Konzepte für Kindertagesstätten Eine überschaubare Welt für Kinder

Der Maßstab hat sich umgedreht: Bis in die Sechzigerjahre war die Betreuung von Klein- und Kleinstkindern in öffentlichen Einrichtungen – zumindest in der Bundesrepublik – eher eine Ausnahme. Kinder sollten in der Familie groß werden, versorgt von ihren Müttern. Doch ohne Kindertagesstätte geht heute gar nichts mehr.

Kerkenkita in Wolfsburg Kerkenkita in Wolfsburg | Foto: SWW Architekten Längst haben Städte und Gemeinden auch dank staatlicher Förderprogramme die Bereitstellung und den Bau von Kindertagesstätten als soziale, gesellschaftliche und wirtschaftliche Notwendigkeit erkannt. Kein Wachstum ohne Kinder. Die Bildungs- und Lernlandschaft wird zum weichen Standortfaktor, auch für Unternehmen. Um den Zuzug von jungen Familien zu fördern, haben viele Kommunen nicht nur ein Augenmerk auf die pädagogischen Qualitäten gelenkt, sondern auch die Architektur der Einrichtungen für Kinder in den Vordergrund gerückt.

Viele pädagogische Neuerungen der Siebziger- und Achtzigerjahre, die sich aus der alternativen Kinderladenbewegung entwickelt haben, sind heute fest im Kindergartenalltag verankert und spiegeln sich im Innen- und Außenraum wieder. Die modernen Kitas haben sich in offene Räume zum Erleben, Toben, Experimentieren und zu freien Kommunikationszonen zwischen unterschiedlichen Altersgruppen entwickelt. Gemeinschaft und Individualität, die Bedürfnisse der Gruppe und die Interessen des Einzelnen werden gefördert. Vielmehr als bisher stehen die Interessen und Gefühle des Kindes sowie seine Identifikation mit der Gemeinschaft und dem Ort im Vordergrund.

Die Mitte spüren

Rote Giebelfronten, graue Dachlandschaften, die Fenster groß mit breiten, weiß gestrichenen Rahmen und unmittelbar über dem Boden fußend, jedes ganz eigen und wie von Kinderhand in die Fassade gesetzt. Es ist ein Haus für Kinder, die neue „Kerkenkita“ der St. Ludgerigemeinde in Wolfsburg: einladend, fröhlich, lebensbejahend. Von einem großen zentralen lichtdurchfluteten Raum, dem sogenannten Dorfplatz – Bewegungszone, Treffpunkt und Abholbereich zugleich – gehen die verschiedenen Kindergruppenräume und Multifunktionsräume ab.

Kerkenkita in Wolfsburg, Innenraum Kerkenkita in Wolfsburg, Innenraum | Foto: SWW Architekten Überall dominieren helle, gelbliche und orangefarbene sommerliche Farbtöne, dazu weiß gestrichene Mauerwerkswände, die Decken sind mit zementgebundenen Holzfaserplatten gedämmt, auch „Sauerkrautplatten“ genannt. Hier wird nichts verdeckt. Die beim Bau verwendeten Materialien bleiben sichtbar und damit auch erlebbar. Ein Prinzip, das Hendrik Welp von SWW Architekten und Stadtplaner BDA aus Braunschweig auch für die Nutzung der Kindergruppenräume gleichsam als pädagogisches Raumprinzip fortgesetzt hat.

Die „Kerken-Kitakinder“ können von vielen verschiedenen Perspektiven aus den gesamten Innen- und Außenbereich des Hauses erleben und überblicken, sich immer wieder vergewissern: „Wo bin ich?“ und „Wo sind die anderen?“. Es gibt Spielbereiche für kleine und große Gruppen. Auf den über Treppen zu erreichenden Podesten sind Rückzugsräume, Nischen zum Verkleiden und Verstecken. Von jeder Gruppe aus ist der vom Landschaftsarchitekten Thomas Mudra aus Edesbüttel gestaltete Garten zu erreichen. Jede Gruppe besitzt einen eigenen Obstbaum und kleine selbst zu pflegende Beete. Die gesamte Architektur verspricht dem Kind eine überschaubare Welt, eine intensive Beziehung zur Natur und zur unmittelbaren Umgebung des Kindergartens.

Urbane Ökologie

Kita Göttingen, Despang Architekten Kita Göttingen, Despang Architekten | Foto: Jochen Stüber Dass sich Lernlandschaften für Kinder auch mit Baustoffen wie Beton ebenso kinderfreundlich und naturnah gestalten lassen, offenbart die Göttinger Kita „Dr. Urban und Mr. Hide“, so der Arbeitstitel von Despang Architekten. Stadt- und landschaftsräumliche Anforderungen sind hier mit pädagogischen und vor allem ökologischen Bedürfnissen zusammengeführt. Besonders der Erhalt der hier ansässigen Feldhamsterpopulation lag vielen am Herzen.

Es ist ein Gebäude der Georg-August-Universität Göttingen, am Nordcampus gelegen, direkt neben dem XLAB der Architekten Bez+Kock, urban zur einen Seite und gleichzeitig einmodelliert in die Landschaft. Nach Süden und Osten öffnet sich der Bau zur Landschaft mit großen Fensterflächen. Von der Campusseite bleibt die Kita nur sichtbar als Hügel, nach Westen und Norden ist der Bau durch Anböschungen in den Boden eingegraben und über ein begrüntes Dach von dort aus auch begehbar.

Despang Architekten konnten hier zum zweiten Mal im Kita-Bau Passivhausstandard erreichen. Der Primärenergiebedarf beträgt nur 19 Kilowattstunden pro Quadratmeter im Jahr. Unterstützung gab es beim Energiekonzept durch Stefanie van Heeren vom Büro Raumplan. In einem selbstregulierenden System nutzt das Gebäude geothermische Kühle und solare Energie. Beton fungiert dabei als optimierte thermische Speichermasse. Decken und Wände sind aus Betonfertigteilen ausgeführt und innen wie außen sichtbar geblieben.

Kita Göttingen, Despang Architekten Kita Göttingen, Despang Architekten | Foto: Jochen Stüber Viel durchflutendes Licht, auch aus Oberlichtern, lässt den Beton samtig erscheinen. Tobe-, Wohn- und Schlafräume, ein Musikzimmer und unterschiedlich gestaltete und möblierte Flurbereiche vermitteln den Kindern neue Erlebniswelten. Möbel, Türen und sämtliche Einbauten sind aus hellem Fichtenholz gefertigt. Der Bodenbelag ist aus Linoleum, versehen mit feinen Einstreuungen aus echtem Aluminium. Er glitzert dabei wie ein „Sternenhimmel auf einem nächtlichen Gewässer“, so Architekt Martin Despang. Raum erleben und entdecken ist neben den ökologischen und energiesparenden Aspekten das Leitbild für die Architekten. Sie verstehen ihren Bau als „bioklimatischen Baukörpermechanismus“, der, so Martin Despang, Natur wie Kreatur als selbstverständlich erscheinen möge.