Kunst am Bau Im Auftrag des Staates

Kunst am Bau hat eine lange Geschichte in Deutschland. Seit 1950 spielt die öffentliche Hand als Auftraggeber eine wichtige Rolle. Kunst am Bau erzählt viel über das sich ändernde Selbstverständnis des Staates.

Via Lewandowsky, „Roter Teppich“ im Bundesministerium der Verteidigung in Berlin, 2005 Via Lewandowsky, „Roter Teppich“ im Bundesministerium der Verteidigung in Berlin, 2005 | Foto: Sandra Elbern, © Bundeswehr, Rechte: IMZ-Bildarchiv / Werk: © VG Bild Kunst 2013 Am 25. Januar 1950 beschloss der Deutsche Bundestag, „bei allen Bauaufträgen (…) ein Prozent der Bauauftragssumme für Werke Bildender Künstler vorzusehen“. Die westdeutschen Parlamentarier legten damit das Fundament für eine der bedeutendsten Kunst-am-Bau-Sammlungen der Welt, mehrere tausend Werke sind seitdem im Auftrag des Bundes entstanden. Die Kunst am Bau der letzten 62 Jahre ist nicht nur in den Regierungs- und Parlamentsgebäuden zu finden, sondern ebenso in Forschungsinstituten, Ämtern, Kasernen und Autobahnraststätten. Dazu kommen deutsche Einrichtungen im Ausland, wie Botschaften, Konsulate und Goethe-Institute, die mit Kunst verschiedener Stile und Genres ausgestattet wurden. Und nicht nur der Bund fördert die Kunst am Bau, sondern auch die Bundesländer und Kommunen, die Städte und Gemeinden. Zudem gibt es das private Engagement von Unternehmen für die Kunst am Bau.

Symbole für deutsche Kultur und Politik

In Deutschland sind Werke entstanden, die Teil des kulturellen und medialen Gedächtnisses geworden sind. So ist zum Beispiel immer die Stahlplastik Berlin von Eduardo Chillida mit im Bild, wenn sich internationale Politiker mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bundeskanzleramt treffen. Die Arbeit besteht aus zwei Stahlpfeilern, deren aufgefächerten Enden ineinanderzugreifen scheinen und damit zum Symbol für die Wiedervereinigung Berlins und Deutschlands geworden sind. Vor der Wiedervereinigung, als Bonn noch die bundesdeutsche Hauptstadt war, fanden vor dem dortigen Bundeskanzleramt die berühmten Large Two Forms von Henry Moore auf persönlichen Wunsch von Helmut Schmidt Aufstellung und bestimmten jahrzehntelang das mediale Bild der Bundesrepublik.

Vielseitiger Dialog mit der Architektur

m+m, „Kleine Reise“, Installation vor dem Bundesgesundheitsministerium in Bonn, 2009 m+m, „Kleine Reise“, Installation vor dem Bundesgesundheitsministerium in Bonn, 2009 | Foto: m+m/ Werk: © VG Bild Kunst 2013 Aber es sind sehr viel mehr Werke in Deutschland entstanden, die auf vielschichtige Art Bezug zur Architektur nehmen. Das Spektrum reicht vom abstrakten Wandmosaik in einer Kaserne bis zur autonomen Skulptur vor einem Arbeitsamt. Ein Wandteppich kann ebenso Kunst am Bau sein wie eine interaktive Soundinstallation, die künstlerische Gestaltung eines Türknaufs oder eines ganzen Gebäudes. Die Kunst muss sich dabei mit dem vorgegebenen Raum auseinandersetzen, dazu eine Haltung finden: die Architektur in ihrer Wirkung verstärken, einen Kontrapunkt setzen, in ihr auffallen oder mit ihr zu einer Einheit verschmelzen. In den seltensten Fällen ist der Künstler schon während der Entwurfsphase des Gebäudes beteiligt, meist muss er im Nachhinein auf den vorgegebenen Raum reagieren – manchmal auch zum Leidwesen des Architekten, der sein eigenes Kunstwerk, den Bau, durch den künstlerischen Eingriff bedroht sieht.

Kunst als Repräsentation

Aber Kunst am Bau geht nicht nur mit der Architektur eine Verbindung ein, auch der Auftraggeber und seine Intention spielen eine wichtige Rolle. Wenn ein Staat Kunst am Bau fördert, vor allem in repräsentativen Bauten, geht es auch um ein bestimmtes Selbstverständnis, das nach außen abgebildet werden soll. In vielen europäischen Ländern und den USA gibt es die staatliche Unterstützung für Kunst seit den 1930er-Jahren. Fast überall wird dabei nicht zwischen Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum unterschieden, wie es in Deutschland der Fall ist. Während die Kunst im öffentlichen Raum auf Plätzen und in Parks Aufstellung findet und auf ihre stadt- oder naturräumliche Umgebung Bezug nimmt, wird die Kunst am Bau immer als baubezogene Kunst verstanden.

Von der Auftragsarbeit zum Aushängeschild

Die staatliche Förderung der Kunst am Bau in Deutschland hat eine weit zurückreichende Geschichte. Schon die Weimarer Republik setzte sich in ihrer Verfassung 1919 zum Ziel, Kunst am Bau zu fördern. Dabei ging es vorrangig um die soziale Unterstützung der Künstler, aber auch um das Selbstbild einer modernen Kulturnation. Im Nationalsozialismus wurde die Kunst am Bau vor allem gefördert, um Künstler und ihre Werke besser kontrollieren und der staatlichen Ästhetik anpassen zu können.

Nach 1945 entstanden in der DDR in den 1950er- und 1960er-Jahren vor allem Arbeiten, die typisch für den Sozialistischen Realismus waren und die Botschaft von glücklichen Mitgliedern einer neuen Gesellschaft vermitteln sollten. Später ging es dort mehr und mehr um die künstlerische Gestaltung der Neubaugebiete. In der Bundesrepublik hingegen bemühte man sich seit den frühen 1960er-Jahren durch die Auswahl der Werke unter Beweis zu stellen, dass Deutschland Anschluss an die internationale abstrakte Moderne gefunden hatte. Zahlreiche, auch internationale Teilnehmer der Documenta erhielten Aufträge vom Staat.

Zentrale Rolle bei der Wiedervereinigung

Inges Idee, „Im selben Boot“, Freiplatz vor der Mensa, Marinetechnikschule Parow 2001 Inges Idee, „Im selben Boot“, Freiplatz vor der Mensa, Marinetechnikschule Parow 2001 | Foto: Jens Ziehe, Berlin Eine große Bedeutung erlangte die Kunst am Bau in Deutschland mit der Wiedervereinigung 1990 und dem späteren Entschluss, Berlin zur neuen Hauptstadt zu machen. Nicht nur die Architektur, auch die Kunst am Bau sollte der Welt das demokratische vereinigte Deutschland zeigen. Die Kunstwerke spielten eine zentrale Rolle dabei, historisch belastete Bauten aus der NS- oder DDR-Zeit für eine neue Nutzung freizumachen, indem sie die komplexe deutsche Geschichte reflektierten. So zeigt der Teppich von Via Lewandowsky im Verteidigungsministerium die Ruinenlandschaft des Nachkriegs-Berlins und gemahnt an die Folgen des Krieges.

Kunst am Bau war und ist für viele Künstler eine wichtige Quelle des Erwerbs und oftmals die einzige Möglichkeit, Werke zu realisieren, die auf dem Kunstmarkt kaum eine Chance hätten. Bis heute entstehen in Deutschland und in deutschen Institutionen im Ausland Arbeiten, die sehr unterschiedlich auf Architektur, Ort, Geschichte und Funktion des Gebäudes eingehen – manchmal auch wunderbar ironisch, wie die Plastik Im selben Boot der Berliner Künstlergruppe Inges Idee für die Marinetechnikerschule in Parow.