Feininger-Meisterhaus Der Schrei nach Farbe

Nach 80 Jahren sind die Räume im Feininger-Meisterhaus wieder in ihren ursprünglichen Farben zu besichtigen.

Meisterhaus Feininger Dessau Meisterhaus Feininger Dessau | © Børre Ludvigsen, 2011 Die von Walter Gropius 1925 entworfenen Meisterhäuser für die Bauhaus-Lehrer in Dessau-Roßlau sind seit 1996 als einzigartige Kulturgüter Bestandteil des UNESCO-Welterbes. Seit 1990 werden Restaurierung und Sanierung dieser Wohnhäuser mit vereinten Kräften, vielen Spenden und Engagement erfolgreich vorangetrieben. Im Frühjahr 2011 ist mit der Farbrekonstruktion im Innern des Lyonel-Feininger-Hauses ein weiterer Schritt zur vollständigen Komplettierung der ursprünglichen Wohn- und Arbeitsbereiche der Bauhausmeister vorgenommen worden. Das seit Anfang der 1990er-Jahre vom Kurt-Weill-Zentrum genutzte Feininger-Haus ist heute nur noch ein Rudiment. Der andere Teil des Doppelhauses, in dem ursprünglich das Künstlerpaar Moholy-Nagy lebte, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Künstlergemeinschaft unter Kiefern

1926 hatten der Maler, Zeichner, Karikaturist und Musiker Lyonel Feininger mit Ehefrau Julia, den Söhnen Andreas, Laurence und Theodore Lux dieses Haus bezogen. Direkt nebenan lebten damals Walter und Ise Gropius in einem Einzelwohnhaus. Die Straße weiter hoch in Richtung Schloss Großkühnau folgten in Abständen von circa 20 Metern die weiteren, auch als Doppelhaus konzipierten Domizile für die Bauhausmeister Georg Muche, Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky und Paul Klee. Die Künstlergemeinschaft aber währte nicht lange. Nach sechs Jahren mussten alle Meisterhäuser geräumt werden. Auf Drängen der Nationalsozialisten wurde das Bauhaus 1933 geschlossen und alle Bauhäusler verloren ihre künstlerische Heimat. Für viele folgten Diffamierungen als „entartete Künstler“, Berufsverbot und Emigration.

Doch es scheint, als haben die Veränderungen und Zerstörungen, die den Bauten nach 1933 widerfuhren, ihrer Aura nichts anhaben können. Bis heute ist die Authentizität ihrer modernen und klaren Haltung und gestalterischen Qualität ungebrochen. Sie drängen sich nicht mit großen und überflüssigen Gesten auf, öffnen sich alle mit großen Glasfenstern dem Betrachter. Sie sind im Kontext der Umgebung und Natur gedacht – wie Verbündete – und bleiben zwischen den hohen Kiefern freundlich, aufhellend aber distanziert wie kleine Satelliten ihres „Mutterschiffs“, des Bauhauses.

„Es hat ausgeweimart, meine Herren, wir gehen jetzt dessauern!“

Das Bauhaus mit seinen Meisterhäusern war eine städtische Initiative. Die Kommune war Träger, Bauherr, Aufsichtsbehörde, Arbeitgeber und Vermieter. Lyonel Feininger berichtete seiner Frau in einem Brief vom 20. Februar 1925: „Heute Mittag Besprechung aller Meister, Vortrag von Kandinsky und Muche über Dessau. Dortiger Besuch der Herren, mit Frauen, glänzend verlaufen, größte Befriedigung in allen Punkten. (…) Für die Meister soll extra, nach unseren eigenen Wünschen und Plänen, im herrlichen Park gebaut werden, Wohnungen fertigzustellen bis Oktober! Mit Atelier gleich oben auf’m Haus. (…) Es hat ausgeweimart, meine Herrn, wir gehen jetzt dessauern!“

Wohnen wie im Freien

Meisterhaus Feininger Dessau Meisterhaus Feininger Dessau | Foto: © Børre Ludvigsen, 2011 Ende Juli 1926 war es so weit, die Bauhausmeister konnten ihre Häuser beziehen. Auch Lyonel Feininger kam mit, obwohl er nicht als Lehrender am Dessauer Bauhaus tätig war. In einem Brief an Julia Feininger schreibt er über das neue Wohnhaus: „Ich sitze hier auf unserer Terrasse, die einfach wonnig ist. (…) Die Bäume sind eine Wohltat, selbst in der grellsten Sonne schaut das Auge ungeblendet ins Grüne; und die Kronen stehen so schön in den Himmel. Hier ist gerade Raum, und man hat das Gefühl, sich im Freien zu befinden.“

„Was meinst Du zu Hellrot?“

In diesem Brief berichtet er euphorisch von der Großzügigkeit der Räume, in denen die von Sohn Andreas entworfenen Möbel „so viel Farbe und Wärme“ hineingeben. „Im ganzen kann man ehrlich von einer Schöpfung sprechen, von einer baulichen, neuartigen Leistung.“ Besonders das Treppenhaus hatte es ihm angetan, „so lustig, mit dem roten Geländestreifen auf dem kobaltblauen glatten Treppenwangen.“ Die Freude über die neue und offene Wohnkultur befeuerte ihn gleich zu mehr. „Unsere Korbmöbel müssen wir gleich streichen lassen, oder ich mache es mit Lackfarbe auch gerne selbst. Was meinst Du zu Hellrot?“

Ein Haus der 40 Farben

Entwickelt waren die ersten Farbpläne durch die Werkstatt für Wandmalerei am Bauhaus unter Leitung von Hinnerk Scheper. Wie auch in den anderen Meisterhäusern wurde jeder Raum individuell aufgefasst, nicht nur mit einer wechselnden Farbigkeit, sondern auch die Behandlung der Oberflächen. Architekt Hans-Otto Brambach aus Halle an der Saale und Restaurator Peter Schöne, beide waren bereits 1994 mit der Rekonstruktion der Gebäudehülle des Feininger-Hauses betraut, haben in wenigen Monaten die erste Farbfassung der einzelnen Räume wieder hergestellt, die beim Einzug vorhanden war. Das Feuerwehrrot und Kobaltblau der Treppenbrüstung schlängelt sich nach oben zu dem hohen verglasten Treppenhaus ins Obergeschoss. Rot, Grau, Schwarz dazu pastellige und zarte Töne für die Wände, kontrastreich und belebend.

Meisterhaus Feininger Dessau, Atelier Meisterhaus Feininger Dessau, Atelier | Foto: Peter Schöne Peter Schöne hat die historischen Befunde nicht nur auf ihre Pigmentierung und Bindemittelzusammensetzung hin untersucht, sondern auch auf verändernde Einflüsse wie Licht, Staub und Nikotin. Ebenso wurden die ursprünglichen Türblätter und Türrahmen konserviert, restauriert und die Oberflächen gereinigt. Über 40 verschiedene Farbtöne sind im Innern des Hauses Feininger eingesetzt und heute durch die sensible wie sorgfältige Sanierung wieder zu erleben. Doch damit nicht genug. Bis 2013 soll das zerstörte Meisterhaus Moholy-Nagy wie auch das von Walter Gropius wiederaufgebaut und begehbar gemacht sein. Das Berliner Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez hat mit seiner „zeitgenössischen Umsetzung des historisch Gegebenen“ die Jury überzeugt.

Ein Glücksfall für alle Besucher, die mit allen Sinnen die noch heute gültigen Konzepte von einem modernen gemeinschaftlichen Wohnen, Leben und Arbeiten erfahren und bestaunen können.