Alpine Architektur Neue Projekte in den Bergen

Kanzelwandbahn
Kanzelwandbahn | Foto: Klaus Noichl

Schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts lockt die heilende Wirkung des Bergklimas Touristen, Naturschwärmer und Wintersportler in die Alpen. Neben Almwiesen und Berghütten entstanden Hotel- und Kuranlagen, Straßen, Brücken und Skipisten. Diesen oft unschönen Großbauten setzen heute immer mehr Architekten Bauten entgegen, die sich durch sorgfältige Materialwahl und den Dialog mit dem Ort auszeichnen.

Der Architekt Bruno Taut entwarf im Jahr 1919 eine Reihe kristallartiger Bauten, mit denen er die Alpen in eine fantastisch-expressionistische Kunstlandschaft verwandeln wollte. „Alpine Architektur“ nannte sich seine Entwurfsmappe mit farbigen Zeichnungen und Raumvisionen für die Berglandschaft und für die Selbstbefreiung des Menschen durch mehr Licht, Farbe und neue Formen. Tauts poetische Vision, die sich als Gegenentwurf zu den politischen und sozialen Zuständen in Stadt und Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg verstehen lässt, blieb Utopie. Seine Idee vom Bauen in den Bergen als eine Symbiose aus Natur und künstlerischer Schöpfung gewinnt jedoch gerade in den letzten Jahren wieder an Bedeutung.

Regionale Identität ohne Bergromantik

In der Schweiz und in Österreich haben Architekten wie Peter Zumthor, Bearth & Deplazes, AO Architekten oder die Holzspezialisten Hermann Kaufmann und Bernado Bader mit faszinierenden und höhentauglichen Bauten gezeigt, wie sich zeitgemäßes und nachhaltiges Bauen mit regionaler Identität realisieren lässt. Insbesondere die Vorarlberger Initiative für Baukultur hat sich seit den 1990er-Jahren zu einem international anerkannten Laboratorium für den Holzbau und eine regionalspezifische Architektur entwickelt, die Technologie mit alternativen Wohn-, Arbeits- und Lebensformen verbindet.

Lokale Ressourcen und sanfter Tourismus

Mittlerweile hat sich diese Architekturrichtung von den Alpen auch auf nördlichere Regionen ausgeweitet. Anwohner wie Touristen wünschen sich von der zeitgenössischen Architektur den Erhalt bestehender Kulturlandschaften, weshalb zunehmend auf den Ausbau lokaler Ressourcen, nachhaltige Landwirtschaft und auf eine einfache Lebensweise gesetzt wird.
 
  • Bruno Taut, Alpine Architektur, Blatt 17, Baugebiet, Hagen 1919, vollständig einsehbar unter: http://goobipr2.uni-weimar.de/viewer/ ©
    Bruno Taut, Alpine Architektur, Blatt 17, Baugebiet, Hagen 1919, vollständig einsehbar unter: http://goobipr2.uni-weimar.de/viewer/
  • Monte Rosa Hütte Zermatt Foto: Tonatiuh Ambrosetti
    Monte Rosa Hütte Zermatt
  • Kanzelwandbahn, Kleinwalsertal Foto: Klaus Noichl
    Kanzelwandbahn, Kleinwalsertal
  • Kanzelwandbahn, Kleinwalsertal Foto: Klaus Noichl
    Kanzelwandbahn, Kleinwalsertal
  • Natur-Hotel Tannerhof, Bayrischzell Foto: Tannerhof
    Natur-Hotel Tannerhof, Bayrischzell
  • Natur-Hotel Tannerhof, Bayrischzell Foto: Tannerhof
    Natur-Hotel Tannerhof, Bayrischzell
  • Natur-Hotel Tannerhof, Bayrischzell Foto: Tannerhof
    Natur-Hotel Tannerhof, Bayrischzell
  • Wohnhaus Bad Kohlgrub Foto: Wolf Frey
    Wohnhaus Bad Kohlgrub
  • Wohnhaus Bad Kohlgrub Foto: Wolf Frey
    Wohnhaus Bad Kohlgrub
Eine zeitgemäße und angemessene Alpenarchitektur verfolgen beispielsweise die beiden Oberstdorfer Architekten Angelika Blüml und Klaus Noichl. Bekannt sind sie durch ihre Bergbahnstationen im Allgäu, wie die Scheidtobelbahn am Fellhorn, die Koblatbahn am Nebelhorn, die Möserbahnstation am Fellhorn und die Hörnerbahn Bolsterlang. Auch der Umbau und Anbau auf der Kanzelwand im Kleinen Walsertal zeigt, dass mit kleinen, aber funktionalen Eingriffen bestehende Bergarchitekturen nicht zwangsläufig ihren Charakter einbüßen müssen und dabei keine Nachteile für die Landschaft entstehen.

Die Landschaft ins Zimmer holen

Ein touristischer Anziehungspunkt ist der 2012 vom Münchner Architekten Florian Nagler fertig gestellte Tannerhof in den bayerischen Voralpen in Bayrischzell. Das Naturhotel und Gesundheitsresort wurde mit dem Preis des Bundes Deutscher Architekten Bayern 2013 und dem Deutschen Holzbaupreis 2013 in der Kategorie „Bauen im Bestand” ausgezeichnet. Zusammen mit den Bauherren Burgi von Mengershausen und Roger Brandes plante Florian Nagler den 400 Jahre alten Bauernhof und späteren Sanatoriumsbau um und ergänzte auf dem großräumigen Außengelände die kleinen, rustikalen Hütten durch hüttenartige Türme mit einer kubischen und gradlinigen Architektur. Die darin gelegenen Zimmer sind als Quader übereinander gestapelt. Mit großen Fenstern und Balkonen wird die Landschaft in die Zimmer geholt.

„Baue nicht malerisch“

Neues Bewusstsein in der Alpinen Architektur zeigt sich auch durch die Nutzung regionaler Ressourcen, selbst beim Bau von einfachen Funktionsbauten wie einem Kuhstall. Das ohne industrielle Aufbereitung verwendete Vollholz, das Florian Nagler 2007 für die schlichte Konstruktion verwendete, kam direkt aus dem Wald des Bauherren und wurde in einem nahe gelegenen Sägewerk bearbeitet. Ein passendes Statement für ein einfaches, dem Ort und der Aufgabe angepasstes Bauen lieferte bereits 1913 der Architekt Adolf Loos: „Baue nicht malerisch. Überlasse solche Wirkung den Mauern, den Bergen und der Sonne. Der Mensch, der sich malerisch kleidet, ist nicht malerisch, sondern ein Hanswurst. Der Bauer kleidet sich nicht malerisch. Aber er ist es.“

Dass dieses Grundverständnis heute wieder an Boden gewinnt, zeigt auch das von Architekt Wolf Frey 2010 errichtete Wohnhaus mit innen liegender Ferienwohnung in Bad Kohlgrub in den Ammergauer Alpen. „Bleibe“ heißt es, was einerseits als Aufforderung und als ein einfaches Zuhause verstanden werden kann. Es ist ein puristischer Betonbau mit viel Glas und Holz, kubisch, mit Satteldach, einfach und energiesparend. Auf allen Wohnebenen fällt viel Licht ein und bietet trotz der 50 Zentimeter dicken Betonwände Raum für Gipfelblick und Nähe zur alpinen Natur, Entschleunigung, Stille, Kontemplation und das friedliche Geläute der Kuhglocken.