Streetart am Beispiel Hannover
Heimat markieren und den Alltag bunt machen

Hannover Streetart, Enni Vuong
Hannover Streetart, Enni Vuong | © Jan Willem Huntebrinker

Graffiti und Streetart sind längst nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken. Täglich tauchen neue kreative Äußerungen und Statements auf, andere verschwinden. Die Kunst im öffentlichen Raum bleibt ständig in Bewegung.

Streetart wird oft mit Vandalismus gleichgesetzt. Dass sich hinter Streetart aber auch neue Formen der Kunst im öffentlichen Raum verbergen und sich damit eine Brücke zur Auseinandersetzung mit Raum, Architektur und Stadt bauen lässt, hat das Projekt Wem gehört die Stadt? in Zusammenarbeit von Jugendlichen, Architekten, Historikern, Künstlern und Kommunikationsdesignern in Hannover deutlich gemacht. Jan Willem Huntebrinker vom Historischen Museum Hannover hat es initiiert.

„Experiment Strassenkunst“

Hannover-Mitte, Pro-Nana Kundgebung am Leibnizufer Hannover-Mitte, Pro-Nana Kundgebung am Leibnizufer | Bildarchiv HMH, Foto: Niehuus, Essen Straßenkunst und Kunst im öffentlichen Raum haben in Hannover Tradition. 1970 wurde das Programm Experiment Straßenkunst auf den Weg gebracht, um Menschen zu erreichen, die sonst nicht mit Kunst in Berührung kommen. Man wollte der Stadt das graue und langweilige Image nehmen. Mit zeitgenössischer Kunst und gezielten Provokationen wurden die Bewohner in den Dialog um die Wahrnehmung ihrer Stadt einbezogen. Anfangs gab es zwar jede Menge Bürgerfuror, aber auch viel Anerkennung und Zustimmung. Was folgte, waren Aktionen wie der Rote Faden. Eine rote Farbspur schlängelt sich seit 1971 durch die Straßen Hannovers und verbindet Kunst und Architektur mit dem Stadtraum.

Rhythmus der Stadt

Diese Strategie der Kunstvermittlung geht jedoch so manchem Streetart- und Graffitikünstler an der Lebenswirklichkeit der Jugend vorbei. Ihre Bildsprache ist geprägt vom Rhythmus der Stadt, auch von der Ödnis der suburbanen Ränder. Nicht alle gehen dabei so herausfordernd vor wie Moses, dessen Tags sich entlang der Zugtrassen durch ganz Hannover ziehen. Streetart lebt von einer subversiven Kraft, von Provokation, aber die ist nicht zwangsläufig zerstörerisch und kriminell.

Poetische Alltagsergänzung

Hannover, Street Art, Jan Lotz Hannover, Street Art, Jan Lotz | Foto: Jan Willem Huntebrinker Im Projekt Wem gehört die Stadt sind Jugendliche ihren urbanen Lebenswelten mit sehr differenzierten, dem Ort verbundenen temporären Statements begegnet. Schablonentechnik am Bauzaun gehörte ebenso dazu wie direkte Eingriffe in den Stadtraum. Jan Lotz beispielsweise war fasziniert vom Licht in der Stadt. Grundlage für seine aus Paketklebeband gestalteten Motive auf Plexiglas waren Fotografien von Menschen, die in der Altstadt von Hannover leben. Diese in einem aufwendigen Prozess aus Schichten von Klebeband gefertigten Kunstwerke gleichen Sepia-Fotografien. Befestigt an den Schirmen der historischen Straßenlaternen in der Nähe des Niedersächsischen Landtags, waren sie im Schein des Lichts nur bei Nacht als Überraschungsmoment und poetische Ergänzung zum Alltäglichen zu sehen.

Begegnungen des Zufalls

Hannover, Street Art Hannover, Street Art | Foto: Lasse Kück Das Spiel in der Stadt haben Ellen Kubicki und Shana M'Baya, ebenfalls im Projekt Wem gehört die Stadt zum Thema gemacht. Den jungen Frauen fehlte es an Leichtigkeit, an Freiräumen für das Spielen und am spielerischen Umgang mit Straßen und Räumen. Ihre Idee war ein temporärer Spieleparcours rund um das Leineufer mit einfachen Materialien, kleinen Eingriffen, spontanen Gesten und Aufforderungen zum Mitmachen.

Enni Vuong fokussierte sich auf das Areal zwischen Landtag und Neuem Rathaus. Die Treppe an der historischen „Flusswasserkunst“ liegt genau in der Sichtachse zwischen den beiden Regierungsgebäuden. Das Niedersachsenross ist hier mehrfach als Motiv präsent. Dieses Hoheitssymbol hat Vuong zum Ausgangspunkt genommen, um den Ort mit dem historischen Rathausbau im Hintergrund zu einem romantisierenden Bild zu verschmelzen. Alle Stufen der Treppen wurden mit farbigen und nachtleuchtenden Folienstreifen beklebt, die auch im Dunkeln das Motiv mit den zwei Einhörnern sichtbar machten.

Kollektives digitales Gedächtnis

Diese und andere Projekte aus dem Bereich Kunst im öffentlichen Raum werden auf der Website von Hannoverliebe dokumentiert. Auf ihrer ständig wachsenden Karte, die auch Lieblingsorte der Nutzer enthält, werden hier Kunstentdeckungen im öffentlichen Raum gesammelt und so zum kollektiven digitalen Gedächtnis. Es ist eine Initiative, um die Stadt anders zu präsentieren und neue Identifikationen mit emotionalen Bezügen zu schaffen.