Architektur-Biennale Venedig „Bungalow Germania“

Deutscher Pavillon in Venedig
Deutscher Pavillon in Venedig | Foto: Frank Kaltenbach

66 Länder schicken in Venedig ihre Kuratoren an den Start, um die Architektur ihres Landes in einem internationalen Umfeld zu präsentieren. Als Trophäe winkt der „Goldene Löwe“, die Auszeichnung für den besten aller Pavillons. Doch 2014 ist alles anders. Der Direktor der Biennale, der niederländische Architekt Rem Koolhaas, gab den Kuratoren der Länderpavillons ein Thema vor: „Absorbing Modernity 1914–2014“. Statt aktuelle Architekturprojekte oder Visionen für die Zukunft zu zeigen, waren die Kuratoren angehalten, die Geschichte der Moderne in ihrem jeweiligen Land zu erforschen und vorzustellen.

Welches Gebäude kann man in Deutschland als „die“ Ikone der Moderne bezeichnen? Die Wahl von Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis, den Kuratoren des deutschen Beitrags, fiel auf den Kanzlerbungalow von Sep Ruf in Bonn aus dem Jahr 1964. Sie bauten eine originalgetreue Replik dieses Bungalows im deutschen Pavillon in Venedig auf. Die Konfrontation der informellen Nachkriegsarchitektur, der Wohnung mehrerer Bundeskanzler von Ludwig Erhard bis Gerhard Schröder, mit der monumentalen Präsentationsarchitektur des klassizistischen Ausstellungsbaus von 1909, sollte Anlass bieten, nicht nur über Architektur, sondern auch über den Wandel gesellschaftlicher Verhältnisse in Deutschland nachzudenken.

Ikone der deutschen Nachkriegsmoderne

Der deutsche Pavillon ist einer der ältesten Länderpavillons in den Giardini von Venedig. Erbaut wurde er 1909 als Bayerischer Pavillon, später zum Padiglione di Germania umbenannt. Im Jahr 1938 verwandelte der Münchner Architekt Ernst Haiger die spielerisch runden Säulen in einen streng monumentalen Portikus, und damit den ganzen Bau in eine Repräsentationsarchitektur des Nationalsozialismus.
Als informellen Gegenpol dazu wählten die Kuratoren den Bonner Kanzlerbungalow. Kein anderes Gebäude in Deutschland stand so sehr im Rampenlicht der Presse. Hier gaben sich von 1964 bis 1989 die wesentlichen Akteure der Weltpolitik die Klinke in die Hand. Kaum ein anderes Gebäude war in der Öffentlichkeit so umstritten. Als Antwort auf die selbstherrliche Repräsentationsarchitektur des Deutschen Kaiserreichs und die monumentale Einschüchterungsarchitektur des Nationalsozialismus wollte der Architekt Sep Ruf für die junge deutsche Republik eine Architektur schaffen, die der Bescheidenheit des „Maßhaltens“, der politischen Ausrichtung des neuen Bundeskanzlers Ludwig Erhard, eine räumliche Form verlieh. Das Konzept „Bungalow Germania“ vereinigt die radikalen Positionen des Kanzlerbungalow und des Padiglione di Germania zu einem neuen hybriden Gebilde.
 
  • Kuratoren des Deutschen Pavillons in Venedig Foto: Frank Kaltenbach
    Kuratoren des Deutschen Pavillons in Venedig
  • Deutscher Pavillon in Venedig Foto: Frank Kaltenbach
    Deutscher Pavillon in Venedig
  • Eingangsbereich Deutscher Pavillon Foto: Frank Kaltenbach
    Eingangsbereich Deutscher Pavillon
  • Innenansicht Deutscher Pavillon Foto: Frank Kaltenbach
    Innenansicht Deutscher Pavillon
  • Blick auf die Rauminstallation Foto: Frank Kaltenbach
    Blick auf die Rauminstallation
  • Innenansicht Deutscher Pavillon Foto: Frank Kaltenbach
    Innenansicht Deutscher Pavillon
  • Kaminumgang Deutscher Pavillon Foto: Frank Kaltenbach
    Kaminumgang Deutscher Pavillon
  • Kanzlerbungalow 1964 Foto: Ludwig Wegmann, Bundesbildstelle Berlin
    Kanzlerbungalow 1964
  • Kanzlerbungalow, Außenansicht, 1964 Foto: Schwäbisch Hall, Archiv/Museum Würth, Künzelsau, Paul Swiridoff
    Kanzlerbungalow, Außenansicht, 1964
  • Chioccolatore Foto: Frank Kaltenbach
    Chioccolatore

Backstein, Palisanderholz und Aluminiumrahmen

Die Kuratoren des deutschen Pavillons verzichteten auf jegliche digitale oder grafische Hilfsmittel und verließen sich allein auf die Kraft der Architektur, auf Material, Farbe, Licht und Raum. Sechs Wochen lang dauerte die Rekonstruktion des repräsentativen Innenhofs des Bonner Kanzlerbungalows. Sorgfältig wählten Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis die Furniere aus Nussbaum und Palisander, für den Kamin wurden eigens 16 Tonnen Ziegelsteine, die in Textur und Farbe identisch mit dem Vorbild in Bonn sind, gebrannt. Sogar die Küche ließen die Kuratoren originalgetreu nachbauen, und ein gezielt gesetzter Halogenscheinwerfer suggeriert strahlenden Sonnenschein, selbst bei trübem Wetter in der Lagunenstadt. Die entscheidende Qualität des Bonner Kanzlerbungalows konnten sie indes nicht reproduzieren: die Transparenz und die Offenheit zu den weiten Grünräumen des Rheinufers. Statt des Blicks in die Landschaft ist der Bungalow in die engen Mauern des Pavillons eingezwängt. Doch diese Kollisionen, diese Widersprüche sind von den Kuratoren beabsichtigt, um Fragen zu provozieren.

„Performing Architecture”

Der Besucher bleibt mit diesem Konzept sich selbst überlassen, weiterführende Erläuterungen liefern der Katalog und Publikationen. Ergänzt wird der puristische Beitrag jedoch durch das vielseitige Programm Performing Architecture. Choreografen, Komponisten und Theatermacher erforschen mit den ureigensten Mitteln ihrer Disziplinen die Wirkung, Bedeutungen und Relevanz von Architektur – im deutschen Pavillon und im gesamten Stadtraum von Venedig. So hat der Regisseur William Forsythe bei der Eröffnung die Besucher bei seiner Performance Birds, Bonn 1964 mit Vogelgezwitscher verblüfft, das innerhalb der dicken Pavillonmauern an die Bonner Rheinauen erinnerte. Nur die wenigsten Besucher konnten den jeweils wandelnden Ursprung des Gezwitschers lokalisieren: Es kam nicht aus Lautsprechern, sondern wurde von einem speziell ausgebildeten Vogelzwitscherer, auf italienisch Chioccolatore, nachgeahmt, der zwitschernd durch den Pavillon wandelte.