Steiff-Spielzeugfabrik in Giengen Gläserne Ikone der Moderne

Steiff Spielzeugfabrik
Steiff Spielzeugfabrik | Foto: Steiff

Nur wenige Zweckgebäude können mit einer solch einzigartigen Entstehungsgeschichte aufwarten wie der bereits 1903 entstandene gläserne Produktionsbau der Steiff-Spielzeugfabrik.

Im Jahr 1932 erfuhr das damals schon knapp 30 Jahre alte und weitgehend unbekannte Fabrikgebäude der Steiff-Werke im schwäbischen Giengen an der Brenz für kurze Zeit eine erstaunliche Wertschätzung. Die verdankte es zum einen seinem modernen Aussehen, zum anderen seiner innovativen Bauweise. In der progressiven Frankfurter Architekturzeitschrift Die neue Stadt wurde der kleine gläserne Fabrikbau als „Ikone der Moderne” gefeiert: Er sei in seiner „ganz unpathetischen und schlichten Eleganz der Konstruktion“ eines der besten Ergebnisse des „Kampfes um die funktionale Architektur“. Im selben Jahr entdeckte der Ingenieur Hermann Maier-Leibnitz den Bau als „wohl erstes Glashaus für Fabrikationszwecke“ für sein Kompendium Der Industriebau.

Eine echte „Curtain Wall“

Dies geschah nicht unverdient, denn der sogenannte Ostbau der Firma Steiff war bereits im Jahr 1903 in modernster Weise als reine Stahl-Glas-Konstruktion mit einer zweischaligen, hinterlüfteten Glasfassade ausgeführt worden. Der dreigeschossige Stahlskelettbau wurde auf einer Grundfläche von 30 mal 12 Metern als schlichter, quergerichteter Quader mit Sockel und einem flachen Pultdach errichtet. Die äußere Glashaut ist vom Sockel bis zum Gesims durchgehend ausgebildet und dem Tragesystem vorgehängt. Sie bildet eine echte sogenannte Curtain Wall (deutsch: Vorhangfassade), die zudem konsequent um die Ecken geführt wurde. Ein Architekt ist nicht in den Akten vermerkt, der Entwurf wird jedoch heute meist Richard Steiff, dem Neffen der Firmengründerin Margarete Steiff, zugeschrieben, der an der Kunstgewerbeschule Stuttgart ausgebildet wurde und während eines England-Aufenthaltes 1897 den Crystal Palace zur Weltausstellung in London und die Gewächshausbauten im Glas-Eisen-Stil studieren konnte.

Margarete Steiff (1847–1909), seit ihrer frühen Kindheit auf den Rollstuhl angewiesen, hatte 1880 mit der Gründung der Manufaktur den Grundstein zum Imperium der Spielzeugwarenfabrik in Giengen gelegt. Sie produzierte anfangs Nadelkissen in Elefantenform, die sogenannten Elefäntle, dann wechselte sie mit weich gestopften Spieltieren aus Filz ins Spielwarengeschäft, was massive Auswirkungen haben sollte: 1902 wurde von ihrem Neffen Richard der erste Teddybär mit dem Modellnamen Bär 55 PB für Steiff entwickelt. Nachdem die Produktion aufgrund der großen internationalen Nachfrage rapide anstieg, wurde ein rascher Ausbau der Fabrikationsfläche notwendig.
 
  • Spielzeugfabrik Steiff, historische Ansicht Foto: Steiff
    Spielzeugfabrik Steiff, historische Ansicht
  • Spielzeugfabrik Steiff, historische Ansicht Foto: Steiff
    Spielzeugfabrik Steiff, historische Ansicht
  • Spielzeugfabrik Steiff, Gesamtanlage, historische Ansicht Foto: Steiff
    Spielzeugfabrik Steiff, Gesamtanlage, historische Ansicht
  • Spielzeugfabrik Steiff, Gesamtanlage, historisches Luftbild Foto: Steiff
    Spielzeugfabrik Steiff, Gesamtanlage, historisches Luftbild
  • Spielzeugfabrik Steiff, historische Ansicht Foto: Steiff
    Spielzeugfabrik Steiff, historische Ansicht
  • Spielzeugfabrik Steiff, Innenansicht Foto: Steiff
    Spielzeugfabrik Steiff, Innenansicht
  • Fassadendetail Steiff Spielzeugfabrik Foto: Rudolf Fischer
    Fassadendetail Steiff Spielzeugfabrik

Einzigartige Fassadenkonstruktion

Ein entscheidendes Kriterium für die Gebäudekonzeption stellte die Beleuchtung der Arbeitsräume dar. Zum Nähen an Arbeitstischen war gleichmäßiges Tageslicht ideal. Wirtschaftliche Erwägungen mochten auch für die Wahl der Bauweise, einer Stahlskelettkonstruktion, gesprochen haben, die im Vergleich zur Massivbauweise relativ schnell und kostengünstig realisiert werden konnte. Den Zuschlag für die Ausführung bekam die Stahlbaufirma Eisenwerk München AG, die im süddeutschen Raum bereits einige Glas-Eisen-Konstruktionen realisiert hatte. Die einzigartige Fassadenkonstruktion der Steiff-Fabrik stellt ein hinterlüftetes, mehrschaliges und transparentes System dar, das modernen Klima-Fassaden-Systemen vorgreift und eine Glanzleistung der Ingenieurgeschichte darstellt.

Das Fassadensystem des Steiff-Fabrikgebäudes aus dem Jahr 1903 ist die wohl früheste Version einer Curtain Wall im Fabrikbau und nicht etwa das von Walter Gropius 1911 erbaute Fagus-Werk in Alfeld. Ein ähnlicher alle Seiten durchgehend umspannender Glasvorhang findet sich in Deutschland erst wieder Ende der 1920er-Jahre beispielsweise in den Bauten von Mies van der Rohe.

Genehmigung mit Hindernissen

Angesichts der für das Jahr 1903 geradezu futuristisch anmutenden Bauplanung gab es erhebliche Probleme mit den Behörden. Die Baugenehmigung wurde erst nach längeren Verhandlungen, und nur „unter ausdrücklichen Bedingungen, vorbehaltlich und auf eigenes Risiko“ erteilt, da die Zulassung eines solchen Gebäudes ohne Vorbild war. Die Gewerbeinspektion vermerkte auf den Baugesuchsplan: „In so einem Glashaus wird man blind.“
In der Tat war die Arbeit in dem Gebäude aufgrund fehlender Sonnenschutzmaßnahmen gerade in den Sommermonaten sehr beschwerlich. Der Innenraum verwandelte sich in einen Brutkasten. Als Gegenmaßnahme wurde die Glasfassade in den heißen Monaten mit Farbe geschlämmt und im Herbst wieder abgewaschen.

Die markante Fabrik aus Glas und Stahl scheint aber grundsätzlich begeistert zu haben: 1904 bis 1910 wurden weitere Bauten realisiert, die in Konstruktion und Aussehen nahezu identisch mit dem Gebäude von 1903 waren, allerdings auf einer Holzkonstruktion basierten. Schon bald nachdem die gläserne Steiff-Fabrik Anfang der 1930er-Jahre von den avantgardistischen Architektur-Magazinen gefeiert worden war, fiel sie in einen Dornröschenschlaf. Erst in den 1970er-Jahren wurde das Gebäude von den Architekturhistorikern wiederentdeckt.