Gedenkstätte Ahlem Ein über die Zeit hinausweisender Ort

Gedenkstätte Ahlem
Gedenkstätte Ahlem | Foto: Roland Halbe

Im Juli 2014 wurde die neu gestaltete Gedenkstätte Ahlem im Westen Hannovers eröffnet – ein Ort mit einer besonderen und wechselvollen Geschichte. Ursprünglich hatte hier die 1893 gegründete Gartenbauschule für jüdische Jungen und Mädchen in Handwerksberufen ihren Standort. In den 1940er-Jahren lenkte die Geheime Staatspolizei (Gestapo) von hier aus die Deportation der jüdischen Bevölkerung Hannovers und richtete ein Polizei-Ersatzgefängnis ein.

Nicht weit entfernt von den prosperierenden Industrien im Westen Hannovers schuf der hannoversche Bankier Alexander Moritz Simon Ende des 19. Jahrhunderts eine damals deutschlandweit einmalige Bildungseinrichtung: die Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem, 1919 umbenannt in Israelitische Gartenbauschule Ahlem. Gegliedert war die Einrichtung in eine Volksschule, einen Lehrbetrieb und eine Mädchenschule für Hauswirtschaft. Kinder und Jugendliche lernten hier alle Grundlagen für gärtnerische, handwerkliche und landwirtschaftliche Berufszweige, die bislang der jüdischen Bevölkerung verschlossen geblieben waren.

Neue Perspektiven

Die Gartenbauschule in Ahlem eröffnete jüdischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus allen Teilen Europas neue Perspektiven. Hier konnten sie als Gärtner, Pflanzenzüchter, Landwirte, Gartenarchitekten, Landschaftsplaner, Lehrer, Handwerker und als Hauswirtschafterinnen ausgebildet werden. Nach dem Tod Simons entstanden zwei weitere landwirtschaftliche Lehr- und Internatseinrichtungen in den Orten Steinhorst und Peine – jeweils mit Geldern der Alexander-und-Fanny-Simon-Stiftung finanziert und von Architekt Heinrich Tessenow errichtet.

Gedenkstätte Ahlem Gedenkstätte Ahlem | Foto: Roland Halbe Die Berichte und Zeugnisse der ehemaligen Ahlemer, deren Lebenswege in alle Teile der Welt führten – nach Palästina in die Kibbuzbewegung, nach England oder in die USA und nach Südamerika – sind heute ein Teil der Ausstellung in der Gedenkstätte. In Form von biografischen Stationen werden sie sichtbar gemacht. Die weitere Geschichte der Gartenbauschule dagegen führt weit weg von den reformerischen Idealen des beginnenden 20. Jahrhunderts in die Zeit nationalsozialistischer Diktatur. Nach 1933 wurde die Gartenbauschule nur noch geduldet, da sie Auswanderungsvorbereitungen diente. 1942 kam die endgültige Schließung.

Die Gestapo hatte ab 1941 das gesamte Schulareal in Beschlag genommen und noch während des Schulbetriebs wurde dort eine Sammelstelle für die Deportation der jüdischen Bevölkerung Hannovers eingerichtet. Jüdische Zwangsarbeiter aus sogenannten Mischehen waren auf dem Gelände untergebracht. 1944 wurde für die Gestapo noch ein Polizei-Ersatzgefängnis eingerichtet. Politische Häftlinge, Zwangsarbeiter aus den umliegenden Lagern der Maschinenfabrik Niedersachsen Hannover und aus dem Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme sowie Sinti und Roma wurden hier verhört, gefoltert und ermordet. Die Erlösung und Befreiung für die wenigen Überlebenden kam am 10. April 1945 durch die 84. Division der US-Armee.

Ausdrucksstarke Anlage

Gedenkstätte Ahlem Gedenkstätte Ahlem | Foto: Roland Halbe Seit 1987 ist das ehemalige Direktorenhaus der Israelitischen Gartenbauschule ein Erinnerungsort für die Menschen, die Ahlem als Station auf dem Weg in den Tod durchleben mussten. Mit dem 2011 ausgeschriebenen Architekten- und Gestaltungswettbewerb eröffnete die Region Hannover die Chance, die Konzeption für die Gedenkstätte räumlich und inhaltlich neu zu fassen.

Nominiert mit dem ersten Preis wurde das hannoversche Büro Ahrens Grabenhorst Architekten Stadtplaner BDA gemeinsam mit den Landschaftsarchitekten Chora blau und dem Büro Ikon Ausstellungen. Ihr im Sommer 2014 fertiggestelltes Gemeinschaftswerk ist eine ausdrucksstarke Anlage, die den Charakter des Denkmals mit seiner inhaltlichen und formalen Monumentalität souverän durch erlebbare Gestaltungsmittel erneuert. Wegweisend dafür war die Idee, die Gedenkstätte stärker in äußere, in städtebauliche und landschaftliche Zusammenhänge einzubeziehen und damit dauerhaft in Raum und Zeit einzuschreiben.

Großzügige Offenheit

Gedenkstätte Ahlem Gedenkstätte Ahlem | Foto: Roland Halbe Die Anbindung zur Straße und zum Stadtviertel wird durch einen kraftvollen minimalistischen Neubau aus Beton und Glas geschaffen. Dieser ist dem ehemaligen Direktorenhaus mit der Dauerausstellung vorgeschaltet. Sein weit auskragendes Dach, das scheinbar leicht von sieben filigranen, glasummantelten Stützen getragen wird, empfängt den Besucher mit großzügiger Offenheit. Unter dem Schutz des weiten Sichtbetondaches schweift der Blick in die Freianlagen des ehemaligen Schulgartens mit seinen Kräuter-, Obst- und Staudenbeeten, dem alten Baumbestand, den Hecken aus Liguster, Mahonien und Buchsbäumen. Mit bodentiefen Panoramafenstern im Neubau und im zweiten Geschoss des Altbaus nehmen Ahrens Grabenhorst Architekten immer wieder Bezug auf den Außenraum.

Spuren der Vergangenheit

Gedenkstätte Ahlem Gedenkstätte Ahlem | Foto: Roland Halbe Im Direktorenhaus sind die Innenräume und fragilen Spuren der Vergangenheit feinsinnig und präzise aus ihrer Starre befreit. Für die neue Dauerausstellung steht nun das gesamte Gebäude zur Verfügung. Medien- und Lernräume im Erd- und Dachgeschoss sowie ein Vortragssaal unter dem Neubau ergänzen die Ausstellungskabinette. Begriffe wie Erinnern gegen das Vergessen und Autonomie des historischen Raumes sind mit der Gesamtgestaltung der Architektur als versöhnende, verbindende, der Zukunft und dem Leben zugewandte Geste neu definiert. Ahlem ist heute ein über die Zeit hinausweisender Ort.