Neue S- und U-Bahnhöfe Baukultur im Untergrund

Als Infrastrukturbauten des Schienenverkehrs – eigentlich klassische Bauaufgaben des späten 19. bis frühen 20. Jahrhunderts – erleben S- und U-Bahnhöfe seit Anfang des dritten Jahrtausends eine ästhetische  Renaissance. Ihr früher betont nüchterner Zweckbaucharme ist hohen gestalterischen Ansprüchen gewichen.

City Tunnel Leipzig, Station Wilhelm-Leuschner-Platz City Tunnel Leipzig, Station Wilhelm-Leuschner-Platz | © Deutsche Bahn AG, Foto: Martin Jehnichen Während in Düsseldorf bis 2015 mit der Wehrhahn-Linie eine komplett neue Trasse von 3,4 Kilometern unter der Innenstadt entsteht, hat Hamburg 2013 die Verlängerung der U-Bahnlinie 4 fertiggestellt, die den neuen Stadtteil HafenCity mit der Innenstadt verbindet. Berlin plant unterdessen die Anbindung der Linie 55, der sogenannten Kanzler-U-Bahn, die den Reichstag mit dem Hauptbahnhof verbindet, an die Linie 5.

Projekt S-Bahn Mitteldeutschland

Das mit 17 Jahren Realisierungszeit längste und mit 960 Millionen Euro wahrscheinlich kostenintensivste Bauprojekt leistete sich jedoch Leipzig. Hier verbinden seit Ende 2013 zwei rund 1,4 Kilometer lange Tunnel den Leipziger Hauptbahnhof in der Altstadt und den ehemaligen Bayerischen Bahnhof mit vier unterirdischen und zwei überirdischen Stationen. Insgesamt verknüpfen nun sieben Linien das Leipziger Umland mit der Innenstadt. Die unterirdischen Stationen entstanden nach Plänen von renommierten Büros wie HPP Architekten (Hauptbahnhof), KSW Architekten (Markt), Peter Kulka (Bayerischer Bahnhof) und Max Dudler.

Max Dudlers Entwurf für die Station Platz der friedlichen Revolution – vormals Wilhelm-Leuschner-Platz – wurde 2013 mit dem Leipziger Architekturpreis ausgezeichnet. Die im Querschnitt rechteckige Bahnsteighalle mit einem mittigen Inselbahnsteig liegt in 20 Metern Tiefe. Wände und Decke der stützenfreien Halle sind mit Feldern aus hinterleuchteten Glasbausteinelementen verkleidet, die von einem Gitterwerk aus Sichtbeton-Rahmen getragen werden. Die Wandelemente der Glasbausteinhülle stehen auf einer Stahlkonstruktion, die in der Tunnelwand verankert ist, die Deckenelemente sind von der Rohbaukonstruktion abgehängt.
 
  • City Tunnel Leipzig, Station Wilhelm-Leuschner-Platz © Deutsche Bahn AG, Foto: Martin Jehnichen
    City Tunnel Leipzig, Station Wilhelm-Leuschner-Platz
  • City Tunnel Leipzig, Station Wilhelm-Leuschner-Platz © Deutsche Bahn AG, Foto: Martin Jehnichen
    City Tunnel Leipzig, Station Wilhelm-Leuschner-Platz
  • City Tunnel Leipzig, Station Wilhelm-Leuschner-Platz © Deutsche Bahn AG, Foto: Martin Jehnichen
    City Tunnel Leipzig, Station Wilhelm-Leuschner-Platz
  • Stachus Untergeschoss München, Gestaltung Allmann Wappner Sattler Foto: Brigida Gonzales
    Stachus Untergeschoss München, Gestaltung Allmann Wappner Sattler
  • Stachus Untergeschoss München, Gestaltung Allmann Wappner Sattler Foto: Brigida Gonzales
    Stachus Untergeschoss München, Gestaltung Allmann Wappner Sattler
  • Marienplatz Untergeschoss München, Gestaltung Allmann Wappner Sattler Visualisierung: ASW Büro
    Marienplatz Untergeschoss München, Gestaltung Allmann Wappner Sattler
  • Marienplatz Untergeschoss München, Gestaltung Allmann Wappner Sattler Visualisierung: ASW Büro
    Marienplatz Untergeschoss München, Gestaltung Allmann Wappner Sattler
  • Micha Pawlitzki, Buchpublikation Unter Grund, Edition Panorama © Micha Pawlitzki & Edition Panorama
    Micha Pawlitzki, Buchpublikation Unter Grund, Edition Panorama
  • Micha Pawlitzki, Buchpublikation Unter Grund, Edition Panorama © Micha Pawlitzki & Edition Panorama
    Micha Pawlitzki, Buchpublikation Unter Grund, Edition Panorama

Unbedingter Gestaltungswille

Durch die Wiederholung des doppelten Quadratrasters wirkt der leicht gekrümmte Raum trotz seiner Dimensionen von 15 Metern Höhe, 20 Metern Breite und 140 Metern Länge aufgeräumt, hell und übersichtlich. Dazu trägt auch das Bahnsteigmobiliar bei: Sitzgelegenheiten, Fahrplanaushänge und Fahrkartenautomaten sind aus Betonkuben herausgearbeitet, die sich wie geometrische Objekte über die Länge des Bahnsteigs verteilen. Als Kontrapunkt zur industriell-technischen Anmutung der Wände ist der Boden des Inselbahnsteigs aus hellem, fugenlosem, vor Ort gefertigtem Terrazzo-Boden gegossen.

Bei allem Lob für die „funktionale Reduktion und Klarheit“ der unterirdischen Bahnsteighalle erfahren die beiden überirdischen Zugangsbauten, vom Architekten als „bewusst gesetzter Kontrast zur filigranen und transparent anmutenden Bahnsteighalle“ gestaltet, deutliche Kritik: Das Leipziger Stadtforum bemängelte anlässlich der Preisverleihung die fehlende Rücksicht auf den städtebaulichen Kontext. Dieser allerdings war 1997 beim Wettbewerbsentscheid noch gar nicht vorhanden.

Facelifting im Sperrengeschoss

In München, das seine U-Bahn erst im Vorfeld der Olympischen Spiele von 1972 plante, findet die Neugestaltung des U- und S-Bahnhofs Marienplatz hingegen uneingeschränkte Zustimmung. Die Stadtgestaltungskommission billigte den Entwurf von Allmann Sattler Wappner Architekten, die den Wettbewerb für die Neugestaltung des Sperrengeschosses 2011 zusammen mit dem Lichtplaner Ingo Maurer gewonnen hatten, einstimmig. Der ehemalige Oberbürgermeister Christian Ude lobte, dass die Planung „dem hohen Anspruch dieses zentralen Ortes und der Münchner U-Bahn-Architektur“ gerecht werde.

Aufräumen und ordnen

Dabei haben die Architekten im Wesentlichen aufgeräumt und den heute durch Einbauten aus den 1970er-Jahren stark verstellten Bestand auf einfach verständliche und visuell klare Räume reduziert. Die markanten blauen Kacheln als prägendes Element der Treppenhäuser bleiben ebenso erhalten wie die ursprünglich von Alexander von Branca orangefarben gestalteten U-Bahnsteige. Das im Sommer 2012 vorgestellte, verfeinerte Konzept sieht vor, die Decke im Zentralbereich des Sperrengeschosses mit roten Deckenplatten zu verkleiden und mit speziell entwickelten, flächig integrierten LED-Modulen zu beleuchten. Dagegen sind die neuen Ladenpassagen in den Randbereichen mit silberfarbenen Wandfassaden und heller Decke ausgeführt. Dadurch wird die rund 1.700 Quadratmeter große zentrale Halle – von den Proportionen her ein eher gedrungener Raum – deutlich heller und großzügiger. Um Akzeptanz für die expressive Farbe zu gewinnen, haben Ingo Maurer, die Architekten und die Stadtwerke eigens einen Musterraum auf der Baustelle eingerichtet.
 

Buchtitel „Unter Grund“ Buchtitel „Unter Grund“ | © Micha Pawlitzki & Edition Panorama Der Bildband Unter Grund. U-Bahn-Stationen in Deutschland des Fotografen Micha Pawlitzki zeigt auf eindrucksvolle Weise die Neugestaltung der U-Bahnhöfe in Deutschland. Das Buch enthält über 200 Fotografien in Farbe und Texte von Thilo Hilpert, Stefan Meyer-Miethke und Micha Pawlitzki. Es ist bei Edition Panorama 2013 erschienen.