Kunstmuseum Ahrenshoop Entschleunigter Kunstgenuss

Kunstmuseum Ahrenshoop
Kunstmuseum Ahrenshoop | © Voigt & Kranz UG Prerow

Das Entwerfen von Museen hat heute den Kirchenbau als Königsdisziplin des architektonischen Schaffens abgelöst. Keine Bauaufgabe lässt den Baukünstlern so viele Freiheiten, ihre Raum- und Formvorstellungen zu verwirklichen. Für viele Architekten ist es deshalb eine undankbare Aufgabe, ein Museum zu planen, das sich nicht selbstgefällig in die Brust wirft, das sich unauffällig in den lokalen Kontext einreiht und auf regionale Bauformen zurückgreift, ohne sich traditionalistisch-nostalgisch anzubiedern.

Malerkolonie in der Abgeschiedenheit

Volker Staab Architekten aus Berlin haben sich einer solchen Aufgabe mit Bravour entledigt. Sie hatten den von der Stiftung Kunstmuseum Ahrenshoop ausgelobten Wettbewerb gewonnen. Das kleine beschauliche Fischerdorf auf der Ostseehalbinsel Fischland-Darß-Zingst hatte sich seit 1898 als Malerkolonie einen Namen gemacht, als sich viele Künstler der hektischen Szene in den Großstädten entzogen, um in Abgeschiedenheit, aber nicht ohne die Gesellschaft von ihresgleichen, zu arbeiten. Naturgemäß machten viele die karge Landschaft zwischen Ostsee und Saaler Bodden zum Sujet ihrer Malerei.

Künstlerkolonie Ahrenshoop, Elisabeth von Eicken, nach 1880 Künstlerkolonie Ahrenshoop, Elisabeth von Eicken, nach 1880 | Foto: Kunstmuseum Ahrenshoop Während des Ersten Weltkriegs zerstreuten sich die Kolonisten, doch danach zog das Fischerdorf vor allem in den Sommermonaten wieder neue Künstler an, darunter Alfred Partikel, Theodor Schultze-Jasmer und Hedwig Woermann. Nach Gründung der DDR wählten manche Künstler das Fischland als Rückzugsort, um weitab vom zentral gesteuerten Kulturbetrieb politischem Druck auszuweichen. Auf diese Weise erfüllte Ahrenshoop weiterhin seine Funktion als Künstlerkolonie und versucht auch heute, die Tradition und seinen Ruf als Ort der Kunstentstehung und -vermittlung auch für die Zukunft aufrechtzuerhalten, zum Beispiel mit Stipendiaten oder Ateliers, die für Touristen offen stehen.

Zwischen Tradition und Moderne

Kunstmuseum Ahrenshoop Kunstmuseum Ahrenshoop | Foto: Voigt & Kranz UG Prerow Dazu trägt seit Kurzem das neue Kunstmuseum bei, das vor allem die Vermittlung dieser Tradition zum Auftrag hat. Das am Ostrand des Ortes gelegene Museum scheint sich wie ein kleiner Hof den anderen Anwesen hinzuzugesellen. Fünf in Maßstab und Form den örtlichen Bautypen angeglichene Hauskörper formieren sich, ungezwungen schiefwinklig zueinander gestellt, zu einer Art Gehöft. Die etwa gleich großen Gebäude sind durch einen flachen Trakt miteinander verklammert, in dem sich das Foyer als zentraler Zugang befindet.

Kunstmuseum Ahrenshoop Kunstmuseum Ahrenshoop | Foto: Voigt & Kranz UG Prerow Mit der Verkleidung von Wänden und Dächern durch eine „Karosserie“ aus Messingblechbahnen mit einem unregelmäßigen Profil erinnern die Häuser an die auf dem Darß, dem mittleren Teil der Ostseehalbinsel Fischland-Darß-Zingst, allgegenwärtigen Reetdächer. Das anfangs goldblinkende Messing wird sich durch Patina bald an die Reetdach-Nachbarn angleichen. Die Häuser haben keinen Traufüberstand und statt eines Firsts eine Aufkantung, hinter der sich das Oberlicht befindet, genügend formale Eigenheiten also, um sich als moderne Artefakte von den traditionellen Fischerhäusern abzusetzen.

In einem der Häuser befindet sich ein Seminarraum und die Verwaltung. In den anderen vier Häusern betritt man jeweils einen fensterlosen „White Cube“ von angenehmer, großen wie kleinen Bildformaten dienlicher Dimension. Tageslicht fällt, mithilfe von Prismengläsern weich gestreut, durch die Oberlichter. Eine schmale Glastür, gleichzeitig als Rettungsweg dienend, knüpft die visuelle Beziehung zur Außenwelt. Die vier fast gleich proportionierten, nicht allzu großen Räume mit ihren gleichförmigen Wänden sind leicht zu bespielen und verlangen den Kuratoren keine besonderen Anstrengungen und Geistesblitze ab.

Kunstgenuss im Urlaub

Kunstmuseum Ahrenshoop Kunstmuseum Ahrenshoop | Foto: Voigt & Kranz UG Prerow Die Besucher des Kunstmuseums in Ahrenshoop auf dem Darß kommen in Freizeitkleidung und Urlaubsstimmung vorbei. Stressfrei und beiläufig, vielleicht an einem Regentag, genießen sie einen ganz entspannten Museumsbesuch. Sie erwartet eine sorgfältig und liebevoll kuratierte Ausstellung, beseelt vom Geist des Ortes. Um uns ist ein Schöpfungstag, die Eröffnungsausstellung, wurde konzipiert, um Ahrenshoop als Künstlerort vor Augen zu führen. Sie zeigt die Wechselwirkungen zwischen Gründern der Kolonie wie Paul Müller-Kaempff oder Elisabeth von Eicken und jenen Künstlern, die als Sommergäste in die Küstenregion kamen. Darunter waren durchaus berühmte Namen – Erich Heckel, Alexej von Jawlensky oder Lyonel Feininger etwa, auch César Klein und George Grosz sowie Gerhard Marcks mit seinen Skulpturen. Auch DDR-Malergrößen wie Manfred Böttcher und Wolfgang Mattheuer waren in Fischland/Darß auf Motivsuche fündig geworden.

Kunstmuseum Ahrenshoop Kunstmuseum Ahrenshoop | Foto: Voigt & Kranz UG Prerow Ein international beachteter, spektakulärer Neubau mit Bilbao-Effekt ist auf dem Darß nicht entstanden, doch das wäre dem Ort nicht angemessen. Der Gewinn beim Besuch des Hauses und seiner Sammlung besteht im entschleunigten Kunstgenuss und dem Gefühl, die Wahrnehmungen der Künstler an diesem besonderen Ort nachempfinden zu können. Für viel lobende Worte in der Tages- und Fachpresse hat es bislang allemal gereicht und die Architekturpreise werden nicht lange auf sich warten lassen.