Autobahnkirche Siegerland Wegekirchen der Moderne

Autobahnkirche Siegerland
Autobahnkirche Siegerland | Foto (Ausschnitt): © Peter Stockhausen

Seit Reisende nicht mehr per pedes apostolorum (lat. „auf den Füßen der Apostel“) unterwegs sind, ist die Wegekirche, ein Bautypus früherer Jahrhunderte, in Vergessenheit geraten. In Deutschland allerdings (und nur ganz vereinzelt in Österreich) hat sich die Tradition in Form der Autobahnkapellen oder -kirchen bis in die Gegenwart gehalten. Seit 1958 trifft man auf die Hinweisschilder für die Gotteshäuser. Eine übergeordnete Instanz für deren Betrieb gibt es nicht. Träger und Initiatoren für die oft ökumenischen, also konfessionell offenen Kirchen sind jeweils örtliche Kirchengemeinden, Vereine oder Initiativen.

Folgt der gestresste Autoreisende auf der Suche nach einem Ort der Ruhe und der stillen Einkehr den blau-weiß-schwarzen Hinweisschildern für Autobahnkirchen mit dem stilisierten Kirchensymbol, trifft er am Rand der Betonpisten auf alle nur denkbaren Formen von Gotteshäusern. Da scheinen offenbar archaische Pyramiden oder Abschussrampen, fliegende Untertassen, Keksdosen oder Schuhkartons als Vorbilder gedient zu haben. Oft sind es auch historische Fachwerkkapellen oder Gemeindekirchen, die prominenteste ist sicher die „Feiniger-Kirche“ im thüringischen Gelmeroda, bekannt als ein bevorzugtes Motiv des expressionistischen Künstlers Lyonel Feininger.

Origamimodell an der Autobahn

Autobahnkirche Siegerland Autobahnkirche Siegerland | Foto: Peter Stockhausen Doch was dort im Siegerland in Nordrhein-Westfalen an der Autobahn A45 beim Autohof Wilsdorf schon von Weitem über den Waldrand grüßt, gleicht auf verblüffende Weise den Hinweisschildern. Zumal wenn es weiß strahlend in den Abendhimmel leuchtet. Der Effekt ist durchaus geplant. Die Architekten Till Schneider und Michael Schumacher aus Frankfurt am Main haben ein Kirchengebäude entworfen, das aus der Fernsicht exakt die Form des bekannten Symbols annimmt. Aus der Nähe freilich entfaltet sich der weiße Bau wie ein Origamimodell zu einer weit komplexeren Form, die aus keiner Richtung wirklich zu erfassen ist – obwohl der Kirchenraum eigentlich auf einem schlicht quadratischen Grundriss basiert.

Eingang mit sogartiger Wirkung

Autobahnkirche Siegerland Autobahnkirche Siegerland | Foto: Peter Stockhausen Konstruiert ist der Bau auf einem Betonsockel als Holzständerwerk, das innen und außen mit groben, weiß beschichteten Spanplatten beplankt wurde. Die Wände enden nach oben in pyramidalen Spitzen, die die Silhouette der charakteristischen „Turmhelme“ bilden. Der Bau steht auch nicht fest auf der Erde, sondern weicht im Sockelbereich zurück, scheint an der Hangkante zu balancieren. Zum Parkplatz hin greifen die Wände weit aus und formen einen trichterartigen Eingang, der die Besucher förmlich einzusaugen scheint – eine architektonisch formulierte Willkommensgeste, wie sie in dieser Signifikanz und Suggestivkraft selten anzutreffen ist.

Atmosphärisch sanfter Innenraum

Autobahnkirche Siegerland, Wandinschrift Autobahnkirche Siegerland, Wandinschrift | Foto: Peter Stockhausen Die Wand neben der Eingangstür ziert der Psalm 91,11 „Er hat seinen Engeln befohlen, dich zu behüten auf allen deinen Wegen“. Bei der Gestaltung der metallen schimmernden Lettern ließ sich der Frankfurter Designer Peter Zizka von der „Heckklappentypografie des Fetischs Auto“ leiten.

Autobahnkirche Siegerland, Innenraum Autobahnkirche Siegerland, Innenraum | Foto: Peter Stockhausen Was sich durch die Glastür abzeichnet und bei Abendbeleuchtung in warm-goldenem Licht verheißungsvoll nach draußen leuchtet, ist im Kontrast zum gezackten, expressiven Außenbau eine überraschend andere formale Welt. Ein bergender, umhüllender, atmosphärisch sanfter, freundlicher Raum empfängt den Besucher. Es sind wiederum rohe Spanholzplatten, in runden Formen ausgeschnitten, geschlitzt und ineinander gesteckt, mit denen der Kuppelraum gebildet wird. Es handelt sich eigentlich nur um ein offenes Spantengitter, das dennoch die Illusion eines sakralen Raumes zu erzeugen vermag. Dazu trägt auch das Licht bei, das über die Oberlichter der Türme durch die Holzrippenkonstruktion geleitet wird und eine spirituelle Atmosphäre erzeugt, als hätten die Barockbaumeisterbrüder Asam mit Rat zur Seite gestanden.

Die formalen Vorbilder sind jedoch eher im Expressionismus des frühen 20. Jahrhunderts zu finden, man denkt an Bruno Taut, Hans Scharoun oder Wenzel August Hablik, im Inneren dagegen an Hermann Finsterlin oder Otto Bartning. Eine Art Chornische bildet den von Zenitlicht erleuchteten Raum für das schlichte, weiße Kreuz und den ebenso schlichten Altar. Es gibt kein festes Gestühl, sondern nur einfache Hocker.

Autobahnkirche Siegerland, Innenraum Autobahnkirche Siegerland, Innenraum | Foto: Peter Stockhausen Aus den Vollen schöpfen konnten die Architekten nicht, denn die 40. Autobahnkirche in Deutschland ist auf Initiative eines Privatmanns mithilfe eines eigens gegründeten Fördervereins Autobahnkirche Siegerland nur aus Spendenmitteln errichtet worden und wird durch den Förderverein auch unterhalten und betrieben.

Trotz einfachster, preisgünstiger Bauweisen und Materialien ist es durch das Einfühlungsvermögen der Gestalter gelungen, einen Sakralraum mit eindrücklicher Atmosphäre zu schaffen, wie er modernen Kirchen selten zu eigen ist. So wurde die Autobahnkirche Siegerland eine der schönsten, spektakulärsten, aber auch spirituellsten Stätten, die an deutschen Autobahnen zu Ruhe und Andacht einladen.
 

Buchhinweis

Helen Schiffer (Hg.), Autobahnkirche Siegerland, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-00-043532-4