Mehrgeschossiger Holzbau Bis an die Hochhausgrenze

H8 in Bad Aibling
H8 in Bad Aibling | Foto (Ausschnitt): Schankula Architekten

Mehrgeschossiges Bauen wird gemeinhin nicht mit dem Werkstoff Holz, sondern vielmehr mit Materialien wie Stahl, Glas und Beton in Verbindung gebracht. Dennoch muss Holz als Baustoff für den Geschossbau nicht von vornherein als Alternative ausgeschlossen werden.

Im Gegenteil: Zukünftig werden Ziele wie Ressourcenschonung oder Reduktion des Ausstoßes von CO2 den Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen in allen Bereichen der Produktion zunehmend notwendig machen. Dass mehrgeschossiges Bauen mit Holz nicht nur machbar ist, sondern Gebäude von großer Dauerhaftigkeit hervorbringen kann, zeigt ein Blick auf historische Holzbauwerke wie zum Beispiel Fachwerkhäuser oder traditionelle Blockbauten.

Brandschutz beim Bauen mit Holz

Während in vielen anderen Ländern auch heute, teilweise bis über die Hochhausgrenze von 22 Meter hinaus, mit Holz als Material für Tragwerk und Hülle gebaut wird, stehen dem in Deutschland handfeste Hindernisse in Form gesetzlicher Vorschriften vor allem zum Brandschutz im Wege. Das Bauordnungsrecht liegt in Deutschland bei den einzelnen Bundesländern, ist also nicht bundesweit einheitlich gestaltet. Eine von der Bauministerkonferenz formulierte Musterbauordnung soll der Orientierung und Vereinheitlichung dienen, ist aber in den Landesbauordnungen der 16 Bundesländer wiederum sehr unterschiedlich umgesetzt. Vereinfacht und entsprechend der Musterbauordnung kann aber gesagt werden, dass in Deutschland Holz für tragende Bauteile bei Gebäuden mit bis zu fünf Geschossen eingesetzt werden darf.

Pilotprojekte im mehrgeschossigen Holzbau

Für Gebäude mit mehr als fünf Geschossen ist das Tragwerk aus nicht brennbaren Baustoffen herzustellen, Holz scheidet hier zunächst also aus. Allerdings besteht die Möglichkeit, im Einzelfall Abweichungen von dieser Vorschrift genehmigt zu bekommen, wenn im Rahmen eines Brandschutzkonzeptes entsprechende Kompensationsmaßnahmen nachgewiesen werden können. Dafür kommen zum Beispiel Sprinkleranlagen, die Kapselung von brennbaren Bauteilen oder zusätzliche Fluchtwege in Betracht. Im Kontext der beschriebenen rechtlichen Regelungen ist in den vergangenen Jahren in Deutschland eine Reihe von Pilotprojekten mit mehrgeschossigen Holzbauten entstanden. Vorläufiger Höhepunkt war das siebengeschossige Wohnhaus „e3“ in einer Baulücke in Berlin.

Acht Geschosse in Bad Aibling

Nun ist im oberbayerischen Bad Aibling, Landkreis Rosenheim, das achtgeschossige Gebäude „H8“ in Holzbauweise fertiggestellt worden. Mit dem Projekt sollte demonstriert werden, dass Holz auch bei hohen Gebäuden als Grundbaustoff einsetzbar ist und konventionelle Baustoffe ersetzen kann. Es wurde von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt unterstützt und ist eingebettet in das vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Projekt „Eine Militärbrache auf dem Weg zur Nullenergiestadt“.

Vorgefertigte Wandelemente

Die tragenden Wände bestehen aus Vollholz-Querschnitten zwischen 8 auf 8 und 16 auf 16 Zentimetern, die oben mit einem Rähm (waagerechten Abschluss) verbunden, dicht nebeneinander auf einer Schwelle stehen. Durch zweilagig aufgebrachte Gipsfaserplatten gegen Brand geschützt, sind diese Wände sowohl als Außen- und als Innenwand eingesetzt. Als Außenwand wurden sie komplett mit Mineralwolldämmung, Holzschalung und eingebauten Fenstern auf die Baustelle gebracht. Teilbereiche der Fassade, wie das Erdgeschoss und das Treppenhaus, sind verputzt.

Decken aus Brettsperrholzplatten

Als Decken wurden 20 Zentimeter dicke, untereinander gekoppelte Brettsperrholzplatten eingesetzt, die durch eine Splitt-Schicht bedeckt und von unten mit Gipsplatten verkleidet sind. In den Wohnbereichen ist auf die Gipsplatten verzichtet worden, sodass hier die Holzoberflächen sichtbar bleiben. Das Treppenhaus besteht zum Schutz gegen Feuer aus Beton und wurde ebenfalls in Fertigteilen auf die Baustelle gebracht. Die Wohnungen sind über einen Laubengang verbunden, diese Bauweise verhindert im Brandfall Gefahren durch Rauchbildung. Die Balkone wurden aus Stahl gefertigt, da sie direkt der Witterung ausgesetzt sind.

Flexible Grundrisse

Das zugrunde liegende Grundrisskonzept ermöglicht neben Wohnungen auch verschiedene Büro-Typen. Aufgrund nur weniger tragender Wände sind alle Grundrisse variierbar, sodass auch individuellen Wünschen und zukünftigen Entwicklungen entsprochen werden kann. Alle Nutzungseinheiten sind barrierefrei zugänglich. Das Gebäude verfügt über eine dezentrale Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Mit circa 18 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr hat es einen sehr geringen Wärmebedarf. Zum Vergleich: 2002 betrug der durchschnittliche Wärmebedarf in Deutschland 160 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr.

Der Holzbau wurde in 16 Arbeitstagen aufgestellt, alle zwei Tage ein Geschoss. Dabei wurden insgesamt rund 600 Kubikmeter Holz verbaut. Damit sind circa 600 Tonnen CO2, die während des Wachstums der Bäume der Erdatmosphäre entzogen wurden, in Form von Kohlenstoff im Gebäude gespeichert.

Hochhäuser für die Zukunft

Mit acht Geschossen ist die Grenze des Machbaren noch nicht erreicht. Im Londoner Stadtteil Shoreditch wurde bereits 2008 ein knapp 30 Meter hoher Wohnturm errichtet – acht Geschosse in Massivholz auf einem Sockelgeschoss aus Stahlbeton. Auf bis zu 20 Geschosse ist der sogenannte LifeCycle Tower ausgelegt, der von einem internationalen Team aus Architekten, Ingenieuren und Bauunternehmen im Rahmen eines Forschungsprojektes entwickelt wurde. Als ein erstes Pilotprojekt mit zunächst einmal acht Geschossen soll er im Frühjahr 2012 im österreichischen Dornbirn, nahe der Grenze zu Bayern fertiggestellt werden. Langfristig wird wohl auch in Deutschland der Holzbau nicht am Überschreiten der Hochhausgrenze gehindert werden können.