Gedenkstätte Esterwegen Erinnerung an die „Moorsoldaten“

Ende Oktober 2011 wurde die Gedenkstätte Esterwegen, ein Informations- und Dokumentationszentrum zu den Emslandlagern, nach einem Entwurf von WES & Partner Landschaftsarchitekten mit Hans-Hermann Krafft und Hans Dieter Schaal eröffnet.

Gedenkstätte Esterwegen Gedenkstätte Esterwegen | Foto: Simone Schnase Hümmling, so wird der Höhenzug bezeichnet, von dessen nördlichen Ausläufern sich ein weiter Blick in die Tiefe der Marsch und der emsländischen Moorlandschaft erstreckt. Am Horizont verläuft der Küstenkanal, die alte Wasserstraße zwischen Ruhrgebiet und Weser. Es ist ein wunderbarer Ausblick auf eine Natur- und Agrarlandschaft, die seit über 100 Jahren durch Menschenhand zu großen Teilen urbar gemacht wurde. Lange Zeit wollte kaum jemand davon wissen, dass auch die über 200.000 Insassen der 15 über die Region zwischen Lingen und Papenburg verteilten NS-Konzentrations- und Strafgefangenenlager einen unschätzbaren Anteil an der Erschließung dieser Hochmoorlandschaft geleistet haben.

Wir sind die „Moorsoldaten“

Die Schönheit und wohltuende Ruhe, die diese prosperierende Region im nordwestlichen Niedersachsen heute für die Besucher und Bewohner ausstrahlt, konnten die Gefangenen jedoch nie genießen. Als „Moorsoldaten“, so der gleichnamige autobiografische Bericht des ehemaligen Häftlings, Schauspielers und Kommunisten Wolfgang Langhoff, waren dort ab Mitte 1933 zuerst Kritiker des Regimes zusammengepfercht und unter unerträglichen Bedingungen zur Arbeit gezwungen. Aktivisten wie der Publizist und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky, Gewerkschaftsführer wie Wilhelm Leuschner und Fritz Husemann, Sozialdemokraten wie Julius Leber, Carlo Mierendorff und Widerständler gehörten zu den Ersten, die interniert wurden. Bis 1945 folgten Wehrmachtsverurteilte und später Kriegsgefangene. Über 25.000 Menschen fanden dabei ihren Tod.

Gemeinsame Erinnerungskultur

Der Wunsch sie nicht zu vergessen, sondern diese Geschichte als Teil einer gemeinsamen Erinnerungskultur des Emslands mit allen europäischen Nachbarländern und Israel zu begreifen und anzunehmen, wurde endgültig 2006 Anlass zur Errichtung einer zentralen Gedenkstätte in Esterwegen. Hier wurde auf dem Grund und Boden des ehemaligen Lagers, das zeitweilig eine Zwischennutzung als Bundeswehrdepot erfahren hatte, mit großem Engagement des Landkreises Emsland exemplarisch ein Ort geschaffen, in dem die Geschichte aller 15 Lager dokumentiert ist. Die Einrichtung eines Franziskanerinnen-Klosters nach einem Entwurf des Bremer Architekten Ulrich Tilgner war 2006 ein erster Schritt, um die Erinnerung an das Leiden der Häftlinge wachzuhalten und einen Ort der offenen Begegnung zu schaffen. Mit dem Architekten Hans Dieter Schaal, bekannt durch seine Ausstellungskonzeptionen für die Gedenkstätten Bergen-Belsen und Mittelbau Dora, wurde 2010 der Umbau zum Informations- und Dokumentationszentrum mit Ausstellungs-, Medien- und Arbeitsräumen, Bibliothek und Cafeteria realisiert.

Eine inhaltlich herausragend konzipierte Dauerausstellung informiert die Besucher über die Geschichte der Lager, ihre Opfer und Täter und wirft auch einen Blick auf die Rezeptionsgeschichte. Grundlage für die wissenschaftliche und pädagogische Ausrichtung dieser Dauerausstellung bildet die seit den 1980er-Jahren währende Arbeit des „Aktionskomitees für ein Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager“.

Ohne Worte – Cortenstahl als Ausdruck für Vergänglichkeit

Für die Gestaltung des Außenraums und Umgestaltung des ehemaligen Lagerareals wurde das Berliner Büro WES & Partner Landschaftsarchitekten mit Hans-Hermann Krafft beauftragt. Die in Form, Farbe, Material an die Landschaft gekoppelte Gestaltung von Krafft geht behutsam und gleichsam abstrahierend mit den wenigen noch vorgefundenen Resten der ursprünglichen Lagerbauten und der jüngeren Geschichte als Bundeswehrstandort um. Die wesentlichen auch von außen ursprünglich wahrnehmbaren Elemente wie Wachtürme, Tore und Mauern sind als Cortenstahlscheiben abstrahiert. Die Dimension des ursprünglichen Lagers und die Wirkung im Raum werden dem sich nähernden Besucher bereits von außen – ohne Worte – beschrieben. Ebenso erinnern die Landschaftsarchitekten mit dem Stahl unpathetisch, mit knappen Gesten an die Unmenschlichkeit, die Härte und Brutalität, der die Gefangenen durch das Kommando der SS ausgesetzt waren. Die bereits 2001 unter Anleitung von Historikern durch Jugendgruppen und ehrenamtlich engagierte Kräfte begonnene Freilegung der Lagerstraße und der wenigen im Boden liegenden baulichen Reste sind als Relief erkennbar geblieben.

Amerikanische Roteichen markieren den Raum

Während der ehemalige Wachmannschaftsbereich unbehandelt ist, werden die Standorte der Gefangenenbaracken mit einem dichten Bestand aus amerikanischen Roteichen angedeutet. Diese dünnen fast astlosen Bäume sind Überbleibsel der Bepflanzungen aus den 1960er-Jahren und markieren heute die Räume des Häftlingsblocks. Die Zahl der Bestandsbäume entspricht in etwa der Anzahl von Insassen einer Baracke. Die Zwischenräume des Strafgefangenenbereichs sind mit groben dunkelbraunen Schottersteinen ausgefüllt, die in Farbe und Struktur dem Torfboden der Umgebung ähneln.

Die Moorlandschaft verbindet

Ein wesentlicher und gelungener Aspekt der Arbeit von WES & Partner Landschaftsarchitekten mit Hans-Hermann Krafft ist die Bezugsachse in das Moor, die sich durch die von Schaal umgebauten Hallen des Dokumentationszentrums hindurchzieht. Ermöglicht wird dieser eindrucksvolle Bezug in die Landschaft durch die von Schaal angelegte großräumige und in alle Richtungen verglaste Eingangshalle. Sie ist Verbindungselement zu den unterschiedlichen Funktionen des Informations- und Dokumentationszentrums der Gedenkstätte und gleichsam gebauter Raum für die „Moorsoldaten“, deren Weg eine bildliche Dimension erhält.