichen die neue Halle aus dem Eingangsfoyer über Zwillingstreppen, die zum Erdgeschoss hinabführen. Dort öffnet sich im weiteren Verlauf der zentralen Hauptachse des Gebäudes ein repräsentativer Treppenlauf mit stromlinienförmigem Geländer und lädt zum Abstieg in die hell erleuchtete Unterwelt. Die Treppe ist eine Skulptur für sich, sie wurde samt Brüstungen in einem Stück aus travertinfarbenem Beton gegossen. Man begeht sie nicht, man schreitet hinab und findet sich in der Mittelachse der unterirdischen Gartenhalle wieder, die durch ihre Größe überrascht.

Taghelle Schauräume mit ausgeklügelter Beleuchtungstechnik

Ausstellungsansicht Ausstellungsansicht | Foto: Norbert Miguletz, © Städel Museum, Frankfurt am Main Ein großer, überschaubarer Raum sollte es werden, einheitlich weiß, der sich dennoch vom klassischen White Cube durch die charakteristische, elegant wirkende Bullaugendecke unterscheidet. Natürliches Licht sollte eine entscheidende Rolle spielen, trotz der Lage im Untergeschoss. Taghell präsentieren sich deshalb die Schauräume mit durch hohen technischen Aufwand in der Decke sorgfältig dosiertem natürlichem Licht, das je nach Ausstellungsbedürfnissen gesteuert werden kann. Das Tageslicht wird mit Einbruch der Abenddämmerung durch unmerklich beigemischtes Kunstlicht zuerst ergänzt und dann ersetzt. Heutige Kuratoren wünschen meist die totale Kontrolle über Lichtintensität und -farbe. In der neuen Gartenhalle des Städel bleiben diesbezüglich keine Wünsche unerfüllt. Jedes Kunstwerk kann in der ihm angemessenen Weise beleuchtet, jede gewünschte Lichtstimmung oder Inszenierung erzeugt werden.

Individuelle Bespielung in flexiblen Räumen

Für das Ausstellungssystem sind die Berliner Architekten Kuehn Malvezzi verantwortlich, die mit der Realisierung von Konzepten für die Ausstellung zeitgenössischer Kunst viel Erfahrung haben. Ihre Haus-im-Haus-Konstruktion mit einer asymmetrischen, freien Konstellation unterschiedlich großer, oben offener Kuben als Ausstellungsräume bildet eine neue Raumtypologie. Es bieten sich ein Dutzend kleine Kabinette zur individuellen Bespielung durch die Kuratoren. Die Kuben aus weißen Leichtbauwänden arrangieren sich im Großraum ohne festgelegte Ordnung oder Hierarchie und bilden „Straßen“ und „Plätze“, die ebenfalls bespielt werden können.

„Justierung“ der Gegenwartskunst

Zwar verschwinden die zwölf Rundstützen der unterirdischen Gartenhalle weitgehend in den weißen Wänden der Ausstellungsarchitektur. Doch hätte man sich deren Wände weniger hoch gewünscht, denn sie kommen der Decke sehr nahe, kollidieren optisch mit den Rundfenstern und stören das Erlebnis des ganzheitlichen Raums. Wirklich dramatisch ist das allerdings nicht, zumal die Rauminstallation nach wenigen Jahren einem neuen Raumsystem weicht, wenn die Sammlung turnusmäßig neu präsentiert werden wird.

Museumsdirektor Max Hollein hat nun beste Möglichkeiten, das Museum für Gegenwartskunst „neu zu justieren“ und die „vermeintlich aus der Geschichte heraustretende Gegenwartskunst wieder einzugemeinden“, wie er sagt. Hollein hat sich viel vorgenommen.