Inklusion im Schulbau Gemeinsam eins sein

Lerncampus in Osterholz-Scharmbeck
Lerncampus in Osterholz-Scharmbeck | Foto: Yohan Zerdoun

Inklusion in der Schule erfordert ein Umdenken der Planungs- und Gestaltungsprozesse. Dabei greifen Bildungsvermittlung, Architektur und Städtebau ineinander.

„Eine Schule für alle“, „Lernen und teilhaben in einer Schule der Vielfalt“, das waren bereits in den 1990er-Jahren neue Leitbilder zur Verbesserung der Bildungsqualität in Deutschland. Im 2003 erstellten Index für Inklusion erhielten diese Forderungen ihr Fundament. Die Integrationspädagogen Iris Boban und Andreas Hinz von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg haben den Index erarbeitet und sich dabei an den Erfahrungen britischer Kollegen orientiert.

In vielen Kooperationsprojekten entwickelten Barbara Brokamp und Karl Heinz Imhäuser im Auftrag der Bonner Montag-Stiftungen den Inklusionsgedanken konsequent weiter, hin zu einer gemeinschaftlichen Kultur- und Bildungslandschaft. Maßgeblich war dabei immer auch ein Umdenken der Planungs- und Gestaltungsprozesse von Schule, sie betrafen nicht nur die Bildungsvermittlung, sondern auch die Architektur und den städtebaulichen Kontext. Richtig in Schwung kam die Umstellung zur inklusiven Schule durch die 2008 in Kraft getretene UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Was ihre Umsetzung betrifft, so gibt es in den einzelnen Bundesländern noch große Unterschiede.

Generationsübergreifendes Modell für alle

Die im Norden von Bremen gelegene Stadt Osterholz-Scharmbeck hat sich zum Beispiel beim Neubau eines inklusiven Lerncampus im Vorfeld der Planung gezielt mit den Auswirkungen des demografischen Wandels beschäftigt. Die neue Einrichtung entstand inhaltlich wie städtebaulich als generationsübergreifendes Modell für alle Mitbürger. Eine Oberschule, „Lernhaus im Campus“ genannt, ein Medienhaus und ein Bildungshaus sind mit Sport- und Freizeitanlagen zu einer flexiblen Bildungslandschaft für alle verbunden. Gestaltet wurde das Ensemble von Kister Scheithauer Gross Architekten und Stadtplaner zusammen mit Feldschnieders + Kister Architekten BDA, Henke + Blatt Landschaftsarchitekten sowie Wolff + Partner Ingenieure.

Orte der Gemeinschaft

Die Stadt Oldenburg verfolgt mit ihrem Neubau der Berufsbildenden Schulen (BBS III) ebenso ein neues Leitbild und ebnet künftig jungen Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam einen Weg in Schule und Beruf. Über 3.200 Schülerinnen und Schüler aus den landwirtschaftlichen, pflegerischen, erzieherischen, gastgewerblichen, Ernährungs- und Gesundheitsberufen werden in dem 2015 fertiggestellten Neubau untergebracht sein. Das generationsübergreifende Konzept legt besonderen Wert auf die Aspekte „miteinander arbeiten“ und „voneinander lernen“. Geplant und entwickelt wurde das Projekt in der Zusammenarbeit von Dohle + Lohse Architekten und Chora Blau Landschaftsarchitektur. Realisiert wird es über eine Architektur mit barrierefrei zugänglichen Lern- und Aufenthaltsräumen.
 
Das Erdgeschoss ist mit einem Orientierungssystem für Sehbehinderte und Blinde ausgestattet und öffnet den Weg zu großen Innenhöfen. Sie sind Orte der Gemeinschaft und werden als „Marktplatz“, „Schlemmerhof“ und Aufenthaltsbereich mit vertikalen Gärten genutzt. Wie in einer Produktionsschule produzieren und verkaufen Schülerinnen und Schüler aus Bäckerei, Konditorei und Blumenladen eigene Erzeugnisse und Produkte und servieren Speisen und Getränke aus der Mittagsküche in den beiden Innenhöfen und in den Lehrrestaurants. Der dritte mit vertikal wachsenden Schling- und Kletterpflanzen ausgestattete Innenhof dient als Pausenraum. Teil der Schule ist auch eine Kinderkrippe. Sie bietet Betreuung für 15 Kinder von Schülern und Lehrern und ist gleichzeitig Lernort für angehende Erzieherinnen und Erzieher.

Visuelle, haptische und räumliche Qualitäten

Inklusive Bildung ist in der Grundschule Westerbeck-Sassenburg im östlichen Niedersachsen ebenfalls Programm. Der Neubau am Dorfrand legt sich mit großem Außengelände ganz flach über die weite und offene Wiesenlandschaft. Sein unverwechselbares Gesicht erhält der von Augustin Frank Architekten 2012 fertiggestellte Bau durch seine ungewöhnliche Dachform mit ihren markanten Auffaltungen im Eingangsbereich sowie durch ihre bunte, umlaufende Brüstung aus Kunststoffplatten. Diese ist mit einem verpixelten farbigen Motiv bedruckt. Was aus der Nähe wie abstrakte Farbformationen wirkt, offenbart sich aus der Entfernung als Blumenwiese. Neue visuelle, haptische und räumliche Qualitäten sind innen mit einem markanten Farbkonzept, großen Sichtbetonflächen und viel Glas umgesetzt. Eine hohe Eingangshalle bietet gleichzeitig Raum für Veranstaltungen wie auch für eine geplante Mensa.

Gleichberechtigung, Fairness und Wertschätzung für alle einzufordern, ist eine Strategie, die nachhaltig in die Gesellschaft wirkt. Architektur untermauert diese Idee, gibt ihr Gestalt und Raum.